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Armstrongs Geständnis Und was ist mit Ullrich?

 ·  Nach Armstrongs Doping-Geständnis hätte auch Jan Ullrich sagen können: Jetzt oder nie! Er hätte sich wie damals auf der Rennstrecke in den Windschatten des Amerikaners hängen und endlich auspacken können. Doch er wolle sich nicht vor einem Millionenpublikum äußern, sagt Ullrich.

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© AFP Aktiv gegen passiv: Armstrong tickt immer noch im Angriffsmodus, Ullrich war schon immer der nette Kumpel

Lance Armstrong und Jan Ullrich, das waren zeit ihrer Karrieren Gegenpole auf zwei Rädern, die besten Fahrer ihrer Generation und doch völlig unterschiedlich. Aktiv gegen passiv. Hier Armstrong, der Diktator, der sein Team führte wie eine Eliteeinheit der Navy Seals, ein Tyrann, für den es nur Freund oder Feind gab, der Kritiker und Ankläger wie den italienischen Rennfahrer Filippo Simeoni oder die Masseurin Emma O’Reilly mit beispiellosen Vernichtungsfeldzügen überzog.

Was ist das, wenn sich einer, der nun einräumt, bei allen sieben Tour-Siegen gedopt gewesen zu sein, nach seinem Triumph 2005 auf den Champs-Elysées in Paris aufs Podium stellt und sagt: „An alle, die nicht an den Radsport glauben, an alle Zyniker und Skeptiker: Ihr tut mir leid. Mir tut leid, dass ihr nicht groß träumen könnt! Es tut mir leid, dass ihr nicht an Wunder glaubt! Es gibt hier keine Geheimnisse! Das ist ein hartes Rennen, und harte Arbeit setzt sich durch.“ Ist das noch die Skrupellosigkeit eines „arroganten Deppen“, wie Armstrong sich jetzt selbst nannte, als ihm Oprah Winfrey im Interview das Video von damals vorspielte? Oder ist das die Schizophrenie eines Größenwahnsinnigen?

Armstrong hat sich nicht verändert seither. Er ist in die Defensive geraten, aber er tickt noch immer im Angriffsmodus. Sein Geständnis war keine Läuterung, es war der sentimental gefärbte Ausdruck kühler Berechnung. Der Mann weiß, was er will, er ist noch immer ein Meister der taktischen Planung. Wie damals, als er seine Kritiker vor sich her trieb, bedient er sich einer Armee gutbezahlter juristischer Helfer.

Er ist berechnend, er will einen Weg finden, die lebenslange Sperre zu reduzieren, die ihm Travis Tygert aufgebrummt hat, der Chef der amerikanischen Anti-Doping-Agentur Usada, er will im Triathlon, im Marathon noch einmal zurück auf die große Bühne des Sports. Dafür hat er getan, was getan werden musste: Er hat gestanden, sich entschuldigt, jeder darf ihn von nun an einen Lügner nennen, das konnte er nicht verhindern.

Und was ist mit Ullrich, dem zweitbesten Fahrer seiner Generation? Einmal Sieger und fünfmal Zweiter der Tour de France, fünfmal hinter überführten Power-Dopern, dreimal hinter Armstrong, einmal hinter Marco Pantani, einmal hinter Bjarne Riis. „Jan möchte sich nicht konkret zu Lance Armstrongs Interview äußern. Zudem er das Interview auch nicht im Detail verfolgt hat“, lässt sein Sprecher ausrichten. Gegenüber dem Nachrichtenmagazin Focus erklärte Ullrich selbst, dass er „sicherlich nicht Armstrongs Weg gehen und vor einem Millionenpublikum sprechen“ werde, auch wenn das einige von ihm immer wieder „fordern und vielleicht auch erwarten“.

Es sei für ihn „nichts Neues“, lässt sich Ullrich dann noch zitieren: „Ich nehme es zur Kenntnis. Aber die Zeit von Lance und mir im Radsport liegt schon so lange zurück, dass das auf mein Leben keinen Einfluss hat.“ Das war’s. Verweigerte Handlung. Passivität. Wieder eine verpasste Chance. Ullrich hätte nach Armstrongs Geständnis auch sagen können: Jetzt oder nie!

Vielleicht fünf von 200 Tour-Fahrern waren sauber

Er hätte sich wie damals auf der Rennstrecke in den Windschatten des Amerikaners hängen können, was wäre groß passiert, wenn auch er ausgepackt hätte, gut beraten wie Armstrong, wenn er nur das, was verjährt ist, nur das, was opportun ist, erklärt hätte? Wenn er ein kleinstmögliches Doping-Geständnis präsentiert hätte wie Armstrong? Wie das seine Telekom-Kollegen Aldag, Bölts oder Zabel schon vor Jahren getan haben?

Wo doch jeder weiß, was Armstrong gegenüber Oprah Winfrey auf den Punkt gebracht hat: dass Doping im Radsport so normal war, „als ob man sagen würde, wir brauchen Luft in unseren Reifen oder Wasser in unseren Flaschen. Es war Teil des Jobs.“ Vielleicht fünf von 200 Tour-Fahrern seien sauber gewesen, sagte Armstrong.

Ullrich war nie ein Tyrann wie der Texaner. Er war immer ein netter Chef, keiner der alten Kumpel würde ein schlechtes Wort über den Kapitän von damals sagen. Und deshalb ist das Team Telekom/T-Mobile auch nicht auseinandergefallen wie das US Postal Team, auch dann nicht, als einige Fahrer nicht mehr um ein Doping-Geständnis herumkamen. Es gab keine Rachegelüste gegen den Chef, es gab keine Kronzeugen, keine „Verräter“ wie Floyd Landis, der Armstrongs Enttarnung einleitete, oder George Hincapie, der ihm den Rest gab.

Gute Freunde kann niemand trennen, die Telekom-Familie hält bis heute zusammen, die Omertà, das Schweigen und gegenseitige Decken ist intakt, und so steht die deutsche Anti-Doping-Agentur Nada im Vergleich zur gefeierten Usada wie ein zahnloser Tiger da. Lars Mortsiefer, ihr Vorstand, sieht denn auch im Fehlen von Kronzeugen das größte Hindernis, um einen Durchbruch und eine Aufarbeitung im Radsport zu erreichen. „Es fehlt an Leuten, die auspacken“, sagt er.

„Alle Informationen von Sportlern, Trainern oder Eltern“

Dass Armstrongs erzwungenes Geständnis einen Mann wie Ullrich zur Nachahmung motivieren könnte oder dass andere ehemalige Telekom/T-Mobile-Fahrer dies zum Großreinemachen nutzen würden, diese Hoffnung war nicht groß - und sie ist schon wieder dahin, auch wenn Mortsiefer und die Nada die Causa Armstrong zum Anlass nehmen, noch einmal darauf hinzuweisen, dass sie „alle Informationen von Sportlern, Trainern, Eltern oder anderen beteiligten Personen über mögliche Doping-Aktivitäten entgegennimmt, auch anonym, und sie in jedem Fall intensiv weiter verfolgt.“

Dass die finanziell chronisch klamme, von Politik und Wirtschaft am Handlungsminimum gehaltene Nada solch hilflos anmutende Aufrufe publiziert, zeigt, wie schwer sie sich mit dem Radsport tut. Das gilt auch für die Zusammenarbeit mit Staatsanwaltschaften. Nur so ist erklärbar, dass ein Mann wie Andreas Klöden, einst Ullrichs bester Helfer beim Team Telekom/T-Mobile und selbst Zweiter der Tour de France 2004 hinter Armstrong, noch immer unbehelligt Radrennen fährt, obwohl die Expertenkommission zur Aufklärung von Doping-Vorwürfen gegenüber Ärzten der Uni Freiburg als gesichert festgestellt hat, dass Klöden in Freiburg mit Eigenblut gedopt wurde.

Lance Armstrong: „Ja - ja - ja - ja - ja“

Im August vergangenen Jahres hatte die Nada Akteneinsicht bei der Staatsanwaltschaft in Freiburg beantragt, Vermerk „eilbedürftig“, bis heute hat sie diese nicht erhalten, die Zeit läuft ihr davon, die Verjährungsfrist rückt näher, 2014 ist es so weit. Selbst Ullrich blieb lange unbehelligt, wurde erst im Februar 2012 wegen seiner Verwicklung in die Affäre um den spanischen Doping-Arzt Fuentes vom internationalen Sportgerichtshof Cas für zwei Jahre gesperrt.

Ullrich hatte anschließend von „Fehlern“ gesprochen, sich aber nicht zu einem eindeutigen Doping-Bekenntnis durchgerungen. Wie es um seine Glaubwürdigkeit bestellt ist, belegt seine Reaktion auf die Aberkennung aller sieben Armstrongschen Tour-Siege, wodurch er im Prinzip Anrecht auf dreimal Gelb hätte. Daran habe er kein Interesse, sagte Ullrich, der zurückgezogen in der Schweiz lebt. Er wisse, „wie damals die Reihenfolge am Zielstrich war“.

„Da dachte ich, ich wäre aus dem Gröbsten heraus“

Wie Armstrong ist auch Ullrich um die Klippen staatlicher Ermittlungen herumgekommen. 2008 stellte die Staatsanwaltschaft Bonn ihre Ermittlungen gegen ihn wegen Betrugsvorwürfen gegenüber T-Mobile gegen eine Zahlung „in sechsstelliger Höhe“ ein. Auch die US-Bundesanwaltschaft hatte 2012 nach zwei Jahren ihre Ermittlungen gegen Armstrong eingestellt.

Sie konnte nicht klären, ob von Armstrong beim mit Steuergeldern finanzierten US-Postal-Team ein Doping-Programm aufgebaut worden war. „Da dachte ich, ich wäre aus dem Gröbsten heraus“, sagte Armstrong im Interview mit Oprah Winfrey. War er aber nicht: Die Usada ermittelte weiter - und hatte dabei staatsanwaltliche Ermittler an ihrer Seite, die darüber wachten, dass sich die Aussagen vernommener Fahrer mit denen bei früheren staatlichen Anhörungen deckten.

„Ich werde den Rest meines Lebens versuchen, Vertrauen zurückzugewinnen und mich bei den Leuten zu entschuldigen“, sagte Armstrong, und das klang schon wieder zu schön, um wahr zu sein. Vermutlich wird er den Rest seines Lebens versuchen, die Kontrolle wiederzuerlangen. Und Ullrich? Was wird er tun den Rest seines Lebens?

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Jahrgang 1957, Sportredakteur.

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