http://www.faz.net/-gu9-74x63
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 08.12.2012, 18:49 Uhr

Anti-Dopingkampf des DOSB Ein stumpfes Schwert

Die Enttarnung von Dopingsündern im Spitzensport lässt zu wünschen übrig. Dennoch werden Doper weiterhin nicht vom Staat verfolgt. Der DOSB hat eine Verschärfung auf seinem Bundestag abgelehnt.

von
© dpa Abgewunken, nicht durchgewunken: Der DOSB stellt sich gegen die Strafbarkeit von Doping

Wer hat Angst vor dem Staatsanwalt? Dopende Athleten in Deutschland jedenfalls nicht. Ihre Trainer vielleicht, ihre Ärzte oder Betreuer, wenn sie die Manipulation organisieren, den Stoff einkaufen und weitergeben. Aber die Zentralgestalt, und sei es ein Westentaschen-Armstrong der Bundesrepublik, kommt weiterhin ziemlich sorglos davon. Denn am Samstag hat der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) den Antrag des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), in Zukunft auch den Besitz von Dopingmitteln ohne Einschränkung unter Strafe stellen zu lassen, bei seiner Mitgliederversammlung glatt abgebügelt.

Anno Hecker Folgen:

Nur 25 der 459 stimmberechtigten Delegierten sprachen sich für die Empfehlung des DLV aus, während eine riesige Mehrheit für eine leichte Verschärfung der Gesetzeslage im Sinne des DOSB-Präsidiums votierte. Damit bleiben die Verhältnisse der vergangenen sechs Jahre betoniert: Der organisierte Sport will seine unsauberen Pappenheimer selbst fangen. Den Doper bewahrt er vor dem Zugriff des Staatsanwaltes.

Nur nichts riskieren

Lange ist nicht mehr so leidenschaftlich auf einer Mitgliederversammlung diskutiert worden. Schon am Vorabend dröhnte es in den Wandelhallen der Stuttgarter Liederhalle, schlugen sich Funktionäre wie Journalisten Argumente um die Ohren, dozierten bis spät in der Nacht zu einem der zentralen Themen des deutschen Spitzensports: „Es geht hier um die Glaubwürdigkeit im Anti-Doping-Kampf“, sagte der frühere DLV-Präsident Helmut Digel, Mitinitiator des Vorstoßes.

Seine Gegner reüssierten mit der wohlformulierten Sorge, der autonome Sport könne sein „schärfstes Schwert“ verlieren, die Kontrolle über seinen Kampf gegen die Geißel Doping. „Die Sportgerichtsbarkeit ist schnell und präzise, sie würde hinter die Strafgerichtsbarkeit zurückgedrängt“, klagte Christa Thiel, Vizepräsidentin für Leistungssport, „Verbände werden abwarten, was der Staat entscheidet, weil sie Angst vor Schadenersatzprozessen haben.“ Schon zuckten die Delegierten und klatschten Beifall. Nur nichts riskieren.

Mehr zum Thema

Da nutzte es nichts, dass der DLV die Exekutive nicht vor der Tür stehen ließ, sondern am Samstag schnurstracks aufs Podium führte, zur Antragsbegründung direkt neben den erklärten Feind der Besitzstrafbarkeit, DOSB-Präsident Thomas Bach, plazierte: Katja Mühlbauer am Mikrophon, Frau der Praxis, Staatsanwältin mit drei Jahren Erfahrung als leitende Ermittlerin der Münchener Schwerpunktstaatsanwaltschaft Doping. Ihre Kernaussagen sozusagen von der Basis: Mit der geltenden Gesetzeslage kommt man in verschwiegene Dopingkartelle des Spitzensports nicht herein, weil unter anderem Telefonüberwachung, Hausdurchsuchungen und ähnliches nicht zugelassen sind bei Athleten, die zwar dopen, aber zu wenig Stoff in der Tasche haben, um ins Visier zu rücken: „Wie soll ein Staatsanwalt Hintermänner aufdecken, wenn ihm schon ganz unten an der Pyramide die Hände gebunden sind?“

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Athletenvertreter mahnen Olympisches Briefeschreiben

Brief hin und Brief her: Die Athletenvertreter mahnen das zerstörte Vertrauen in IOC und Wada an. Und Thomas Bach, der oberste Olympier, antwortet dem DLV. Mehr Von Michael Reinsch

15.06.2016, 18:15 Uhr | Sport
Frankfurter Anthologie Christa Reinig: Briefschreibenmüssen

Briefschreibenmüssen von Christa Reinig, gelesen von Thomas Huber. Mehr

03.06.2016, 17:27 Uhr | Feuilleton
Russischer Doping-Skandal Sperre mit Schlupfloch

Die russischen Leichtathleten bleiben über die Olympischen Spiele in Rio hinaus gesperrt. Doch, wer sauber ist, kann theoretisch unter neutraler Flagge starten. Der IOC-Präsident sucht bereits nach einer Lösung. Mehr Von Michael Reinsch, Wien

17.06.2016, 20:35 Uhr | Sport
Berlin De Maizière: Weniger deutsche Dschihadisten brechen nach Syrien auf

Auf der OSZE-Anti-Terror-Konferenz in Berlin sagte Bundesinnenminister Thomas de Maiziere, dass aus Deutschland nicht mehr so viele Islamisten aufbrechen, um sich der Extremistenmiliz IS anzuschließen. Mehr

31.05.2016, 16:11 Uhr | Politik
Russlands Olympiasperre Wie sollen wir an Sauberkeit glauben?

Die russischen Leichtathleten sind von Olympia ausgeschlossen. Andere Sportarten sind nicht anktioniert. IAAF-Präsident Sebastian Coe und Doping-Ermittler Rune Andersen sprechen im Interview über die Folgen der Ermittlungen für den Sport Russlands. Mehr Von Michael Reinsch, Wien

20.06.2016, 10:35 Uhr | Sport

Der deutsche Zauber ist zurück

Von Christian Kamp, Lille

Deutschland präsentiert sich als Team ohne Schwachpunkte, das in dieser Verfassung jeder Gegner fürchten muss. Mit dem EM-Viertelfinale wird nun die Rolle von Joachim Löw noch stärker als bisher in den Fokus rücken. Ein Kommentar. Mehr 9