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Anti-Doping-Kongress Schaudern und Neugier

24.01.2012 ·  Der Dealer berichtet: In München werfen Sportmediziner einen Blick auf das Doping-Monster - und Stefan Matschiner erzählt aus der Praxis.

Von Evi Simeoni, München
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Es war, als wäre das Ungeheuer von Loch Ness wirklich aufgetaucht. Viel wurde darüber spekuliert, experimentiert und publiziert, doch nun konnten die Experten das Original betrachten. Wer hätte sich vorstellen können, dass es so durch und durch ungeheuerlich sein würde? So amoralisch und selbstsicher? Das Doping-Monster in Gestalt von Stefan Matschiner trat auf bei einem Anti-Doping-Workshop des Bayerischen Sportärzteverbandes in München, und mit einer Mischung aus Schaudern und Neugier beugten sich die Professoren und Doktoren darüber.

Selten wurde so klar, wie verschwommen das wissenschaftlich belegbare Bild vom Doping-Problem im Sport ist, wie bruchstückhaft die Kenntnisse der rechtschaffenen Experten, denen nicht nur oft Beweise fehlen, sondern häufig auch die Phantasie, um sich die Psyche eines dopenden Spitzensportlers vorzustellen. Sein Suchtverhalten. Seinen außer Kraft gesetzten Selbsterhaltungstrieb. Sein Leben in der Parallelwelt der Höchstleistung. Und auch: Wie sehr der Anti-Doping-Kampf vom Wunschdenken der Verbände - der Auftraggeber der Mediziner und Biochemiker - geprägt ist.

„Sportärzte sind Outsider", erklärte der Österreicher Matschiner, ein gerichtlich verurteilter Doping-Dealer, gleich zu Beginn mit der Arroganz des erfahrenen Praktikers. „Doping ist in der obersten Ebene an der Tagesordnung wie Frühstück, egal ob Fußball, Leichtathletik oder Radsport, ob Bundesliga oder Serie A. Das ist ganz normal. Niemand in dem Kreis hat Skrupel." Ein paar Jahre lang hat Matschiner internationale Spitzensportler versorgt, bis 2008 sein Premium-Kunde, der Radrennfahrer und Landsmann Bernhard Kohl, wegen Epo-Dopings aufflog. Matschiner wurde 2010 vom Wiener Straflandesgericht wegen Blutdopings und Weitergabe von illegalen Präparaten zu einem Monat Gefängnis und 15 Monaten auf Bewährung verurteilt.

Einig waren sich in München alle in einem Punkt: Zentrale Schwäche des Anti-Doping-Kampfs ist die Tatsache, dass es Methoden und Mittel gibt, die nicht - wie Eigenblutdoping - oder nur extrem schwer nachzuweisen sind und außerdem schnell abgebaut werden. Dazu gehört der Missbrauch von Wachstumshormon (hGH), Erythropoietin oder Testosteron. „Wenn ich mit einem dopenden Athleten diskutieren würde", gab der Münchner hGH-Experte und Endokrinologe Martin Bidlingmaier zu, „muss ich davon ausgehen, dass er mehr weiß als ich." Schließlich machten Spitzensportler Selbstversuche, die offiziell von keiner Ethikkommission zugelassen würden.

Bidlingmaier behandelt minderwüchsige Kinder mit dem gentechnisch hergestellten Hormon, das dort seine medizinische Indikation und als Arzneimittel sämtliche gesetzlichen Testphasen durchlaufen hat. Bidlingmaier erklärte zwar zunächst die leistungssteigernde Wirkung von extern zugeführtem Wachstumshormon für unbedeutend. Es führe zu einer massiven Reduktion der Fettmasse und einer Zunahme an Muskeln und Knochen, aber ohne relevante Kraftsteigerung. Eine 2010 veröffentlichte australische Studie habe allerdings eine deutliche Verbesserung der Sprintfähigkeit um vier Prozent, in Kombination mit Testosteron sogar um acht Prozent ergeben. Sicher, fügte Bidlingmaier hinzu, seien allerdings vor allem die verheerenden Nebenwirkungen.

hGH zu teuer? Nicht für Matschiner

Helmut Pabst wiederum, Experte für Doping-Tests und Präsident der Sportärztevereinigung, erklärte Wachstumshormon zum „Turbolader für den anabolen Stoffwechsel". Dass es relativ wenig angewandt werde, liege am Preis. Tatsächlich hat ein von Bidlingmaier mit entwickeltes Nachweisverfahren für hGH-Missbrauch seit 2004 noch nicht einmal ein halbes Dutzend positiver Fälle ergeben.

Matschiner kann über diese Versuche nur lächeln. Wachstumshormon werde so schnell abgebaut, man könne es sich vor dem Schlafengehen spritzen und sei am Morgen schon wieder clean. Die Chance der Nachweisbarkeit sei verschwindend gering. „Es ist für mich das am weitesten verbreitete Doping-Mittel. Es steigert das Wohlbefinden, ich glaube, dass es die Zellteilung regenerativ beschleunigt, man fühlt sich besser, das ist nicht wegzudiskutieren. Die beste Wirkung hat es in Verbindung mit Testosteron - quer durch alle Sportarten." Und so teuer sei es nun auch wieder nicht.

Für vier Internationale Einheiten italienischer Apothekerware müsse man etwa 45 Euro zahlen. Während einer dreiwöchigen Kur empfiehlt Matschiner drei- bis viermal wöchentlich zwei Einheiten. Er habe, betont er, seinen Sportlern stets kleine Dosierungen gegeben. Allerdings verlangten Spitzensportler üblicherweise nach mehr. So hätten sich sowohl Radrennfahrer Kohl als auch eine weitere Kundin, die Triathletin Lisa Hütthaler, aus Zweitquellen weitere Doping-Substanzen besorgt, mit denen sie dann erwischt worden seien.

Der Schrecken: Dosierungsanleitung nach Gefühl

Matschiners Darstellung vom Doping-Junkie wurde nicht widersprochen, hatte sich doch Pabst, Gründer einer Firma für Doping-Kontrollen im Leistungssport, zuvor auf mehrere anonyme Umfragen unter Spitzensportlern bezogen, die immer wieder das gleiche Ergebnis brachten: dass eine Vielzahl von Athleten für den Erfolg bereit wären, nicht nachweisbare Doping-Mittel einzunehmen, auch wenn sie damit ihr Leben um mehrere Jahre verkürzen würden. Und dass die weltweite Statistik der Anti-Doping-Agenturen, die nur 1,87 Prozent positive Tests ausweist, nicht auf die wahre Verbreitung verbotener Mittel schließen lässt, ist auch den Doping-Bekämpfern klar. „Wir wissen, dass mehr Missbrauch getrieben wird, als wir tatsächlich zeigen können", sagte der Kölner Analytiker Mario Thevis.

Der autodidaktische Umgang eines Wirtschaftsfachmanns wie Matschiner mit hochwirksamen Medikamenten jagte den Medizinern wohl den größten Schrecken ein - vor allem in dem Moment, als er eine Dosierungsanleitung für hGH ausschließlich mit seinem Gefühl begründete. Und auch Lars Mortsiefer von der Nationalen Anti-Doping-Agentur in Bonn wollte den Österreicher nicht so kritiklos mit seinem Herrschaftswissen glänzen lassen: „Das sind keine Kavaliersdelikte, sondern Verbrechen. Wir müssen kritisch mit solchen Leuten umgehen, die dann noch sagen, sie wollten helfen." Doch auch für Sportjuristen wie Mortsiefer gilt die sizilianische Weisheit: Wer die Mafia bekämpfen will, der muss die Mafia kennen.

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Jahrgang 1958, Sportredakteurin.

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