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Anti-Doping-Gipfel : Die Gewinnspanne des Dopings

  • Aktualisiert am

Eine dosierte Doping-Aufklärung erscheint so als ein Teil der Gewinnspanne Bild: dpa

Beim Anti-Doping-Gipfel liegen Insider und distanzierte Beobachter weit auseinander. Vom Systemversagen bis zur Sippenhaft - alles wird kontrovers diskutiert.

          Helmut Digel hat im Kampf gegen Doping der vergangenen Jahrzehnte ein Systemversagen der Gesellschaft festgestellt. Politiker würden ihrer Verantwortung nicht gerecht, es sei ein Skandal, wie in Deutschland das Doping-Problem behandelt werde, sagte der Sportsoziologe auf einer Anti-Doping-Tagung der Bundeszentrale für politische Bildung in Dresden. Digel, einst Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, nannte als Verantwortliche alle Beteiligten des Spitzensports, von den dopenden Athleten über Trainer, Mediziner, Funktionäre bis hinauf zum Innenministerium. Folgen aber habe es nur für Athleten und bisweilen Trainer gegeben.

          Die Konsequenz des Versagens quantifizierte der Ökonom und Soziologe Professor Eike Emrich. Laut einer seiner Studien dopen zwischen zehn und 35 Prozent der deutschen Kaderathleten. Weltweit bleiben 90 Prozent dopender Sportler unentdeckt. Emrich ist überzeugt, dass der kommerzielle Sport kein Interesse an einer Lösung des Doping-Problems über die gegenwärtige Situation hinaus hat, weil zu viele überführte Doping-Sünder genauso wie zu wenige die Einnahmen reduzierten. Nach dieser Theorie ist ein Weltrekord glaubwürdig und damit im kommerziellen Sinne am wertvollsten, falls ein bestimmtes Maß an positiven Fällen nicht über- und nicht unterschritten wird. Vor diesem Hintergrund erscheint die geringe Bereitschaft der Sportverbände, der Politik und der Wirtschaft, mehr Geld in Anti-Doping-Projekte zu investieren. Eine dosierte Doping-Aufklärung erscheint so als ein Teil der Gewinnspanne.

          Insider und Beobachter sind uneins

          Bei der Tagung zum Thema „Saubere Leistung? Doping in Sport und Gesellschaft“ im Deutschen Hygiene-Museum wurde interdisziplinär unter anderem über die zentralen Themen Optimierung des Trainings, Sinn und Grenzen von Doping-Kontrollen und Pharmakologisierung kontrovers diskutiert. Die im Sport üblichen, restriktiven Maßnahmen zur Verringerung des Dopings stießen auf teils erheblichen Widerspruch bei Wissenschaftlern, die sich sonst nicht mit den Phänomenen des Sports beschäftigen. Wie weit Insider und distanzierte Beobachter auseinander liegen, zeigte sich am Beispiel des ehemaligen Radprofis Rolf Järmann.

          Der Schweizer hatte 2001 Doping aus freien Stücken eingestanden. „Wir könnten den Radsport in drei Wochen von Doping weitgehend befreien“, sagte Järmann: „Man muss nur ein Profiteam sperren, sobald ein Athlet positiv getestet wird. Denn jeder im Team wirkt dann auf den Kollegen ein. Bislang ist es so, dass man von einem unentdeckten Doper profitiert. Die Prämien werden ja aufgeteilt.“ Järmanns Plädoyer für Sippenhaft rührt aus seiner Erkenntnis, in den vergangenen zehn Jahren kaum effektive wie ehrliche Anti-Doping-Bemühungen entdeckt zu haben.

          „Topleistungen ohne Doping“

          Dabei könnte der Sport durchaus mehr zur Eindämmung beitragen. Denn von der Chance, „Topleistungen ohne Doping“ vollbringen zu können, ist der Trainingsexperte Professor Ulrich Hartmann (Universität Leipzig) überzeugt. Er beklagte, dass nicht alle legal verfügbaren Leistungsressourcen genutzt würden. Im Umkehrschluss scheint das Selbstbewusstsein von Dopern und deren Trainern auf Pillen gestützt.

          Professor Klaus Vogel, Direktor des Hygiene-Museums, glaubt dennoch an einen Mehrwert für die Gesellschaft: Aus der Krisenbewältigung im Sport am Beispiel des Dopings ließen sich möglicherweise auch Strategien für ganz andere Krisenbereiche ableiten. Diese freundliche Vorlage nahm Christa Thiel, Vizepräsidentin des Deutschen Olympischen Sportbundes und Schwimmverbands-Chefin, in ihrer Eingangsrede nicht an. Sie stellte dar, wie schwer es Aktive heute hätten, wie gut die Förderung sei und dass der organisierte Sport das Doping-Problem weitestgehend im Griff habe. Bei dieser Sicht der Dinge machte sich Sprachlosigkeit breit im Auditorium. Als Emrich eineinhalb Tage später seinen Vortrag über die Ökonomie des Dopings abgeschlossen hatte, verstand man, warum Frau Thiels Vortrag wichtig war. Er machte deutlich, wie dringend es ist, Symposien dieser Qualität zu organisieren.

          Quelle: F.A.Z./ rme.

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