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Doping-Szene Deutschland Schon Hitler nahm Testosteron

10.05.2005 ·  Die deutsche Doping-Tradition von der Panzerschokolade bis zum DDR-Komplex mit Langzeitwirkung. Von manipulierten Ausdauerleistungen vor 1900 bis zum aktuellen Mißbrauch im Nachwuchssport.

Von Giselher Spitzer
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Der deutsche Radrennfahrer Danilo Hondo, dem in zwei Dopingproben die Einnahme von Stimulantien nachgewiesen wurde, steht in einer langen Tradition. Aufputschmittel wurden von den Soldaten der beiden Weltkriege konsumiert: um ihnen die Todesangst zu nehmen und ihre Aggression zu steigern. Der Einzug dieser Substanzen in den Leistungssport war nach solchen Erfahrungen nicht mehr aufzuhalten. In den sechziger Jahren begann dann die "anabole Periode", die vom systematischen Doping der DDR auf die Spitze getrieben wurde. Etwa zwanzig Jahre waren die DDR-Wissenschaftler dem Rest der Welt voraus. Heute wird international so gedopt, wie es die DDR-Spezialisten bis 1989 erdachten.

Das Doping mit anabolen Steroiden hat den Weltsport verändert. Seit Mitte der sechziger Jahre explodierten die Leistungen, Rekorde wurden pulverisiert, und lange ignorierte man die schrecklichen körperlichen, seelischen und sozialen Veränderungen der Gedopten. Experten sind sich einig, daß Steroide heute noch die "preiswerte" Dopingbasis darstellen, auch wenn Manipulation mit dem Blut seit etwa zehn Jahren die Palette der Sportbetrüger erweitert hat. Einer der Ursprünge liegt in Deutschland. Hier wurde 1935 das Hormon Testosteron synthetisiert und als Testoviron (Testosteron-Enanthat) 1937 zur Therapie von Hormonmangel zugelassen. Allerdings nicht etwa, damit die Athleten des Führers besser laufen und springen konnten: Die Gewinnung dieses Botenstoffes stand im Fokus der nationalsozialistischen Rassenzüchtung. Es sollte die Zeugungsfähigkeit verbessern und wurde auch Nazi-Größen verschrieben. Adolf Hitler bekam es von seinem Leibarzt Morell.

Mißbrauch mit staatlicher Förderung

Im deutschen Sport wurden Steroide trotz solcher Pioniertaten erst spät eingesetzt. Dennoch steht fest, daß Deutschland auf eine vielfältige Dopingtradition zurückblicken kann. Die menschenverachtende Konsequenz im Leistungssport der DDR etwa ist beispiellos: Das konspirative Zwangsdoping wurde an jährlich mindestens 2000 Kaderathleten beider Geschlechter und spätestens vom Jugendalter an ausgeführt. Das wohl komplexeste Dopingsystem der Geschichte beruhte darauf, daß Pharmaindustrie und Sport zugelassene Heilmittel sowie Experimentalstoffe wie Hormonpräparate suchten und anwandten - ein Mißbrauch mit staatlicher Förderung, mit Wissen der Staatspartei SED und mit Beteiligung etwa des ehemaligen volkseigenen Betriebes (VEB) Jenapharm. Die Sportler wurden allerdings nur selten informiert.

"Abgesichert" wurde das perfide System, das nur ganz wenige zaghaft in Frage zu stellen wagten, durch den Staatssicherheitsdienst. Aufwendige Technologien und Einsickern von DDR-Ärzten in die internationalen Kontrollfunktionen ermöglichten das perfekte Unterlaufen des Wettkampfkontrollsystems, so daß "länger-höher-früher" dosiert werden konnte als bei den Konkurrenten. Der Vorsprung der DDR-Methoden beträgt etwa zwanzig Jahre: Heute wird so gedopt, wie es die über tausend DDR-Spezialisten bis 1989 erdacht und praktiziert haben. Sie arbeiten zu einem großen Teil noch immer im Sport.

"Drüsenpräparate" machen "bullenstark"

Die friedliche Revolution vor 15 Jahren ermöglichte die Enttarnung des gigantischen geheimen Doping-Komplexes, dessen gesundheitlich schwer geschädigte Opfer noch heute Hilfe benötigen, oft jedoch nicht oder nur mühsam zu ihrem Recht kommen. Die Aufarbeitung, von den Sportorganisationen nicht gerade erwünscht, ist mit den Namen Brigitte Berendonk und Werner Franke verknüpft. Die Olympiateilnehmerin 1968 und 1972 und der Mikrobiologe aus Heidelberg sorgten für die nötige Öffentlichkeit, um eine Auseinandersetzung zu erzwingen. Bereits nach zwei Jahren legten sie eine faktendichte Darstellung vor, die gerichtlichen Überprüfungen mühelos standhielt.

In der Frühzeit des Dopings waren die Skrupel größer: "Die Welt spricht über verbotenes Doping", hieß es in einer Karikatur vor fast 60 Jahren, 1947 in der Zeitschrift "Sportwelt": "Drüsenpräparate" machen eben "bullenstark". "Benzedrin gibt Ausdauer". Benzedrin war der deutsche Handelsname für Amphetamin, das unter das Rauschmittelgesetz fällt und heute als "Speed" und Grundsubstanz für das verbotene "Exstasy" bekannt ist.

Manipulierte Ausdauerleistungen bereits vor 1900

Das Wort "Doping" wurde bereits vor dem Ersten Weltkrieg und ebenfalls mit negativem Klang verwendet. Dr. med. et jur. Ferdinand Hueppe hatte 1913 in einem Artikel über Sport und Stimulantien Substanzen als "Doping" klassifiziert, als er sich mit dem Gebrauch von Alkohol, Strychnin oder Arsen befaßte. Hueppe war besonders sensibilisiert, weil er an der Schnittstelle von Medizin und Sport stand: Als Militärarzt war er zeitweise bei Robert Koch beschäftigt und seit 1889 Professor an der Prager Karls-Universität. 1910 erschien sein Standardwerk "Hygiene der Körperübungen". Diesem engagierten Mediziner - übrigens Gründungs-Präsident des Deutschen Fußball-Bundes - verdanken wir die Beschreibung des Dopingphänomens ebenso wie die frühe Auseinandersetzung mit gesundheitlichen Gefahren. Letzteres war auch ein Reflex auf manipulierte Ausdauerleistungen bereits vor 1900. So wurden im Profi-Radsport Kokain, Morphium und das Herzmittel Digitalis mißbraucht.

Im deutschen Sport wurde die Palette der Substanzen zwischen 1920 und 1940 noch erweitert. Professor Otto Riesser, damaliger Direktor des Pharmakologischen Instituts der Universität Breslau, schrieb 1933 über "Doping und Dopingsubstanzen". Riesser kritisierte, daß Wettkämpfe statt durch intensives Training immer öfter durch leistungssteigernde Mittel entschieden würden, obwohl dies "als gänzlich unvereinbar mit dem Geist des Sports anzusehen" sei. In dieser ersten Periode liegen zeitgenössische Publikationen über Tests an Sportlern vor - so vom Arzt Herbert Herxheimer -, wie man die Leistung durch Koffein, Alkohol sowie Adrenalin-Spritzen erhöhen könne. UV-Bestrahlung und Rein-Sauerstoff-Atmung vor und nach dem Wettkampf wurden in Betracht gezogen. Es gab sogar Versuche mit Kokain, Droge der Jagdflieger des Ersten Weltkriegs wie in den "goldenen Zwanzigern".

Bei Überdosierung drohte allerdings der Tod

Die Zusammenarbeit von deutschen Sportmedizinern und pharmazeutischer Industrie erbrachte auch eine scheinbar alternative Form: Aufputschmittel (Analeptika), wurden nach dem Wettkampf eingesetzt - zur Verbesserung der Erholung. Zu diesem Zweck wurde das in der Schweiz als Coramin produzierte Nicethamid bei den deutschen Himalaja-Expeditionen sowie bei den Olympischen Winterspielen 1928 verabreicht. Der Initiator, der Militärarzt Alexander Hartwich, verstand diese Anwendungsmethode nicht als Doping und forderte die Freigabe der Stimulantien für alle Sportler. Noch bei den Olympischen Sommerspielen 1972 in München verlor der Fahrer Jaime Huelamo wegen Coramin seine Bronzemedaille im Straßenrennen.

Coramin verbindet das Sportdoping auch mit der militärischen Verwendung von Drogen, die zu einer folgenschweren Entgrenzung führen sollte. Coramin wurde in der Schweizer Sanitätstruppe eingeführt, aber auch die Armeen in anderen Staaten mit potenter Pharmaindustrie, wie eben Deutschland, experimentierten mit den neuen "Weckmitteln". Sie wurden mißbraucht, um den Soldaten im Krieg die Todesangst zu nehmen und ihre Aggression zu steigern. Hunger- und Durstgefühle sollten verdrängt, das Gefühl für Erschöpfung betäubt werden.

Bodentruppen, Kampfflieger und Bomberpiloten konnten durch die "Pepp-Pillen" (Amphetamin) oder die "Panzerschokolade" (mit Pervitin als Produktname des in Deutschland exklusiv synthetisierten noch aggressiver wirkenden Methamphetamins) auf die "autonom geschützten Reserven" des Körpers zurückgreifen. Bei Überdosierung oder fehlender Ruhe drohte allerdings der Tod. Außerdem machte das Mittel süchtig.

Todeskampf bei der Tour de France

Der Einzug der Amphetamine in den Sport war trotzdem nicht mehr aufzuhalten. Einmal durch die Erfahrung, wie stark damit die Leistungsgrenzen verschoben werden konnten. Zum anderen wurden ethische Bedenken minimiert, denn die Drogenverwendung "im Dienst", "im Kampf" war "legal" - sie war staatlich-militärische Doktrin. Zudem glaubten die Amphetamin-Anhänger, sie könnten gesundheitliche Gefahren durch "richtige" Dosierungen bannen. Der Zugang zu den Aufputschmitteln war leicht. In den letzten Kriegsjahren wurden Millionen solcher Tabletten eingenommen. Erst die Grenzerfahrungen der Kriegsteilnehmer bewirkten einen Durchbruch des Amphetamin-Dopings sowie herzwirksamer Substanzen wie Strychnin.

Die Epoche des Amphetamin-Dopings dauerte bis in die sechziger Jahre. Da sie schnell zu körperlicher und psychischer Abhängigkeit führen, wurden die Substanzen wie Benzedrin, Pervitin und Captagon seit den fünfziger Jahren in die Sucht- und Betäubungsmittelgesetze der Industriestaaten aufgenommen, da ihr Gebrauch epidemisch anwuchs. Das deutsche Sportrecht hinkte dieser Politik hinterher - und tut das bis heute. Verbotslisten und Tests gab es erst nach durch Amphetamin verursachten Todesfällen im Radfahren, von denen der erste olympische derjenige des Dänen Knut Jensen war (1960), medienwirksam hingegen der des Engländers Tom Simpson (1967); sein Todeskampf bei der Tour de France begann vor den Kameras der Wochenschau. Bereits nach Jensens Tod wurden die Vorarbeiten für Anti-Doping-Maßnahmen des Internationalen Olympischen Komitees aufgenommen. Erste reguläre Wettkampfkontrollen gab es dann 1972 in München unter dem verstorbenen Kölner Dopinganalytiker Manfred Donike, allerdings nicht auf Steroide, obwohl die "anabole Periode" bereits begonnen hatte. Auch damals war es Brigitte Berendonk, die zuerst auf die alarmierenden Dopingpraktiken hinwies: auf den immer offensichtlicheren Mißbrauch von Steroiden - gerade im Frauensport - sowie die daraus folgenden Schäden.

Drop-out nach Dopingverweigerung

Nicht nur wegen der Aufarbeitung des DDR-Systems gehört das Ehepaar Franke/Berendonk zu den großen Kennern der deutschen Dopingtradition nach dem Krieg. Die beiden analysierten auch die altbundesdeutschen Verhältnisse. Dort fanden sich "Dopinginseln" und "Dopingnester", die von Trainern oder Ärzten gebildet wurden. Minderjährigendoping ohne Zustimmung der Aktiven scheint die Ausnahme zu sein. Besonders typisch hingegen ist der Fall Heinz-Jochen Spilkers. Der frühere Sprint-Bundestrainer, selbst Rechtsanwalt, wurde wegen Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz zu einer Geldstrafe verurteilt. Der Grund: Spilker hatte seit 1984 die Läuferinnen des SC "Eintracht" Hamm mit dem nicht zugelassenen Anabolikum Anavar versorgt. Auch wenn damit ein Teil der deutschen Leichtathletik-Nationalmannschaft nachweislich gedopt worden war, so hat der organisierte Sport den Rechtsanwalt nicht gebannt. Spilker brachte es zunächst ausgerechnet zum Rechtswart und ist heute einer der drei Vizepräsidenten des Landessportbundes Thüringen.

Seit 1964 ist ein starker Anstieg des Anabolikadopings dokumentiert, häufig geschah dies in Zusammenarbeit mit Heim- und Verbandstrainern. Die Institutionen sahen weg. Bis heute hat das Dopingproblem in Deutschland hauptsächlich strukturelle Gründe: Die Vorstellung, daß der Rang im Medaillenspiegel der internationalen Bedeutung entspricht, sabotiert jede Doping-Prävention. Außerdem liegen den Fördersystemen internationale Leistungsnormen zugrunde, die ihrerseits zu häufig unter Dopingbedingungen entstanden sind. Wenn sich fähiger Nachwuchs dem Doping versagt, ist das Karriereende bereits nah. Auch dies mag ein kaum jemals erwähnter Grund für das allseits beklagte "Drop-out-Syndrom" sein.

Der Autor ist Privatdozent an der Humboldt-Universität Berlin.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 5. April 2005
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