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Doping-Szene Deutschland Heilmittel im Verruf

17.05.2005 ·  Der Doping-Schwarzmarkt blüht. Anabole Steroide sind dabei der Renner. Medikamente für kleinwüchsige Kinder werden als Muskelaufbaupräparat mißbraucht. Die Hersteller der Medizin kämpfen dagegen.

Von Evi Simeoni
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Das Internet ist ein vielfältiges Informationsmittel. Dort kann die Hausfrau Kochrezepte finden. Und der Sportler Dopingrezepte. Wie zum Beispiel das folgende. Man nehme: Ein anaboles Steroid wie etwa Nandrolon, um die Muskeln zum Wachsen zu bringen. Dazu Wachstumshormon, in der Hoffnung, die Muskeln noch weiter aufzublähen und genügend Energie für das große Schwellen freizusetzen.

Das Ganze würze man mit Gaben von Insulin, das die freigesetzte Glukose in die Zellen drücken soll, auch wenn diese längst satt sind. Die Einnahme über einen längeren Zeitraum wird empfohlen, mindestens in Zyklen von sechs Wochen und in hohen Dosen. Das Internet wünscht: Guten Appetit! Und verweist auf einschlägige Fachhändler.

Menschliches Mastmittel

Und tatsächlich: Der Schwarzmarkt blüht. Anabole Steroide sind dabei der Renner. „Wenn ich mich dopen wollte, würde ich Steroide nehmen“, sagt auch Professor Werner Blum. Und das, obwohl das Medikament, das in sein Spezialgebiet, die pädiatrische Endokrinologie, gehört, im Internet als menschliches Mastmittel genauso hoch gelobt wird: Humatrope, das biosynthetisch hergestellte Wachstumshormon (human Growth Hormone, abgekürzt hGH), das bei seinem Arbeitgeber, dem Pharma-Konzern Eli Lilly, als Heilmittel entwickelt wurde.

Kleinwüchsige Kinder werden damit behandelt, oder Erwachsene, die an einem hGH-Mangel leiden. Und auch Humulin, das Insulinpräparat von Eli Lilly, gilt als besonders effektiv und wird Körper-Kulturisten im Internet wie auf dem grauen Buchmarkt wärmstens empfohlen.

Das Nonplusultra im Bodybuilding

In der deutschen Zentrale des amerikanischen Konzerns am Rande der idyllischen Kurstadt Bad Homburg ist man überhaupt nicht begeistert von dem Lob, das von der falschen Seite kommt. Im Gegenteil. Zur Zeit wird geprüft, ob es möglich ist, gegen eine Bodybuilding-Website vorzugehen, die die Lilly-Produkte anpreist. Erst in jüngster Zeit ist es der Rechtsabteilung der Firma gelungen, ein Angebot aus dem Internet-Auktionshaus Ebay entfernen zu lassen.

Da wurde eine angeblich leere Packung Humulin angeboten mit der Fußnote: „Für alle, die es nicht wissen: Dies ist das Nonplusultra im Bodybuilding.“ Solche Werbung kann sich ein Pharma-Hersteller, der ohnehin auf einem hochempfindlichen Gebiet wirtschaftet, nicht leisten. „Wir würden uns niemals auf etwas einlassen, das auch nur im Ansatz auf Mißbrauch hinweisen könnte“, betont der Kinderarzt Blum. „Wäre ich in so etwas verwickelt, würde ich sofort fristlos entlassen.“ Und sein Kollege Christof Kazda, der Verantwortliche für die klinischen Tests der Insulinpräparate, ergänzt: „Wir sind doch keine Drug-Dealer.“

Medizin und kein Doping

Beide Spezialisten sind der Meinung, daß ihre verschreibungspflichtigen Heilmittel Kranken helfen sollen und im Sport nichts zu suchen haben. Bei der Empfehlung, Steroide mit Wachstumshormon und Insulin zu kombinieren, handele es sich um Ableitungen aus physiologischen Einzelwirkungen und Erfahrungen mit Kranken, für die es keine Beweise gebe, sagt Blum. Das seien rein hypothetische Annahmen.

Sowohl für Insulin wie für Wachstumshormon gilt nämlich beim gesunden Menschen: Wird es von außen zugeführt, drosselt der Körper seine Eigenproduktion entsprechend, ein echter Vorteil kann dadurch also kaum erzielt werden. Die riesigen Dosen hGH, die bei einem gesunden, trainierten Menschen benötigt werden, um trotzdem eine Wirkung zu erzielen, kosten zudem ein Vermögen (laut Internet 2000 Dollar im Monat).

Modedroge

Und doch ist Wachstumshormon eine der Modedrogen im Leistungssport. Der italienische Dopingfahnder Alessandro Donati behauptet, schon bei den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles sei Wachstumshormon eingesetzt worden, um das Absetzen der leicht nachweisbaren Anabolika bis zum Wettkampf zu überbrücken. Chinesische Schwimmer hatten das Mittel 1998 auf dem Weg zu den Weltmeisterschaften in Perth dabei. Ein usbekischer Boxtrainer versuchte, vor den Olympischen Spielen 2000 in Sydney 15 Ampullen ins Land zu schmuggeln.

Der kalifornische Laborleiter Victor Conte, der Kronzeuge des modernen Dopings, versorgte seine Premium-Kunden damit. Warum? Wachstumshormon ist eigentlich kein zutreffender Name für diese Substanz, obwohl sie das Wachstum bei Kindern beeinflußt. hGH ist ein Hormon, das darauf zielt, Energie freizusetzen. „Zielorgane“ sind die Leber und das Fettgewebe. Gerät ein Mensch unter Streß oder fastet er, veranlaßt das hGH die Leber, Glukose auszuschütten und das Fettgewebe, freie Fettsäuren abzugeben. Wachstumshormon regelt also den Fluß von Energieträgern aus den Reservoirs dorthin, wo sie gebraucht werde. Mit Hilfe des Insulins fluten sie dann in die Zellen. Das Hormon hGH ist in der Körper-Lokomotive also der Heizer, der zusätzliche Kohlen ins Feuer schippt.

Experten widersprechen sich

Ein Patient, der an einem Mangel an Wachstumshormon leidet, ist dick und träge. „Ein Couch-Potatoe“, sagt Blum. Bei diesem Kranken hat die Gabe von hGH tatsächlich den Effekt, daß Fett ab-, Muskulatur aufgebaut und die Knochensubstanz gestärkt wird. „Wir geben ihm, was ihm fehlt, in relativ niedriger Dosis.“ Bei einem gesunden, erwachsenen Bodybuilder könnte hGH das Unterhaut-Fettgewebe reduzieren, ein erwünschtes Mittel, um die Definition der Muskeln besser sichtbar zu machen. Nach Blums Überzeugung hat Wachstumshormon beim Gesunden aber keine muskelbildende Wirkung. Eine Studie aus dem Jahr 1993, die an Bodybuildern vorgenommen wurde, und an der er selbst beteiligt war, hat dies ergeben. Professor Christian Wüster, Internist und Endokrinologe aus Mainz, glaubt hingegen an einen Muskelkraft-Zuwachs durch hGH.

Er bezieht sich auf eine Untersuchung des Amerikaners Daniel Rudman im Jahr 1990 an alten Menschen, bei denen die Sekretion von Wachstumshormon auf natürliche Weise nachläßt. „Allerdings sind bei einem trainierten Sportler sehr hohe Dosen nötig“, sagt Wüster, der eine Zeit lang beim dänischen Hersteller Novo Nordisk mit Wachstumshormon befaßt war. Eine Studie mit Leistungssportlern ist zumindest nicht zugänglich - im DDR-Sport soll damit experimentiert worden sein. Blum kann sich allerdings vorstellen, daß Athleten mit Hilfe von hGH im Training und Wettkampf aufgrund der hochgepushten Energiebereitstellung ihre Belastungsgrenzen hinausschieben könnten.

Viel kriminelle Energie

Wachstumshormon ist keine Massenware wie Insulin, mit dem allein in Deutschland etwa sechs Millionen Diabetiker versorgt werden müssen. Der weltweite Umsatz mit hGH beträgt etwa 1,5 Milliarden Dollar im Jahr, Eli Lilly war 2004 als zweitgrößter Produzent mit 400 Millionen Dollar daran beteiligt. Erst im März wurde in einer dem belgischen Senat vorgetragenen Studie behauptet, 84 Prozent des weltweit hergestellten hGH werde im Sport konsumiert. „Das ist kompletter Unsinn“, sagt Blum, „wenn überhaupt, dann ist das Verhältnis eher umgekehrt.“ Es gebe zwar immer wieder Diebstähle. Dieses Risiko vermindere Eli Lilly allerdings dadurch, daß hierzulande Apotheken das Mittel nicht aus dem Großhandel beziehen könnten. Es werde direkt vom konzerneigenen Distributionszentrum in Gießen ausgeliefert. In den Vereinigten Staaten darf hGH nur von Endokrinologen verschrieben werden und ist in Apotheken nicht erhältlich.

Es gehört also viel kriminelle Energie dazu, um den Schwarzmarkt möglicherweise auf dem Wege von Re-Importen mit hGH zu beliefern. Privaten Labors ist es unmöglich, den Stoff herzustellen. Schon deswegen sind viele Fälschungen unterwegs. „Man hat mir schon mehrmals Ampullen zugeschickt“, sagt Blum. „Manchmal enthielten sie nur Zucker, manchmal Proteine, manche hatten eine kyrillische Aufschrift und enthielten wirklich Wachstumshormon.“ Offenbar wird in den ehemaligen GUS-Staaten neuerdings wieder auf die alte Methode zurückgegriffen, die Substanz aus Hypophysen (Hirnanhangdrüsen) von Leichen zu gewinnen. Diese Praxis wurde fast überall Mitte der achtziger Jahre gestoppt, weil sich Patienten auf diesem Weg mit der Jakob-Creutzfeld-Krankheit angesteckt hatten.

Nur zwei Tage nachweisbar

Die Nachfrage ist trotzdem garantiert. Auch jetzt noch, da es im Hochleistungssport einen zuverlässigen Test gibt, mit dem die Einnahme von hGH nachgewiesen werden kann. Dieser Test, der auf der Unterscheidung zwischen körperfremdem und körpereigenem Hormon beruht, wurde von dem Berliner Endokrinologen Professor Christian Strasburger entwickelt. Für eine Studie der Universitäten München und Leipzig zusammen mit dem Doping-Labor in Kreischa, die in diesem Zusammenhang steht, hat Lilly das kostspielige Wachstumshormon beigesteuert. Obwohl bei den Olympischen Spielen in Athen laut Blum etwa 400 Proben analysiert wurden, gab es allerdings keinen positiven Fall. Länger als zwei Tage kann das Spritzen von Wachstumshormon nicht gerichtsfest nachgewiesen werden. Allerdings verfliegt seine Wirkung auch schnell. Es ist denkbar, daß Sportler, die hGH aus Furcht vor dem Test kurz vor den Spielen absetzten, einen Leistungseinbruch erlitten haben.

Es bleibt also fraglich, ob das Rezept aus dem Internet zum Gelingen führt. Nur eines stellt sich zuverlässig ein: die Nebenwirkungen. Und diese bestehen nicht nur darin, daß die Brieftasche erheblich dünner wird. In unserem Fall würden mitserviert: Mit den hoch dosierten anabolen Steroiden eine Veränderung der primären und sekundären Geschlechtsmerkmale, Männer entwickeln zum Beispiel weibliche Brüste, Frauen Körperbehaarung und tiefe Stimmen; ein hohes Risiko, an Leberkrebs zu erkranken; Veränderungen der Persönlichkeit bis hin zum Hang zu Gewaltverbrechen; ein hohes Risiko, an Arteriosklerose zu erkranken; krankhafte Vergrößerung des Herzmuskels; schwere Akne, besonders am Körperstamm.

Den Tod gespritzt

In hohen Dosen gespritztes Wachstumshormon führt zur Bildung von Ödemen; die Gelenke schwellen an und tun weh; es kann ein Karpaltunnelsyndrom an den Handgelenken entstehen, die Hände werden taub, es gibt Ausfallerscheinungen; es können die selben Symptome auftreten wie bei der Akromegalie, einer tumorbedingten Überproduktion von körpereigenem hGH: extremes Wachstum von Kinn, Nase, Ohren, Händen und Füßen, Ausbildung einer dicken, schwartigen Haut, Wachstum des Herzens und des Weichteilgewebes, dadurch kardiovaskuläre Probleme.

Das eher von Bodybuildern als von olympischen Sportlern bevorzugte Insulin wiederum könnte auf ganz eigene Weise diese Nebenwirkungen verringern: Der Doper könnte vorher sterben. Zuviel Insulin im Körper führt nämlich zur Unterzuckerung, zu Zittern und Schweißausbrüchen und im schlimmsten Fall zum Exitus. Ein virtueller Beipackzettel mit Horror-Format. Und doch nicht grausig genug, um Körperfetischisten und Hochleistungs-Profis vom Mißbrauch von Heilmitteln abzuhalten.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18. Mai 2005
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