http://www.faz.net/-gtl-74c6j
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 16.11.2012, 15:05 Uhr

Doping: Selbstverbesserung bis jenseits des Menschlichen?

Höher, schneller, weiter: Die Überbietungslogik im Sport droht, nicht einmal vor den Grenzen des Menschenmöglichen haltzumachen. Warum wir über Doping der Vergangenheit sprechen müssen, um den Sport der Zukunft zu retten.

von Holger J. Schnell
© dpa Respekt vor der individuellen Leistungsgrenze?

Wie will man die Weichen der Doping-Prävention in die Zukunft stellen, ohne die Doping-Vergangenheit öffentlich aufgearbeitet zu haben? Das ist schwer vorstellbar, wie sich an einem Teil der Ergebnisse unseres Forschungsvorhabens an der Humboldt-Universität in Berlin belegen lässt. Wir haben beschrieben, dass die von 1986 an vom Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp) mit öffentlichen Mitteln geförderte multizentrische Studie „Regeneration und Testosteron“ nach unserer Einschätzung als Doping-Forschung anzusprechen ist. Zu den Bedingungen für die Förderung gehörte zwar, dass die Testosteronstudie „nur auf Regeneration und nicht auf Leistungssteigerung ausgerichtet“ sein solle. Doch wir konnten nachweisen, dass die Teilstudien von vornherein auch der leistungssteigernden Wirkung von Testosteron nachgingen, dass die Forschungsgruppen sich also über diese Bedingung hinwegsetzten.

Das blieb durch eine Sprachregelung verdeckt, die im Anschluss an die Grundsatzerklärungen des Deutschen Sportbundes und des Nationalen Olympischen Komitees gegen Doping von 1977 und 1983 geschaffen wurde: Begriffe wie „Stabilisierung“ und „Substitution“/“Regeneration“, medikamentös wohlgemerkt, eröffneten die Option, am Einsatz von Substanzen zur pharmakologischen Leistungssteigerung festzuhalten, ohne nominell mit dem offiziellen Verbot in Konflikt zu geraten. Das war selbstverständlich Etikettenschwindel.

Krankheitsneigungen und Belastungsschäden

Das Bundesinnenministerium benutzte diese verschleiernde und verharmlosende Sprache noch 1991 in der Antwort auf eine kleine Anfrage der SPD. Die Mitglieder der Arbeitsgruppe „Doping-Fragen“ beim BISp, hieß es darin, „vertraten die Auffassung, dass im Sinne der Sportler wissenschaftlich zu klären sei, ob durch physiologische Testosterongaben zum Defizitausgleich eine schnellere Wiederherstellung eines normalen Gesundheitszustandes erreichbar wäre“.

Diese Sprachregelung war mit der „Entschließung zur ,Grundsatzerklärung für den Spitzensport’“ 1983, auf die sich das BISp berief, unzulässig geworden. Im Namen der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention hatte der Mediziner Herbert Reindell eine Erklärung zum Begriff der Substitution abgegeben, welche die „Substitution“ durch Anabolika oder Testosteron unmissverständlich ausschloss. Sollten die „von einem gesunden Organismus synthetisierten Substanzen“ wie Hormone nicht ausreichen, führte Reindell aus, so sei dies „als Grenze der individuellen Leistungsfähigkeit zu respektieren“.

Mehr zum Thema

Ethisch problematisch war schon die Idee der medikamentösen Substitution oder Regeneration selbst. Spätestens in den 1980er Jahren sehen wir in einigen Sportdisziplinen wie der Leichtathletik eine überhöhte Trainingsbelastung. Bei den betroffenen Sportlern führte sie zu gravierenden gesundheitlichen Beeinträchtigungen wie Störungen der hormonellen Regulation, „katabole Stoffwechsellagen“ mit Krankheitsneigung und Belastungsschäden. Der Bundesausschuss Leistungssport des DSB hatte die entsprechende Trainingssystematik nach der Grundsatzerklärung 1977 mit initiiert. Auf das resultierende „Übertraining“ wurde nicht mit regenerativen Maßnahmen, etwa Pausen und Erholung, reagiert. Vielmehr wurde an der überhöhten Trainingsbelastung festgehalten und die medikamentöse Substitution bis hin zur Anwendung der anabolen Ursubstanz, des Testosteron, vorangetrieben.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Sportpolitik Letzte Chance im Skandal-Tsunami

Die Sportverbände sammeln sich nach den diversen Affären. In Lausanne liest ihnen Werbeguru Sir Martin Sorrell die Leviten. Mehr Von Evi Simeoni, Lausanne

22.04.2016, 16:48 Uhr | Sport
100 Tage vor Olympia Brasilien im Chaos

100 Tage vor Beginn der Olympischen Spiele in Rio de Janeiro herrscht in Brasilien alles andere als Feststimmung. Eine tiefe politische Krise mit der drohenden Amtsenthebung von Präsidentin Dilma Rousseff trübt die Vorfreude auf das Sport-Großereignis ebenso wie wirtschaftliche Probleme oder die Zika-Epidemie. Mehr

26.04.2016, 17:03 Uhr | Sport
Lenka Dürr Mit Volleyball Grenzen überwinden

Aus dem Allgäu heraus eroberte Lenka Dürr die Volleyball-Welt. Zwar träumt sie von einem Wechsel ins gelobte Land ihrer Sportart. Doch es geht ihr um mehr als nur eigenen Erfolg. Mehr Von Achim Dreis

29.04.2016, 12:31 Uhr | Sport
Spieletest Ballsport auf der Couch

So wie sich die Spitzenteams im Sport jedes Jahr darum streiten wer von ihnen der Beste ist, so kämpfen auch die Spielehersteller um die Gunst der Gamer. Fifa gegen PES, NBA Live gegen NBA 2k16. Wer hat die Nase vorne? Mehr

15.04.2016, 09:38 Uhr | Technik-Motor
Hammerwerfer Sergej Litwinow Bei uns ist es wie in der DDR

Russlands Leichtathletik versinkt im Doping-Sumpf. Ob Athleten wie Sergej Litwinow bei Olympia starten dürfen, ist fraglich. Im Interview spricht der Hammerwerfer über seinen Selbstversuch mit Meldonium – und sieben Monate ohne Doping-Kontrolle. Mehr Von Michael Reinsch

25.04.2016, 12:39 Uhr | Sport

Schön, dass du sauber warst

Von Anno Hecker

Amerikaner haben ein Faible für große Inszenierungen. Doch wie das Magazin „Swimming World“ in seiner Sportart nun Doping mit dem „Geist der Menschlichkeit“ ausrotten will, ist schlechter als jeder Scherz und jede Satire. Mehr 1