21.07.2005 · In einem der umstrittensten Rechtsfälle der Sportgeschichte hat der Sportgerichtshof einen unbefriedigenden Schlußstrich gezogen: Michael Johnson und vier Kollegen der amerikanischen 4x400-Meter-Staffel dürfen ihre in Sydney gewonnenen Goldmedaillen behalten.
In einem der umstrittensten Rechtsfälle der Sportgeschichte hat der Internationale Sportgerichtshof (CAS) einen unbefriedigenden Schlußstrich gezogen: Michael Johnson und vier Kollegen der amerikanischen 4x400-Meter-Staffel dürfen ihre bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney gewonnenen Goldmedaillen behalten. Lediglich dem inzwischen wegen Dopings lebenslang gesperrten Jerome Young wurde der Staffel-Olympiasieg aberkannt. Mit diesem am Donnerstag in Lausanne veröffentlichten bindenden Spruch, dessen Begründung 27 Seiten umfaßt und dem sich auch das Internationale Olympische Komitee (IOC) beugen muß, endete ein zunächst vertuschter Dopingskandal.
Mit seinem Urteil revidierte die vierköpfige CAS-Kammer unter Vorsitz des Schweden Kaj Hober eine Entscheidung des Internationalen Leichtathletik-Verbandes (IAAF), der am 18. Juli 2004 allen Mitgliedern der Staffel die Goldmedaille aberkannt hatte. Dieses Votum basierte wiederum auf einem CAS-Spruch vom 28. Juni 2004. Danach wurde Young wegen eines vom nationalen Leichtathletik-Verband (US Track & Field) verheimlichten und erst 2003 öffentlich gewordenen Dopingvergehens nachträglich vom 26. Juni 1999 bis zum 25. Juni 2001 gesperrt. Er hätte also in Australien nicht laufen würde.
Schwer zu ertragendes Urteil
Gerüchte über einen gedopten amerikanischen Leichtathleten, der in Sydney Gold geholt hätte, kursierten schon seit Jahren. Im Jahr 2001 hatte der sogenannte McLaren-Report eines kanadischen Rechtsgelehrten illegale Praktiken von US Track & Field offengelegt. Der im selben Jahr zum Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees gewählte Belgier Jacques Rogge hatte von Beginn seiner Amtszeit an alles versucht, Licht in das Dunkel der Affäre zu bringen. Nun muß auch er mit einem schwer zu ertragenden Urteil leben.
Gegen die Aberkennung der Medaillen für alle Staffel-Mitglieder durch die IAAF hatten die Athleten zusammen mit dem Nationalen Olympischen Komitee der Vereinigten Staaten (Usoc) Revision vor dem CAS eingelegt. Das Usoc kommentierte das CAS-Urteil so: "Es geht nicht um das Gutheißen von Doping, sondern um die richtige Anwendung von Regeln." Vor allem Michael Johnson hatte sich über "Sippenhaft" entrüstet.
„Extrem enttäuscht“
Der Sportgerichtshof begründete sein Urteil mit dem Hinweis, daß die bis 2004 bestehende IAAF-Regel die Disqualifikation aller Staffel-Mitglieder bei einer nachträglichen Sperre eines einzelnen Läufers nicht zulasse. Erst die vor einem Jahr geänderte Bestimmung hätte eine Aberkennung aller Medaillen zweifelsfrei möglich gemacht. Diese Begründung fällt auf die IAAF zurück. Dennoch zeigte sich der Weltverband am Donnerstag "extrem enttäuscht" über die Entscheidung. Die IAAF habe vor einem Jahr "im besten Interesse unseres Sports" entschieden, daß die gesamte Staffel bei der Teilnahme eines "nicht zugelassenen Athleten" zu disqualifizieren sei.
Das IOC hatte seine Entscheidung davon abhängig gemacht, wie eine rechtskräftiges Urteil ausfällt. In der Olympischen Charta ist festgeschrieben, daß die olympischen Ergebnisse und Ranglisten von den jeweiligen Fachverbänden verantwortet werden, während die damit verknüpfte Medaillenvergabe oder auch -aberkennung Sache des IOC ist. Das IOC-Exekutivkomitee wird nun bei seiner Herbstsitzung nur Young die Staffel-Goldmedaille aberkennen können. "Uns sind die Hände gebunden. Die Medaillen folgen der gültigen Wettkampfentscheidung. Das Urteil ist juristisch nachvollziehbar, aber bedauerlich", sagte das deutsche IOC-Mitglied Thomas Bach als Vorsitzender der Juristischen Kommission der Organisation. Grundsätzlich gehe es in solchen Fällen immer auch um eine Abwägung: den sauberen Athleten zu schützen und den unschuldigen nicht zu bestrafen.
Zweifel am Leumund
Durch das CAS-Urteil darf Michael Johnson seine fünfte Goldmedaille behalten. Der inzwischen zurückgetretene Athlet hatte 1992 sein erstes Staffel-Gold errungen und dazu in Atlanta 1996 die 200 Meter und 400 Meter sowie 2004 ebenfalls die 400 Meter gewonnen. Zweifel an der Rechtmäßigkeit des Staffel-Olympiasiegs in Sydney kommen vor allem durch den Leumund von Johnsons Mitläufer auf. Der Vertuschungsversuch des nationalen Verbandes galt Youngs Verfehlung aus dem Jahr 1999, als ihm das anabole Steroid Nandrolon nachgewiesen worden war. Im Juli 2004 war der 400-Meter-Weltmeister von 2003 dann beim Golden-League-Meeting in Paris der Einnahme des Blutdopingmittels Erythropoietin (Epo) überführt worden. Als Wiederholungstäter wurde Young, der in Sydney lediglich in der ersten Runde und im Semifinale zum Einsatz gekommen war, lebenslang gesperrt.
Auch zwei weitere Mitläufer Johnsons, die Zwillinge Calvin und Alvin Harrison, sind mittlerweile als Dopingsünder erkannt worden. Alvin ist im vergangenen Jahr für vier Jahre, Calvin für zwei Jahre gesperrt worden. Als unbescholten, weil offiziell nicht des Dopings überführt, gelten aus der Staffel neben Johnson also nur noch Antonio Pettigrew und Angelo Taylor.