07.11.2005 · Die frühere Weltklassesprinterin Ines Geipel hat die Einschätzungen des Frankfurter Rechtsanwaltes Günter Paul zur Mitwisserschaft von Eltern beim Kinderdoping in der ehemaligen DDR als "eindeutigen Rufmord" bezeichnet.
Die frühere Weltklassessprinterin Ines Geipel hat die Einschätzungen des Frankfurter Rechtsanwaltes Günter Paul zur Mitwisserschaft von Eltern beim Kinderdoping in der ehemaligen DDR als "eindeutigen Rufmord" bezeichnet. Paul, Anwalt des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) für Deutschland im Schadensersatzprozeß gegen die frühere Schwimmerin Karen König, hatte behauptet, die DDR habe ihr Staatsdoping-Programm mit Wissen der Athleten und/oder ihrer Eltern umgesetzt. Die Eltern seien "oft intensiv in den Trainingsprozeß und alles, was drum herum war, einbezogen" gewesen. "Das war bei jedem Sportler so, auch bei Karen König", sagte Paul.
Die frühere DDR-Schwimmerin gilt als Dopingopfer und fordert vom bundesdeutschen NOK als Rechtsnachfolgerin des aufgelösten DDR-NOK eine Entschädigung. Ines Geipel, selbst Dopingopfer, hält Pauls Äußerungen für justitiabel: "Das wird wohl juristische Konsequenzen haben", sagte sie am vergangenen Freitag in Erfurt bei einer von der thüringischen Landesbeauftragten für Stasiunterlagen, Hildigund Neubert, initiierten Diskussionsrunde zum Thema "Wie weiter mit der Aufarbeitung im Sport?".
Spätschäden wissenschaftlich belegt
Durch Doping verursachte Spätschäden wie Depressionen, Steroidakne, Organschäden, irreversible Vermännlichungserscheinungen bei Frauen, eine tiefe Stimme und andere Gesundheitsschädigungen sind wissenschaftlich belegt. Die Folgen von Doping bei Karen König will NOK-Anwalt Paul offenbar nicht anerkennen: "Zarah Leander hatte auch eine tiefe Stimme, aber sie hat bestimmt nicht gedopt", sagte Paul dem "Spiegel". "Das ist zynisch. Auch das NOK kann nicht ewig hinter dem historischen Erkenntnisstand zurückbleiben. Es muß endlich zu seiner Verantwortung finden", sagte Ines Geipel, heute Professorin für Deutsche Verssprache in Berlin.
Vor allem das flächendeckende Doping von Minderjährigen, besonders intensiv im DDR-Schwimmsport praktiziert, war in mehreren Prozessen an deutschen Gerichten aufgearbeitet worden und hatte zu Verurteilungen der Täter geführt. "Es gibt aktuell mehr als 600 Dopinggeschädigte. Die Zahl ist steigend. Die Nach- und Nebenwirkungen des Dopings bedeuten auch: Einige der Opfer schrammen heute ständig am Suizid entlang. Sie brauchen professionelle Hilfe und die Solidarität der Gesellschaft", erklärte Ines Geipel. Es gehe ihr darum, wie man den Sport als Kulturraum aus dem vergifteten Zustand von einst herausholt.
Sie hatte zuletzt den Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) gebeten, ihren Namen mit Blick auf das Zwangsdoping aus Rekordlisten zu entfernen. Der DLV hat auf seiner Website die Ruhmeshalle für sogenannte Ausnahmeathleten und deren zum Teil in der anabolen Hochzeit aufgestellten Rekorde kürzlich geschlossen. Frau Geipel sieht darin ein Signal, daß mit der Historie endlich anders umgegangen wird. "Die Verbände haben fünfzehn Jahre Aufarbeitung verschlafen. Jetzt muß endlich das Gut-böse-Syndrom überwunden und klar miteinander umgegangen werden, denn die Opfer haben nicht ewig Zeit."