17.01.2007 · Der Deutsche Olympische Sportbund hat seine Besorgnis über mögliche Lücken im Kontrollsystem der Nationalen Anti-Doping-Agentur ausgedrückt. „Schwachstellen müssen zügig behoben werden“, sagte DOSB-Präsident Bach.
Von Michael Reinsch, BerlinDer Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) hat am Dienstag seine Besorgnis über mögliche Lücken im Kontrollsystem der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada) ausgedrückt. „Es gilt aufzuklären, ob und warum es fehlende Meldungen von nicht angetroffenen Athleten gibt und ob rechtliche Vorbewertungen vorgenommen wurden“, sagte DOSB-Präsident Thomas Bach am Mittwoch in Berlin. „Schwachstellen müssen aufgedeckt und zügig behoben werden.“
Die ARD hatte in ihrer Reportage „Mission: Sauberer Sport“, die am Mittwochabend gesendet wurde, behauptet, in mindestens 400 Fällen seien bei Trainingskontrollen deutsche Athleten nicht angetroffen worden (Siehe auch: Kommentar: Erst senden, dann fragen); die Nada habe die zuständigen Verbände darüber nicht informiert, so dass vorgeschriebene Sanktionen von öffentlicher Verwarnung bis zur Sperre ausblieben. Die Nada nimmt jährlich rund 4500 Trainingskontrollen vor. Bach sagte, er habe von der Nada keinen Hinweis auf solche „No shows“ erhalten.
Riedel: „Einen Fehler nehme ich auf meine Kappe“
Unterdessen bestreitet Lars Riedel, Trainingskontrollen ausgewichen zu sein. Vielmehr habe die Nada bei seinem Umzug von Chemnitz nach Rottach-Egern Anfang 2006 in ihrer Kartei offenbar nur den Wohnort, nicht aber die Straße geändert. Er selbst habe die Nada darauf hingewiesen, als ihm das Ausbleiben von Kontrollen auffiel, sagte er telefonisch von seinem Trainingslager in Portugal aus.
Die ARD hat zwar nicht den Namen Riedels genannt, aber behauptet, ein deutscher Olympiasieger und fünfmaliger Weltmeister sei bei Dopingkontrollen im vergangenen Jahr fünf Mal nicht anzutreffen gewesen. „Einen einzigen Fehler nehme ich auf meine Kappe“, sagte Riedel; er sei vor den Europameisterschaften vorzeitig aus dem Trainingslager Kienbaum abgereist. Als Kontrolleure ihn dort nicht antrafen, sei er mit nur einer Stunde Verzögerung in seiner Wohnung kontrolliert worden. Die Adressenverwechslung könne er, sagte Riedel, anhand eines Briefes der Nada mit den falschen Angaben belegen.
„Das ist nicht automatisch ein No show“
Der Geschäftsführer der Nada, Roland Augustin, bestritt sowohl die Zahl als auch den Begriff der No shows. „Wenn ein Kontrolleur jemanden nicht antrifft, ist das nicht automatisch ein No show“, sagte er. Tatsächlich verpasste Tests habe es wohl weniger als 400 gegeben. Nicht-Anwesenheit sei, gestand er zu, der schwächste Teil des Kontrollsystems. Das Thema sei jedoch „zu hochgespielt und geht an der Realität vorbei“. Dagegen hielt DOSB-Generalsekretär Michael Vesper: „Zum Abwiegeln sind die im Raum stehenden Vorwürfe viel zu ernst. Schließlich haben wir unseren Jahreszuschuss für die Nada gerade auf 520.000 Euro verdoppelt.“
Athleten, die nicht zur Spitzenklasse gehörten, also die Mehrzahl, hätten, so Augustin, das Recht, sich bis zu 72 Stunden lang von ihrem gemeldeten Aufenthaltsort zu entfernen. Top-Athleten hätten die Möglichkeit, sich außer bei der Nada auch an anderen Stellen, etwa bei ihren internationalen Verbänden, abzumelden. Mit einigen dieser Organisationen bestehe keine Kommunikation. Es sei auch anzunehmen, dass die Kontrolleure manchmal versehentlich falsche Adressen erhielten.
Nada will Verfahren umstellen
„Wir versuchen den Spagat zwischen dem Versuch, schwarze Schafe aus dem Verkehr zu ziehen, und einer Orwellschen Überwachung“, sagte Augustin. Einer der Kontrolleure sagte im Fernsehen, es passiere ihm täglich, dass er zu kontrollierende Sportler nicht antreffe. Die Nada hat angekündigt, ihr Verfahren umzustellen.
Der Sportausschuss des Deutschen Bundestages wird sich auf seiner nächsten Sitzung am 31. Januar ausschließlich mit der Problematik verpasster Athleten bei Kontrollen beschäftigen. Dazu sollen Thomas Bach und DOSB-Generaldirektor Michael Vesper, Vertreter der Nada, des Leichtathletikverbandes sowie Athletenvertreter eingeladen werden. Das kündigte der Sportausschuss-Vorsitzende Peter Danckert (SPD) an.