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Veröffentlicht: 25.05.2017, 11:01 Uhr

DDR-Boxer Dirk Schäfer Der entspannte IMS „Frank“

Angeblich dachte der junge DDR-Boxer Dirk Schäfer „idiotisch und überspitzt“. Die Stasi zerstörte seine Karriere – mit Hilfe des späteren Klitschko-Trainers Fritz Sdunek.

von Matthias Hufmann
© privat Hochtalentiert, aber nicht systemkonform: Dirk Schäfer als junger Boxer in den achtziger Jahren

Auf einer Länderkampftour der DDR-Auswahl 1982 in die Vereinigten Staaten und nach Kanada sollte Fritz Sdunek einen jungen Boxer fragen, ob man nicht zusammen abhauen wolle. „Nein“, war die Antwort. „Ich lasse doch meine Eltern nicht im Stich!“ Test bestanden. Keine besonderen Vorkommnisse, meldete Sdunek nach der Rückkehr. „So liefen die Überprüfungen damals ab.“

Mit Überprüfungen meinte er: Stasi-Überprüfungen. Sdunek, der spätere Weltmeister-Macher und Coach der Klitschkos, war in den 70er und 80er Jahren Klubtrainer in Schwerin und Assistent des DDR-Auswahltrainers. Zur Staatssicherheit hatte er ein entspanntes Verhältnis. Die Offiziere seien „recht lockere Typen“ gewesen, man habe sich stets im Plauderton unterhalten, heißt es in seiner Autobiographie „Durchgeboxt“. Nach eigenen Angaben sollte er über Auffälligkeiten in Trainingslagern und bei Wettkämpfen berichten. Die Stasi habe aber nie versucht, etwas aus ihm herauszupressen.

Dass die Karriere des jungen Boxers trotzdem zerstört worden ist, wird in Sduneks Autobiographie nicht erwähnt. Ebenso wenig, dass der Test auf der Länderkampfreise nur ein kleiner Teil eines detaillierten Plans war. Beides passt auch nicht zur Legende von der harmlosen Stasi.

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Der junge Boxer war Dirk Schäfer. Zweimaliger DDR-Meister im Bantamgewicht, Dritter der Junioren-EM, eines der größten Talente des Landes. Er wurde noch 1982 aus seinem Klub verbannt und „in Unehren“ ausdelegiert. Das zeigen Stasi-Unterlagen, die unserer Redaktion vorliegen. Mindestens fünf Inoffizielle Mitarbeiter (IMs) und drei weitere Spitzel der Staatssicherheit hatten ihn systematisch überwacht. Sie sollten ermitteln, mit wem er sich traf. Wohin er ging. Worüber er sprach. Seine Pakete wurden von der Stasi geöffnet, seine Briefe gelesen. Es gab Ermittlungen im Ausbildungsbetrieb VEB Denkmalpflege Schwerin. IMs sollten erreichen, dass die Eltern ihrem Sohn zuredeten.

„Gesellschaftliche Entwicklung der DDR negierend“

Schäfer war damals 20 Jahre alt. Die Stasi warf ihm vor, dass er „aufgrund seines Charakters und seiner Mentalität im Trainingskollektiv nicht akzeptiert“ wurde. Inoffizielle Mitarbeiter beobachteten, dass er Kontakte zu Kirchenkreisen in Schwerin unterhielt und sich mit „negativen und asozialen Personen“ umgab. Wiederholt wurde festgestellt, dass er „provokatorisch und die gesellschaftliche Entwicklung in der DDR negierend“ auftrat.

Dirk Schäfer sagt heute, dass er von der Überwachung nichts mitbekommen habe. Er war als Schüler von Ludwigslust ins Sportinternat nach Schwerin gewechselt, machte seinen Schulabschluss, trainierte täglich, ging aber auch gern aus. Er liebte Musik. „Ich war jung und wollte was erleben.“ Im Jugendklub einer Kirche hätte er Schmalzstullen gegessen, Tischtennis gespielt, Lieder gesungen. „Das waren für mich einfach nur junge Leute.“

 
Der DDR-Boxer Dirk Schäfer ist ein Opfer der Stasi. Für diese lieferte ein bekannter Trainer die Infos.
 
Was ein heute bekannter Trainer mit der gescheiterten Karriere eines ehemaligen DDR-Boxers zu tun hat.

Als DDR-Meister von 1981 war Schäfer auf bestem Wege, sich für die Weltmeisterschaft 1982 in München zu qualifizieren. Die Stasi stellte das vor ein Problem. Sollte man tatsächlich jemanden mitnehmen, der laut Akten sagte: „In der DDR kann auch nicht jeder werden, was er gerne möchte“? Von dem man nicht wusste, ob er nicht – ausgerechnet – im Westen bleiben würde?

Zu den Spitzeln zählten vor allem Leute aus Schäfers Klub, Traktor Schwerin. In den 70er und 80er Jahren holten Traktor-Boxer 20 Medaillen bei Olympia, bei Welt- und Europameisterschaften. Der Erfolg rief die Staatssicherheit frühzeitig auf den Plan. „Anhand der Akten wird deutlich, wie intensiv der Klub beobachtet und beeinflusst wurde“, sagt Anne Drescher, die Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen in Mecklenburg-Vorpommern. „Es war ein dichtes Netz.“ Schäfer sei kein Einzelfall gewesen. Aber ein Fall mit bitterem Ausgang.

46040821 © Michael Kockot/NDR Vergrößern Straßenmusikant in Schwerin: Der verratene und verkaufte Boxer Dirk Schäfer heute

Die Stasi hatte eigens einen Maßnahmenplan gegen ihn erarbeitet. Darin ging es unter anderem um den Einsatz von Inoffiziellen Mitarbeitern bei Starts „im nichtsozialistischen Ausland“. Sie sollten Hinweise über Schäfers Verhalten im Vorfeld der WM liefern. Zum Beispiel auf der Reise 1982 in die Vereinigten Staaten und nach Kanada, bei der auch IMs aus Schwerin dabei waren. Darunter der IMS (Inoffizieller Mitarbeiter Sicherheit) mit dem Decknamen „Anton“. Und IMS „Frank“.

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