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Kommentar : Die Welt des IOC-Präsidenten

Wo ist die Perspektive? IOC-Präsident Thomas Bach Bild: dpa

IOC-Präsident Thomas Bach gibt sich im Streit um die russische Olympiateilnahme als Vorkämpfer der Gerechtigkeit gegenüber dem einzelnen Sportler. Dabei übersieht er aber allzu gefühllos die Doping-Opfer der Vergangenheit.

          Olympische Winterspiele in 38 Tagen in Südkorea und dann im Sommer endlich wieder eine Fußball-Weltmeisterschaft: Diese Aussicht auf 2018 schürt Träume. Noch immer. Aber wie das so ist in diesen Turbozeiten. Kaum sind die guten Vorsätze formuliert und die besten Wünsche für ein grandioses Sportjahr ausgesprochen, da wird der Sportfreund mit der Wirklichkeit konfrontiert. Aufgewacht, ihr Träumer!

          Das ruft der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) seinen Kritikern in diesem Land zum neuen Jahr zu. Die Botschaft soll vorwiegend eine innerdeutsche Angelegenheit sein, weil Thomas Bach englischen und amerikanischen Attacken zum Trotz „vornehmlich“ nur in seiner Heimat Kritik an seinem Russland-Kurs erfahren haben will. Die demnach urdeutsche Behauptung, mit der Bestrafung für das Staats-Doping (Fähnchen weg, Hymne gestrichen, Anführer lebenslang gesperrt) habe man Staatspräsident Putin nicht restlos verärgern wollen, nannte Bach in der „Welt“ eine „haltlose Theorie“, „weit von der Realität entfernt“.

          Wie weit denn? Immerhin lässt die Distanzangabe noch den Schluss zu, dass bei der Ablehnung des IOC, die Russen komplett von den Spielen fernzuhalten, doch ein kleiner Schuss Realität mitspielte. Putin ist einer der mächtigsten Männer der Welt. Und Russland hat erheblichen Einfluss nicht nur über Sponsoren auf den internationalen Spitzensport. Wie sagt Bach im selben Interview: „Die Realität sollte man nicht ignorieren.“

          Willkommen in der Realität

          An dieser Stelle ging es nicht mehr um das Strafmaß, sondern um die Wirkung der Sanktionen auf den Menschen. Die russischen Athleten, die in Südkorea starten werden, dürfe man „nicht demütigen“, indem man sie „quasi ihrer Herkunft beraubt“. Deshalb steht auf dem Rücken der Anzüge „Olympic Athlets from Russia“. Das Wohl der Sportler liegt dem IOC-Chef am Herzen. Verständlich. Aus Bach spricht, sagt er, fast ausschließlich der Sportler.

          Ob dem Athleten im IOC-Chef vor eineinhalb Jahren während der Sommerspiele in Rio das Herz blutete, erfährt der geneigte Leser nicht. Damals lief eine Truppe Kuweiter unter neutraler Flagge ins Olympiastadion ein. Laut Bach-Definition eine Demütigung. Dazu braucht das IOC nicht etwa ein Doping-System russischer Provenienz außerhalb der „Vorstellungskraft“ Bachs, es reicht die Einmischung der kuweitischen Regierung in die Angelegenheit der kuweitischen Sportorganisation.

          Zur Realität gehört auch, dass sich der Jurist Bach verbal immer wieder für das Recht des Einzelnen einsetzt, Gerechtigkeit fordert und Vorverurteilung anprangert. Den vom IOC gesperrten russischen Athleten steht der Weg zum Internationalen Sportgerichtshof offen. Nur ihren damaligen Trainern und Ärzten nicht. Die Deutschen unter ihnen ringen nach Luft. Kein Recht auf ein Verfahren? Jeder Mensch hat einen Anspruch auf ein ordentliches Verfahren. Sagt Bach in seiner Neujahrsbotschaft.

          Wenn das IOC schon eine Individualisierung der Schuldfrage durchsetzt, dann wäre es nützlich, um mit Bach zu sprechen, „die Fakten zu durchdringen“. Das fällt mindestens in einem Fall bemerkenswert schwer. Wieder bezeichnete der IOC-Präsident das russische Staats-Doping als schwersten Angriff auf die Integrität der Olympischen Spiele, „die wir je erlebt haben“. Dieses Urteil lässt nach dem Stand der Dinge jeglichen Sinn für Realität vermissen. Denn Bach übersieht bei seiner Einordnung das Ausmaß des DDR-Zwangs-Dopings: Ein höchst skrupelloser, krimineller Menschenversuch über wenigstens 14 Jahre mit dem Ziel, bei den (acht folgenden) Olympischen Spielen so viel Gold wie möglich zu gewinnen.

          Viele Kinderathleten von damals sind heute schwerkrank. Diese Fakten schlicht zu verdrängen zeugt von einer unfassbaren Gefühllosigkeit. Und von dem Desinteresse, aus der Vergangenheit für die Zukunft lernen zu wollen. Willkommen in der Realität.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

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