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DFL-Sicherheitspapier Zerreißprobe des Fußballs

 ·  Am Mittwoch will der Ligaverband das DFL-Papier „Sicheres Stadionerlebnis“ verabschieden. Der erbitterte Streit über den Umgang mit einem Prozent Gewalttätern und 99 Prozent friedlichen Fans droht, die Strukturen des Profifußballs anzugreifen.

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© dpa Schalker Fans protestieren in der VELTINS-Arena gegen den Beschluss

Am Montag rauschte Lorenz Caffier mit seinem Tross durch die Räume der Deutsche Bahn AG am Rande des Frankfurter Bankenviertels. Der Vorsitzende der Innenministerkonferenz verließ die Pressekonferenz nach dem Fan-Gipfel vorzeitig. Er wollte seinen Zug nicht verpassen. Caffiers Statement dauert 2:30 Minuten, dann war er weg. Zuvor hatte sich der Innenminister Mecklenburg-Vorpommerns viel Zeit gelassen, um mit Fußballfans zu diskutieren. Die Bahn hatte eingeladen, um den Blick in der Gewaltdiskussion im deutschen Fußball von den Stadien auch einmal auf die An- und Abreise zu lenken, immerhin transportiert sie jedes Wochenende 100 000 Fans. In den zweieinhalb Minuten, in denen Caffier den Ertrag des Tages zusammenfasste, waren plötzlich ganz neue Töne zu hören. Der Innenminister gehörte bisher zu den Politikern, die nach Auseinandersetzungen bei Fußballspielen die Stimmung mit reflexhaften Forderungen nach Gesichtsscannern und Geisterspielen zusätzlich anheizten, nun aber sagte er: „Ich bin der Bahn sehr dankbar, weil wir alle, die in der Verantwortung sind, viel häufiger übereinander als miteinander reden.“

Caffier räumte selbstkritisch ein, dass man „deutlich feststellen konnte, dass es ein relativ hohes Defizit in der Kommunikation zwischen einzelnen Playern gibt“. Eine Reihe von Problemen ließen sich jedoch recht einfach lösen. Er versprach, einige Anregungen mit in die Innenministerkonferenz zu nehmen. Dazu gehört für Caffier nun auch „das Thema Eigenverantwortung, das noch mal sehr deutlich von der Fanszene angesprochen worden ist. Wenn Eigenverantwortung dazu führt, dass wir weniger Auseinandersetzungen haben, dann soll man darüber auch reden. Wir sind grundsätzlich bereit, ein Stück entgegenzukommen.“ Und in diesem verbindlichen Ton fuhr Caffier bis zu seinem eiligen Abschied fort: „Ich wünsche mir, dass das heute nicht ein einmaliger Vorgang war. Ich habe auch der Fanszene angeboten, dass wir über die gesamte Thematik reden können.“

Verantwortliche treffen sich am Mittwoch

Die Bahn hat am Montag vorgemacht, wie die Sicherheitsdiskussion im deutschen Fußball auch hätte laufen können. Fanvertreter wurden vorab um ihre Expertise gebeten, dann trafen sich die Anhänger mit den Verantwortlichen der Bahn, der Politik, der zuständigen Bundespolizei und den Verbänden. Man diskutierte miteinander, auf Augenhöhe. Sogar Ultras kamen. „Wir wollen einen Dialog fördern, der nicht nur Lösungswege zur Eindämmung von Gewalt bei Fußballspielen fördert, sondern der auch uns die Möglichkeit gibt, zuzuhören, um die Wünsche von Fans und Reisenden in die Tat umzusetzen“, sagte DB-Vorstand Gerd Becht. Man ging mit einem guten Gefühl auseinander.

Wenn am Mittwoch der Ligaverband mit seinen 36 Vereinen zusammenkommt, um das umstrittene DFL-Papier „Sicheres Stadionerlebnis“ zu verabschieden, herrscht dagegen Alarmstimmung. Die Gewaltdebatte wurde bis zuletzt von allen Seiten befeuert, die Lage ist verfahren. Der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier forderte einen „Sicherheits-Euro“ von allen Zuschauern, Ligapräsident Reinhard Rauball sieht die Verbandsautonomie bedroht und bürstete den Vorschlag mit den Hinweis ab, er sei mit dem Sicherheitskonzept der DFL nicht zu vereinbaren. Caffier spricht von einem „Tollhaus“.

Unterdessen geht der Stimmungsboykott der Fans in den Stadien an diesem Wochenende in seine dritte Runde, aber Rauball sieht vor allem Agitation am Werk. Die Ultras weiten ihren Protest gegen verstärkte Repression auf die Straße aus, Fans ziehen demonstrierend durch Großstädte wie am Samstag in Dortmund oder Dresden. Die eifersüchtigen Verbände DFB und DFL beäugen sich seit Monaten misstrauisch in der Gewaltdebatte, die Vereine sind vor der Abstimmung des DFL-Konzepts gespalten. Und die Bengalos brennen weiter. Es ist nicht übertrieben, wenn man sagt: Der deutsche Fußball steht vor einer Zerreißprobe.

Experten befürchten Zuspitzung der Lage

Selbst wenn das Papier, das im Oktober krachend durchfiel, am 12. Dezember in veränderter Form verabschiedet wird - niemand weiß, wie danach Friede in die Kurven einziehen soll. Fan-Experten befürchten sogar eine Eskalation. „Wenn die Hardliner in den Kurven, die jetzt schon den Dialog ablehnen, die Meinungsführerschaft übernehmen, weil sich die Gemäßigten frustriert zurückziehen, wird sich die Situation weiter zuspitzen“, sagt Sven Brux, der Sicherheitschef des FC St. Pauli.

In der Debatte geht es nicht mehr nur um Sachfragen, der Konflikt hat sich verselbständigt. Der Streit über den Umgang mit einem Prozent Gewalttätern und 99 Prozent friedlichen Fans droht dabei auch die Strukturen des Profifußballs anzugreifen. Das Worst-case-Szenario, das in Verbänden und Vereinen durchgespielt wird, geht so: Am Mittwoch einigen sich die Vereine nicht - wie von der Politik massiv gefordert - auf einen Maßnahmenkatalog. Das Lager der Kritiker, wie Union Berlin oder St. Pauli, die schon von der ersten Version nichts wissen wollten, weil die Fans, um die es geht, nicht eingebunden waren, setzt sich endgültig durch - die Entscheidung wird gegen den Protest von einflussreichen Klubs vertagt. In der Folge entwickelt sich der entzweite Profifußball in eine Richtung, die etwa Bayern, Dortmund oder Schalke - also die Zugpferde - nicht mehr akzeptieren wollen. Die Spaltung des Ligaverbands droht. Oder der umgekehrte Fall: Das DFL-Papier wird, wie zu vermuten, durchgewinkt. Aber einzelne Klubs wollen damit partout nicht leben.

Durchhalteparolen und die Suche nach einer Antwort

Schon jetzt bekommen diese Kritiker zu hören, dass die Mitgliedschaft in der DFL und der Bundesliga kein Zwang sei. Jeder, der nicht mitmachen wolle, müsse es nur sagen. Konfliktlinien tun sich auch zwischen den Verbänden auf. Die DFL ist verärgert, dass sich der DFB der Debatte mittlerweile verweigert. In der Frage der Pyrotechnik hatte der DFB durch seine Wankelmütigkeit den Konflikt mit den Kurven im Vorjahr noch verschärft. Das ungute Gefühl jedenfalls, dass es dem großen Bruder DFB ganz recht ist, wenn der kleine Bruder DFL, der sich für etwas Besseres hält, auch mal eine übergebraten bekommt, lässt sich bei der Profivereinigung nicht so schnell vertreiben. Zudem bekommen die Verbände zu spüren, dass es niemand in ihren Reihen gibt, der in der Gewaltdebatte kompetent und glaubwürdig gegenüber Politik und Fans auftreten kann. DFB-Präsident Niersbach schweigt, die DFL zappelt sich ab.

Und so haben in diesen Tagen im organisierten Fußball Durchhalteparolen Konjunktur. „Man muss auch in die Vergangenheit schauen“, sagt Rauball. „In den 70er Jahren hatten wir den Bundesligaskandal, in den 80er Jahren das Thema Hooligans, in den 90er Jahren das Bosman-Urteil. Die Bundesliga hat in 50 Jahren immer eine Antwort gefunden. Das wird auch diesmal so sein.“ Die Frage ist nur: Ist es auch die richtige Antwort?

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