13.07.2011 · Der DOSB berät über die Folgen der gescheiterten Olympia-Bewerbung für 2018. Ein neuer Anlauf Münchens für 2022? Eher doch wieder Sommerspiele ins Auge fassen? Der DOSB muss nun Klarheit und Einigkeit im deutschen Sport herstellen.
Von Jörg HahnNach der krachenden Niederlage Münchens im Bewerbungsverfahren um die Olympischen Winterspiele 2018 am vorigen Mittwoch in Durban hat es weder an mitfühlenden Äußerungen gefehlt noch an guten Ratschlägen, wie es nun weitergehen könnte. Ein neuer Anlauf Münchens für 2022? Eher doch wieder Sommerspiele ins Auge fassen?
Die Kakophonie der Stimmen, zu der auch überflüssige Kritik am Internationalen Olympischen Komitee (IOC) gehörte, erinnerte an 2004, als eine deutsche Kampagne mit Leipzig gescheitert war - die sächsische Messestadt wurde vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) nicht einmal zur Endauswahl der Olympiabewerber um die Sommerspiele 2012 zugelassen, weil bei der Beherbergung und der allgemeinen Infrastruktur Schwächen bestanden. Federführend war damals noch das Nationale Olympische Komitee (NOK), das zwei Jahre später im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) aufging. Eine NOK-Arbeitsgruppe betrieb vor sieben Jahren eine kritische Analyse, um Eckpunkte für eine zukünftige Bewerbung aufzustellen. Der sechsköpfigen Gruppe gehörte unter anderen Manfred von Richthofen an, der Präsident des alten Deutschen Sportbundes (DSB).
Schon nach einem einzigen Treffen wurde ein selbstkritisches Zehn-Punkte-Papier vorgelegt, das nicht zuletzt darauf abzielte, die Einheit des Sports auch in Fragen künftiger Olympiabewerbungen zu beschwören. Ersetzt man in dem Papier die Buchstabenfolge NOK durch das Kürzel des neuen Dachverbandes, DOSB, liegt praktisch eine aktuelle Handlungsempfehlung vor.
„Uneingeschränkten Willen zur Bewerbung manifestieren“
Wörtlich hieß es (Auszüge): „Das NOK sieht in der Durchführung Olympischer Spiele unverändert eine große Chance für die Entwicklung des Sports in der Bundesrepublik Deutschland. Das NOK wird sich daher zu einem geeigneten Zeitpunkt abermals um die Olympischen Spiele bewerben. Es wird gemeinsam mit den Sportfachverbänden prüfen, ob eine Bewerbung für die Sommer- oder für die Winterspiele erfolgen wird. Leitlinie einer zukünftigen Bewerbung um Olympische Spiele ist die alleinige Ausrichtung an der internationalen Durchsetzungsfähigkeit der Bewerberstadt. Dabei werden ausschließlich die für die Auswahl der Bewerberstädte gültigen Kriterien des IOC maßgeblich sein.“
Und weiter: „Zukünftige Entscheidungen des IOC bei der Vergabe von Olympischen Spielen werden berücksichtigt. Ein zukünftiger Bewerbungsprozess um Olympische Spiele erfordert eine starke zentrale und eng geführte Steuerung durch das NOK in enger Kooperation mit den anderen Gremien des deutschen Sports. Dem Sachverstand internationaler Experten und den deutschen Vertretern in internationalen Fachverbänden und Gremien wird hierbei hohe Bedeutung beigemessen. Eine neuerliche Bewerbung um Olympische Spiele kann nur erfolgreich sein, wenn sie als nationales Anliegen von allen Regionen des Landes gewollt und mitgetragen wird. Dieser ,nationale Schulterschluss' erfordert einen engen Verbund von Sport, Politik und Wirtschaft und deren klares Bekenntnis zu einer nationalen Aufgabe ,Olympische Spiele'.“
Zudem hieß es: „Als Voraussetzung für eine erfolgreiche Bewerbung ist es erforderlich, dass Regierungen und Parlamente in Bund und Ländern vor Eintritt in eine Bewerbung ihren uneingeschränkten Willen zur Bewerbung um Olympische Spiele manifestieren. Unabdingbare Voraussetzung für eine Bewerbung ist die Unterstützungszusage der deutschen Wirtschaft vor Eintritt in die Bewerbung um Olympische Spiele. Um unverändert seinen Beitrag zur Sicherung Deutschlands als Standort internationaler Sportereignisse zu leisten, wird sich der deutsche Sport wie bisher auch in Zukunft um internationale Sportgroßveranstaltungen wie Welt- und Europameisterschaften in Deutschland bewerben.“
Grund zu einem Eilbeschluss besteht auf keinen Fall
Bundespräsident Christian Wulff, der zur deutschen Olympiadelegation in Durban gehörte, hat gerade im „Sommerinterview“ des ZDF für Geduld und Augenmaß plädiert. „Es wäre jetzt zu früh zu sagen, ob man sich jetzt von Deutschland aus für Sommer- oder Winterspiele bewirbt“, sagte Wulff. „Aber Fakt ist, dass die Koreaner wohl gerade deshalb gewonnen haben, weil sie sich zum dritten Mal mit derselben Stadt beworben haben.“ München war der südkoreanischen Stadt Pyeongchang am vorigen Mittwoch bei der IOC-Entscheidung klar unterlegen (25:63 Stimmen). Bei der Wahl künftiger Olympiastädte, sagte Wulff im ZDF, „werde das Internationale Olympische Komitee die ganze Welt im Blick haben. Es gibt Kontinente, wo noch gar keine Sommerspiele waren. Also, wir Europäer müssen begreifen: Es gibt nicht nur Europa.“
Grund zu einem Eilbeschluss besteht auf keinen Fall. München hat zu wenige Stimmen erhalten, um mit einem Jetzt-erst-recht-Gefühl gleich wieder loszulegen. Zudem war die Freude der Olympiagegner in München und in Garmisch-Partenkirchen über die Niederlage ein Hinweis, dass ein neuer Versuch mit alten Schwierigkeiten verbunden sein dürfte.
„Deshalb erlaube ich mir, Berlin ins Gespräch zu bringen“
Wulff könnte die Richtung für die Argumentation des DOSB, der an diesem Mittwoch in Frankfurt auch über die Folgen aus der Niederlage berät, vorgegeben haben. Ganz und gar nicht folgen dürfte DOSB-Präsident Thomas Bach seinem bis 2006 amtierenden DSB-Vorgänger Manfred von Richthofen, der sich für einen neuerlichen Anlauf Berlins ausgesprochen hat. Berlin war 1993 als Bewerber um die Sommerspiele 2000 durchgefallen. „Ich plädiere dafür, dass sich Deutschland um Sommerspiele bewirbt“, sagte Richthofen, der Ehrenpräsident des Deutschen Olympischen Sportbundes ist, dem „Tagesspiegel“. Deutschland sei nun mal kein Wintersportland - „mal abgesehen von Bayern, Baden-Württemberg, Thüringen und Sachsen. Im Norden gibt es da wenig Begeisterung.“
Die Stimmung in der Berliner Bevölkerung habe sich seit 1993 gedreht. „Die Berliner haben Trubel gern, andere wollen lieber ihre Ruhe“, behauptete von Richthofen. Zu den Berlin-Freunden zählt auch Clemens Prokop, Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes. „Deutschland sollte in Ruhe abwägen, ob nicht eine Bewerbung für Sommerspiele Sinn macht“, sagte Prokop. „Deshalb erlaube ich mir, Berlin ins Gespräch zu bringen.“ Die Fußball-WM 2006 und die Leichtathletik-WM 2009 in Berlin seien „schwergewichtige Argumente“.
„Für mich ist und bleibt Bayern die Sportheimat der Herzen“
Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer vertritt verständlicherweise andere Interessen: „Das bayerische Herz schlägt für den Sport - auch ohne Olympia 2018. Für mich ist und bleibt Bayern die Sportheimat der Herzen.“ Eine klare Aussage zu einer weiteren Olympiabewerbung blieb er bislang schuldig. Die Vertreter des Wintersports versuchen dagegen schon, für 2022 Stimmung zu machen.
Der deutsche Rodel-Weltverbandschef Josef Fendt, Thomas Schwab, Generalsekretär des Bob- und Schlittenverbandes, oder Alfons Hörmann, Präsident des Deutschen Skiverbandes, plädieren für eine zweite Runde mit dem bisherigen Konzept; dann führe für das IOC kein Weg an München vorbei. Hörmanns Generalsekretär Thomas Pfüller hofft vor allem, dass die Vertreter aus Politik, Industrie und Wirtschaft, die sich während der Bewerbungsphase für München engagiert haben, sich nicht enttäuscht zurückziehen.
„Der deutsche Sport stand wie eine Eins hinter der Bewerbung“
Doch die weltweiten Bewerbungspläne könnten dazu führen, dass 2022 Europa kaum als Ausrichterkontinent in Frage kommt. Denn nach Rom wollen sich auch Madrid und Istanbul um die Ausrichtung der Olympischen Sommerspiele 2020 bewerben. Als weitere Kandidaten für die Sommerspiele 2020 gelten Doha, Dubai und Tokio. Bei einem europäischen Erfolg hätte das sicher Auswirkungen auf 2022.
Der DOSB wird in den nächsten Wochen und Monaten zunächst eines wieder herstellen müssen; Klarheit und Einigkeit im Sport. Wie hatte Michael Ilgner, Vorsitzender des Vorstandes der Stiftung Deutsche Sporthilfe, noch vor einer Woche, am Tag der Wahlniederlage, festgestellt: „Der deutsche Sport stand wie eine Eins geschlossen hinter der Bewerbung, das ist ein großer Erfolg. Es gilt, den Schwung und die Begeisterung für den olympischen Sport mitzunehmen, der durch die Münchener Bewerbung entstanden ist.“ Die große Gefahr ist, dass dieser Schwung im Streit über künftige Bewerbungen hart abgebremst wird.
Frankfurt for Olympia!
Ralph Greb (R.Greb)
- 13.07.2011, 13:23 Uhr