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Der DSV und die Biathlon-Union : Die Frage nach dem geeigneten Präsidenten

DSV-Präsident Franz Steinle Bild: dpa

Die IBU steht vor einer wegweisenden Neuwahl. Der Deutsche Skiverband will sich erst kurz davor festlegen, wer die Internationale Biathlon-Union führen soll. Verschiedene Argumente müssen abgewägt werden.

          Olle Dahlin oder Baiba Broka? Wer soll der von Doping-Skandalen, Bestechungs- und Korruptionsvorwürfen geschüttelten Internationalen Biathlon-Union (IBU) wieder zu Seriosität, Integrität und Glaubwürdigkeit verhelfen? Darüber entscheiden an diesem Freitag am Spätnachmittag beim IBU-Kongress im kroatischen Küstenstädtchen Poreč 56 Mitgliedsnationen per Votum (ein Verband, eine Stimme). Der Deutsche Skiverband (DSV) hält sich bedeckt. „Wir befinden uns noch im Abwägungsprozess“, sagte Franz Steinle, Präsident des Deutschen Skiverbandes (DSV). Für den Schweden Dahlin spreche, dass er aus einer erfolgreichen Biathlon-Nation komme und als „Vizepräsident Entwicklung“ über eine gewisse Erfahrung im Vorstand verfüge, sagt der Schwabe Steinle. Die 42 Jahre alte Lettin stehe wohl mehr für einen Neubeginn, der ja gewollt sei, um das Vertrauen zurückzugewinnen. „Und zum Neuanfang gehört eventuell auch ein personeller Neubeginn“, sagt der 68 Jahre alte Jurist Steinle.

          Dahlin muss man anlasten, dass er als IBU-Vizepräsident das alte System mitgetragen hat, ohne je als Reformer oder Mahner aufgefallen zu sein. Broka muss sich mit Vorwürfen auseinandersetzen, die ihren angeblichen nationalistischen politischen Hintergrund und ihre angebliche Russland-Freundlichkeit angehen. Und mittendrin der DSV, der diese Anschuldigungen ebenfalls eingehend geprüft hat, ohne sie in letzter Konsequenz verifizieren zu können. Am Donnerstagabend hat man das persönliche Gespräch mit ihr gesucht, um sie mit den Vorwürfen zu konfrontieren und sich einen persönlichen Eindruck zu verschaffen. „Sie hat sich von diesen Anschuldigungen deutlich distanziert und das später auch noch einmal schriftlich nachgeschoben“, sagt DSV-Geschäftsführer Stefan Schwarzbach. Er legt Wert auf die Feststellung, „dass niemand, was die Person Baiba Broka angeht, versucht hat, Einfluss auf unseren Verband zu nehmen“. Auch Russland nicht.

          Bemühungen um eine gemeinsame Haltung

          Trotzdem wird derzeit in Poreč überall heftig diskutiert. Auch der DSV wagt sich noch nicht aus der Deckung, sondern will sich erst noch mit den sogenannten OPA-Ländern, den Kernländern der Alpen, um eine gemeinsame Haltung bemühen.

          In eigener Sache wirkt Steinle dagegen vollkommen entschlossen. Seine Kandidatur zum ersten Vizepräsidenten, also dem Mann hinter dem neuen Präsidenten, sagt er, dürfe man „durchaus als klares Signal verstehen, dass wir uns als führende Biathlon-Nation in der Verantwortung sehen, aktiv an der Aufklärung und an den notwendigen Weichenstellungen für die Zukunft mitzuarbeiten“. Deutschland ist – rein ökonomisch betrachtet – das einflussreichste Land im Biathlon. Das zeigt der Blick auf das Premium-Segment der IBU-Sponsoren: BMW, Viessmann, DKB und Hörmann – allesamt aus deutschen Landen. Da wäre es eine mittlere Katastrophe, keinen entsprechenden sportpolitischen Einfluss zu haben. Zumal wenn die Dinge aus dem Ruder laufen.

          In einer wichtigen Sache hat Steinle ein Zeichen gesetzt, wenn auch nicht alleine. Der Schwabe, der bis 2017 Leiter des Oberlandesgerichts Stuttgart war, gehört, wie Präsidentschaftskandidatin Broka, dem Rechtsausschuss der IBU an. Und dieses Gremium, in dem auch der Österreicher Günther Riess und die Ungarin Klara Kaszo arbeiten, hat auf seiner Sitzung in Poreč dem Präsidium empfohlen, den eigentlich für Freitag vorgesehenen Tagesordungspunkt „Abstimmung über den Status der Russischen Biathlon Union (RBU)“ von der Agenda zu nehmen. Die RBU hatte im Dezember 2017 als Folge des Doping-Skandals ihren Status als ordentliches IBU-Mitglied verloren und wird seitdem als provisorisches Mitglied ohne Stimm-, Wahl- und Vorschlagsrecht geführt. In Poreč sollte am Freitag über eine Rehabilitierung des Verbandes abgestimmt werden. Doch die Bedingungen dazu seien nicht erfüllt.

          Die Regularien der IBU erfordern, dass Vollmitglieder „Wada-compliant“ sein müssen. Und diese Bestätigung habe die Wada nicht gegeben. „Die Situation ist klar: keine Wada-Compliance, keine Rechte als vollwertiges Mitglied“, bringt es Baiba Broka auf den Punkt. Sollte das Präsidium dem Vorschlag des Rechtsausschusses folgen, würde die RBU ihren Status als provisorisches Mitglied vorerst behalten. Klingt nicht gerade russlandfreundlich.

          Wie man sich als Russe beim Kongress auch ohne Rechte Gehör verschafft, auch diese Form von Improvisationskunst dürfte in Poreč zu beobachten sein. Alexander Tichonow, einst Weltklasse-Biathlet und später dann IBU-Vizepräsident, hat angekündigt, beim Kongress den Antrag stellen zu wollen, beide Kandidaten abzulehnen, „weil keiner es verdient, Präsident der IBU zu werden“. Wie so ein Antrag möglich ist? Tichonow wechselt eben mal kurz die Nationalität und tritt für Georgien an. Der illustre Herr wäre früher gerne selbst Präsident geworden. Allerdings kam ihm etwas dazwischen. 2007 wurde er in Russland als einer der Hintermänner eines versuchten Mordanschlags auf einen Gouverneur verdächtigt und zu drei Jahren Haft verurteilt. Die blieben ihm aufgrund einer Amnestie jedoch erspart. Und der IBU immerhin ein Präsident namens Tichonow.

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