Meike Kröger war die zehnte deutsche Hochspringerin, die zwei Meter übersprang. Das war vor drei Jahren. Bei den deutschen Meisterschaften in Dortmund ist die Sechsundzwanzigjährige nach langer Zeit und einer Depression wieder aufgetaucht. Inzwischen lebt die Berlinerin in Zürich. Im F.A.Z.-Interview spricht sie über Leistungsdruck im Leistungssport, die psychologische Betreuung des Verbandes und ein Comeback.
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Sie sind zum ersten Mal seit langem wieder bei einer Meisterschaft - als Zuschauerin.
Ich bin entspannt und guter Dinge. Vor etwas mehr als einem Jahr hätte ich keine Meisterschaft besuchen können.
Als Sie in Karlsruhe mit zwei Metern Zweite der deutschen Meisterschaften wurden, sprach Ihr Trainer, ein Psychologe, davon, dass eine solche Leistung auch eine Belastung sein könne. Hat dieser Sprung Ihre Erkrankung verursacht?
Ich kann nicht sagen, dass es dieser eine Sprung war. Aber der Druck im Leistungssport, den man sich vor allem selbst macht, begünstigt solche Krankheiten. Ich bin sehr ehrgeizig, sonst wäre ich dort nicht hingekommen. Aber er machte mir eben nur so lange Spaß, wie er nebenher lief. Als ich sah, dass ich oben mitmischen kann, als ich Erwartungen weckte, auch in mir selbst, geriet der Sport immer mehr in den Lebensmittelpunkt. Wenn man viel investiert, erwartet man, dass viel dabei herauskommt. Alles andere ist eine Enttäuschung. Aber so funktioniert Leistungssport nicht: Das Ergebnis wird nicht automatisch besser, je mehr man investiert.
Waren die zwei Meter Versprechen oder Erfüllung?
Mit denen hatte ich gar nicht gerechnet. Zwar hatte ich mir die Höhe zugetraut, als sie auflag. Aber bis dahin waren sie ein fernes Ziel, ein Traum gewesen. Das war etwas Besonderes. Aber generell war der Leistungssport bei mir mehr und mehr mit negativen Emotionen verbunden.
Warum?
Seit ich meine Karriere im Sommer beendet habe, habe ich mich das oft gefragt. Ich glaube, das hing auch damit zusammen, dass ich nicht dem Bild entsprach, das man von Leistungssportlern sehen will; dass man zur Bundeswehr geht oder zur Polizei, um sich auf den Sport zu konzentrieren. Ohne das steht man zwischen den Stühlen. Es ist schwierig. Einerseits will man den Sport weitermachen, aber man möchte hinterher nicht ohne Ausbildung oder Studium dastehen.
Haben Funktionäre oder Trainer Sie gedrängt?
Nein. Ich habe gesehen, wie viele das machen und teilweise auch erfolgreich damit sind. Für mich waren Bundeswehr oder Polizei nie eine Option. Einigen Funktionären ist es egal, ob jemand mit Mitte dreißig aus der Bundeswehr ausscheidet und keine zufriedenstellende Ausbildung hat. Da gibt es schwere persönliche Schicksale.
Hat Ihr Architekturstudium Ihren Weg schwerer gemacht?
Ich will nicht jammern. Ich habe einfach keinen Weg gesehen, Spitzensport und Studium optimal zu verbinden. Und ich wollte mich nicht erst mit dreißig zu Zwanzigjährigen in den Hörsaal setzen. Man kann ein Architekturstudium nicht strecken, deshalb hatte ich wenig Zeit fürs Training. Das war zum Scheitern verurteilt.
Wann haben Sie die ersten Anzeichen Ihrer Depression erlebt?
Das entwickelt sich, ohne dass man es wahrnimmt. Richtig ausgebrochen ist es Ende 2011. Ich hatte zuvor eine lange Phase von Verletzungen und eine Schilddrüsenunterfunktion.
Hashimoto. Ihre Schilddrüse verkleinert sich?
So ist es. Die Krankheit und die Verletzungen führten dazu, dass ich mich stark unter Druck fühlte. Das hat die Depression vermutlich begünstigt.
Nun nehmen Sie Medikamente?
Ich bekomme das Schilddrüsenhormon L-Thyroxin. Seit ich richtig eingestellt bin, geht es mir besser.
Spüren Sie manchmal eine beflügelnde Wirkung? Schilddrüsenhormon soll als Dopingmittel verbreitet sein.
Ich spüre diese Wirkung nicht. Aber mir wurde schon vorgeworfen, dass ich das Medikament nehme, um meine Leistung zu steigern.
Die Vermutung ist, nicht in Ihrem Fall, aber generell, nicht abwegig. Im Mittelstreckenlauf wird viel darüber spekuliert.
Ich finde es krass, dass man für Sport, den man nur einige Jahre ausüben kann, seine Gesundheit ruiniert. Wer Schilddrüsenhormon nimmt, ohne die Krankheit zu haben, muss extrem leichtsinnig sein.
Hat Sport Sie in der Depression belastet oder geholfen?
Er spielte überhaupt keine Rolle. Man kämpft nur darum, überhaupt wieder Lebensqualität herzustellen. Die Frage ist, ob und wann man in den Leistungssport zurückkehren kann, wenn man geheilt ist. Es macht ja nicht klick, und man ist wie vorher. Es braucht eine Weile. Im Leistungssport muss man überzeugt und stark sein, um Erfolg zu haben. Ich spreche nur über meine Krankheit, weil durch einen irreparablen Knorpelschaden mein Ausscheiden aus dem Sport definitiv ist. Wenn ich ein Comeback vorhätte, würde ich mir das sehr gut überlegen. Man macht sich angreifbar. Die Chance, zurückzukommen, ist damit eigentlich gleich null.
Der Deutsche Leichtathletik-Verband hält sich zugute, dass er seit drei Jahren allen Kadern auch Psychologen zugeordnet hat. Hat Ihnen das geholfen?
Ich hatte recht guten Kontakt zu den Psychologen und habe sie auch hier getroffen. Das ist wichtig, aber viel zu wenig. Sie sind nur bei den Lehrgängen der Bundeskader. Ich hatte meine Probleme damals thematisiert, ich spürte, dass etwas in die falsche Richtung lief. Aber das wurde unterschätzt. Wenn ich’s früher gewusst hätte, hätte ich früher etwas unternehmen können. So musste erst das ganze System zusammenbrechen.
Hat das Hungern, das im Hochsprung der Frauen unerlässlich erscheint, Sie belastet?
Ich hatte das Glück, nie ein Diät-Programm zu brauchen. Allerdings habe ich, als es professioneller wurde, geglaubt, dass ich Diät halten sollte. Statt locker damit umzugehen, habe ich mir damit schlechte Stimmung gemacht.
Wie haben sich die Dopingkontrollen auf Ihr Leben ausgewirkt?
Ich hatte zwei missed tests. Während der Bachelor-Arbeit war ich eigentlich den ganzen Tag an der Uni und habe mich auf anderes konzentriert als auf meinen Online-Account, den ich ständig hätte aktualisieren müssen. Das war belastend. Beim dritten missed test wäre ich gesperrt worden. Man geht ins Kino und denkt: Habe ich das richtig eingetragen? Oder stehen jetzt die Kontrolleure vor der Haustür? Damit ist der Abend schon verdorben.
In einer Befragung, deren Ergebnisse die Stiftung Deutsche Sporthilfe vergangene Woche vorgestellt hat, gibt - grob geschätzt - jeder zehnte deutsche Spitzensportler an, dass er Essstörungen habe, dass er an Depressionen leide, dass er ausgebrannt sei. Hätten Sie alles drei bejaht?
Eine Essstörung hatte ich nie. Depression und Burn Out gehen für mich in die gleiche Richtung.
Es gehört Mut dazu, darüber zu sprechen. Wie haben Sie den aufgebracht?
Ich neige dazu, zu ehrlich zu sein. Ich will niemandem etwas vorgaukeln. Ich will offen umgehen mit dieser Krankheit. Vielleicht hätte es mir geholfen, wenn ich von anderen Leichtathleten gewusst hätte, die eine Depression hatten und wie sie damit umgehen. Es ist ja nicht außerirdisch, dass so etwas passiert im Leistungssport.