Home
http://www.faz.net/-gu9-777xm
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Depression im Sport „Das ganze System musste erst zusammenbrechen“

Einer Befragung der Deutschen Sporthilfe zufolge leidet rund neun Prozent der deutschen Spitzensportler an psychischen Erkrankungen. Sie gibt der Studie ein Gesicht: Meike Kröger, einst Hochspringerin.

© imago sportfotodienst Vergrößern Schwierige Balance: Meike Kröger beim Leichtathletik Meeting 2011 in Rehlingen

Meike Kröger war die zehnte deutsche Hochspringerin, die zwei Meter übersprang. Das war vor drei Jahren. Bei den deutschen Meisterschaften in Dortmund ist die Sechsundzwanzigjährige nach langer Zeit und einer Depression wieder aufgetaucht. Inzwischen lebt die Berlinerin in Zürich. Im F.A.Z.-Interview spricht sie über Leistungsdruck im Leistungssport, die psychologische Betreuung des Verbandes und ein Comeback.

***

Sie sind zum ersten Mal seit langem wieder bei einer Meisterschaft - als Zuschauerin.

Ich bin entspannt und guter Dinge. Vor etwas mehr als einem Jahr hätte ich keine Meisterschaft besuchen können.

Als Sie in Karlsruhe mit zwei Metern Zweite der deutschen Meisterschaften wurden, sprach Ihr Trainer, ein Psychologe, davon, dass eine solche Leistung auch eine Belastung sein könne. Hat dieser Sprung Ihre Erkrankung verursacht?

Ich kann nicht sagen, dass es dieser eine Sprung war. Aber der Druck im Leistungssport, den man sich vor allem selbst macht, begünstigt solche Krankheiten. Ich bin sehr ehrgeizig, sonst wäre ich dort nicht hingekommen. Aber er machte mir eben nur so lange Spaß, wie er nebenher lief. Als ich sah, dass ich oben mitmischen kann, als ich Erwartungen weckte, auch in mir selbst, geriet der Sport immer mehr in den Lebensmittelpunkt. Wenn man viel investiert, erwartet man, dass viel dabei herauskommt. Alles andere ist eine Enttäuschung. Aber so funktioniert Leistungssport nicht: Das Ergebnis wird nicht automatisch besser, je mehr man investiert.

Waren die zwei Meter Versprechen oder Erfüllung?

Mit denen hatte ich gar nicht gerechnet. Zwar hatte ich mir die Höhe zugetraut, als sie auflag. Aber bis dahin waren sie ein fernes Ziel, ein Traum gewesen. Das war etwas Besonderes. Aber generell war der Leistungssport bei mir mehr und mehr mit negativen Emotionen verbunden.

Warum?

Seit ich meine Karriere im Sommer beendet habe, habe ich mich das oft gefragt. Ich glaube, das hing auch damit zusammen, dass ich nicht dem Bild entsprach, das man von Leistungssportlern sehen will; dass man zur Bundeswehr geht oder zur Polizei, um sich auf den Sport zu konzentrieren. Ohne das steht man zwischen den Stühlen. Es ist schwierig. Einerseits will man den Sport weitermachen, aber man möchte hinterher nicht ohne Ausbildung oder Studium dastehen.

Mehr zum Thema

Haben Funktionäre oder Trainer Sie gedrängt?

Nein. Ich habe gesehen, wie viele das machen und teilweise auch erfolgreich damit sind. Für mich waren Bundeswehr oder Polizei nie eine Option. Einigen Funktionären ist es egal, ob jemand mit Mitte dreißig aus der Bundeswehr ausscheidet und keine zufriedenstellende Ausbildung hat. Da gibt es schwere persönliche Schicksale.

Hat Ihr Architekturstudium Ihren Weg schwerer gemacht?

Ich will nicht jammern. Ich habe einfach keinen Weg gesehen, Spitzensport und Studium optimal zu verbinden. Und ich wollte mich nicht erst mit dreißig zu Zwanzigjährigen in den Hörsaal setzen. Man kann ein Architekturstudium nicht strecken, deshalb hatte ich wenig Zeit fürs Training. Das war zum Scheitern verurteilt.

Wann haben Sie die ersten Anzeichen Ihrer Depression erlebt?

Das entwickelt sich, ohne dass man es wahrnimmt. Richtig ausgebrochen ist es Ende 2011. Ich hatte zuvor eine lange Phase von Verletzungen und eine Schilddrüsenunterfunktion.

Hashimoto. Ihre Schilddrüse verkleinert sich?

So ist es. Die Krankheit und die Verletzungen führten dazu, dass ich mich stark unter Druck fühlte. Das hat die Depression vermutlich begünstigt.

Nun nehmen Sie Medikamente?

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Kienle und Kittel im Gespräch Ein positiver Test wäre das Ende für mein Leben

Am Sonntagabend werden die deutschen Sportler des Jahres gekürt – wir haben unsere Favoriten dagegen schon gefunden: Im F.A.S.-Interview sprechen Triathlet Sebastian Kienle und Radprofi Marcel Kittel über ihr Jahr 2014, falsche und richtige Signale im Kampf gegen Doping und GPS-Ortung für Spitzensportler. Mehr

21.12.2014, 13:48 Uhr | Sport
Kate und William in Amerika Draußen Proteste, drinnen royaler Besuch

Dass Massen auf sie warten, sind Kate und William gewohnt. Doch die Menge, die sich vor der Sport-Arena in Brooklyn versammelt hatte, war nicht gekommen um die Royals zu begrüßen. Sie protestierte gegen übermäßige Polizeigewalt. Mehr

09.12.2014, 12:29 Uhr | Gesellschaft
Svetislav Pesic im Gespräch Große sportliche Ziele hängen auch vom Geld ab

Auch mit 65 Jahren ist Svetislav Pesic nicht zu bremsen. Der Trainer der Bayern-Basketballer spricht im F.A.Z.-Interview über die Verletztenmisere, Größenwahnsinn in Deutschland und Uli Hoeneß. Mehr

19.12.2014, 17:55 Uhr | Sport
Keine deutschen Soldaten in den Irak

Die Bundeskanzlerin schloss bei einer Wahlkampfveranstaltung in Sachsen einen Militäreinsatz der Bundeswehr aus. Die Bundesregierung hatte am Mittwoch in Berlin angekündigt, den Kurden im Nordirak Waffen zu liefern. Mehr

22.08.2014, 11:32 Uhr | Politik
Felix Baumgartner im Gespräch Alles im Leben hat ein Preisschild

Felix Baumgartner wurde durch seinen Sprung aus 39.000 Metern weltberühmt. Im FAZ.NET-Interview spricht er über das Leben danach, hochriskantes Weltklasse-Entertainment und Hubschrauberrennen mit der Polizei. Mehr

09.12.2014, 14:49 Uhr | Sport
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 25.02.2013, 16:55 Uhr

Harting ist der richtige Mann

Von Christoph Becker

Ist Robert Hartings Wahl zum Sportler des Jahres wirklich ein „Armutszeugnis“, wie Maria Höfl-Riesch behauptet? Nein. Der Diskuswerfer ist ein Mann des Jahres, ganz sicher im Sport, vielleicht sogar darüber hinaus. Mehr 11 21