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Das neue Jahr Mehr Klinsmann braucht das Land

 ·  Nicht alles ist Sparen und Verzicht - es gibt noch Träume und Visionen. Der deutsche Sport hat kein Glaubwürdigkeitsproblem, sondern steht eher vor der Herausforderung einer realistischen Selbsteinschätzung und vernünftigen Zieldefinition.

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In wenigen Stunden beginnt das "Jahr des Sports und der Leibeserziehung", ausgerufen haben es die Vereinten Nationen. Schaut man kurz zurück auf das mit den kleinen und großen Dramen des Sports vollgestopfte Jahr 2004, fragt man sich schon, ob die UN-Aktion wirklich notwendig ist. Auf der anderen Seite haben auch in Deutschland Studien belegt, daß Kinder und Jugendliche schlimme Bewegungsdefizite haben und der Schulsport hierzulande ein schwerer Pflegefall ist. Offenbar ist doch noch viel zu tun, abseits des Show- und Spitzensports in erster Linie.

Mehr als alle Gesundheitsappelle und wortreiche Kampagnen kann ein faszinierender Leistungssport dem Nachwuchs Leitbilder geben. Stars als Vorbilder, das ist noch lange kein überholtes Modell. Allerdings, und das hat das an Dopingskandalen reiche Jahr 2004 deutlich gemacht, muß der moderne Wettkampfsport alles daransetzen, die Tendenzen zur Selbstzerstörung durch Betrug zu stoppen.

Fair play tut not. Jacques Rogge, der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, hat die Vielzahl von Erwischten, gerade bei den Spielen in Athen, als Durchbruch im Kampf gegen Doping gewertet. Das harte Durchgreifen der Amerikaner als nach wie vor führender Sportnation gegen ihre eigenen Sünder ist für Rogge das richtige Signal an die Welt. Hoffentlich werden diese Zeichen überall verstanden.

Schily fordert: „Aufräumen!“

Der deutsche Sport hat kein Glaubwürdigkeitsproblem, sondern steht eher vor der Herausforderung einer realistischen Selbsteinschätzung und vernünftigen Zieldefinition. Zu den führenden drei Ländern bei Olympia zu gehören, diese Erwartung hat sich in Athen wie erwartet als überzogen herausgestellt und die schon länger laufende Diskussion über Strukturen und Förderung des Spitzensports befeuert. Kurz vor Weihnachten schaltete sich Innen- und Sportminister Otto Schily beim Bundestag des Deutschen Sportbundes deutlicher denn je in die Debatte ein. Im deutschen Sport müsse aufgeräumt werden, forderte Schily. Die Fusionsgespräche zwischen dem Nationalen Olympischen Komitee (NOK) und dem Deutschen Sportbund (DSB), die 2005 zu Ergebnissen führen sollen, könnten nur ein Anfang sein, so der Minister, aus dessen Etat im kommenden Jahr über 130 Millionen Euro in die Sportförderung fließen.

In der Tat wird in Deutschland in zu vielen Gremien des Sports neben- oder gar gegeneinander gearbeitet. Daß der DSB allerdings ein wankender Riese sein soll, wie in der kontroversen Fusionsfrage mitunter dargestellt, ist überzogen. 27 Millionen Mitgliedschaften, fast 90.000 Vereine und drei Millionen ehrenamtliche Helfer dürften diesen gesellschaftlichen Riesen so leicht nicht stürzen lassen. Aber weder der DSB, das NOK, die 16 Landessportbünde noch die 55 Fachverbände (davon 23 nichtolympische) werden um tiefe Einschnitte und drastische Veränderungen herumkommen. Allein die Zahlen von 20 Olympia- und 158 Bundesstützpunkten machen bewußt, das hier oder dort das Organisationsgestrüpp zurückgeschnitten werden muß.

Daß Formel-1-Champion Michael Schumacher gerade "Sportler des Jahres" geworden ist, in einem Olympiajahr, hat die Krise des deutschen Sports in olympischen Kernsportarten wie Leichtathletik und Schwimmen nochmals belegt. Erste Konzepte für den Weg nach Peking 2008 liegen auf dem Tisch. Anforderungen werden klarer festgelegt, die Mittel weniger breit gestreut. Es wird für potentielle Olympiastarter weniger komfortabel werden in Zukunft. Dennoch soll es sich weiterhin lohnen, für eine Laufbahn im Hochleistungssport Ausbildung und Privatleben einige Jahre lang zurückzustellen. Ob bei der Bundeswehr, durch die Stiftung Deutsche Sporthilfe oder in der Wirtschaft, an vielen Stellen finden junge Athleten Absicherung - jedoch kein Ruhekissen mehr.

So schlecht kann der Ruf nicht sein

Was erwartet uns im Aktivjahr 2005? Der Winter ist ein vorolympischer, man schielt schon nach Turin 2006. Rund um den Globus stehen über fünfzig Welt- und Europameisterschaften in olympischen Sommer- und Wintersportarten auf dem Terminkalender, von Biathlon über Eishockey und Handball bis Frauenfußball. Von wegen Zwischenjahr. Es gibt keine Verschnaufpausen mehr, der Sport dehnt seinen Machtbereich immer weiter aus, beherrscht die Medien.

Michael Schumacher und Kollegen stehen vor einer Rekordsaison mit 19 Rennen. Zum drittgrößten Sportspektakel, nach Olympia und Fußball-WM, treffen sich die Leichtathleten zu ihren 10. Weltmeisterschaften im August in Helsinki. In Deutschland finden unter anderem die Weltmeisterschaften der nordischen Skisportler (im Februar in Oberstdorf), der Eisschnelläufer, im Beachvolleyball, im Fechten und im Radcross statt. Duisburg bereitet sich auf die World Games in 40 nichtolympischen Sportarten vor, 3500 Teilnehmer aus 100 Ländern werden im Juli ins Ruhrgebiet kommen. Pforzheim und Karlsruhe sind im Juli Etappenorte der Tour de France.

Länger warten auf Olympia

Der Confederations Cup im Juni wird sowohl für Deutschland als Gastgeber als auch für die Nationalmannschaft von Jürgen Klinsmann, als neuer Bundestrainer der unbestrittene Reformer des Jahres im deutschen Sport, zur Generalprobe für die Fußball-WM 2006. Im Jahr 2006 tragen auch Hockey- und Tischtennisspieler sowie die Reiter ihre Weltmeisterschaften in Deutschland aus. Vor kurzem hat Berlin den Zuschlag für die Leichtathletik-WM 2009 erhalten. All diese Großereignisse belegen, daß Deutschlands Ruf in der Sportwelt so schlecht nicht sein kann. Man traut diesem Land einiges zu.

Auf Olympische Spiele jedoch wird man länger warten müssen. Leipzig ist im Frühjahr aus dem Bewerberkreis für 2012 aussortiert worden. Europa oder Nordamerika, vor dieser Richtungsentscheidung steht das Internationale Olympische Komitee am 6. Juli in Singapur: London, Madrid, Moskau, Paris - oder doch New York? Klaus Wowereit, Berlins Regierender Bürgermeister, hat seine Stadt schon in Position gebracht für eine deutsche Bewerbung um die Spiele 2016 oder 2020. Erfolgversprechender dürfte die Idee sein, mit München und Oberbayern um die Winterspiele 2014 zu kämpfen. Nächstes Jahr müßte das NOK solch einen Plan konkretisieren. Es gibt noch Träume und Visionen im Land, nicht alles ist Sparen und Verzichten.

Selbstmitleid ist fehl am Platz

Wie schnell Klinsmann - mit Geschick und radikalen Entscheidungen - im deutschen Fußball eine Stimmungswende erreicht hat nach dem traurigen portugiesischen Abschied Rudi Völlers, das muß einfach allen Mut machen. Fußball ist und bleibt für Medien und Publikum das Sportthema Nummer eins. Auch Politik und Wirtschaft haben erkannt, welche Kraft im Fußball steckt, wie der Sport und wie vor allem die WM 2006 Deutschland bewegen können. Am Ende von Rückschau und Ausblick kommt man fast automatisch auf den Titel der Kampagne des Deutschen Sportbundes, für die Bundespräsident Horst Köhler nach seiner Wahl die Schirmherrschaft übernommen hat: "Sport tut Deutschland gut." Kritische Selbstschau muß sein, Selbstmitleid ist fehl am Platz.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung
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