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IOC : Mission sauberer Russe

Wie kriegt man die Fahnen zusammen? Das IOC will Russland Brücken bauen Bild: dpa

Es ist die wichtigste aller Olympia-Fragen: Wie schafft es Thomas Bach, russische Athleten in Rio starten zu lassen trotz aller Vorwürfe und Belege für systematisches Doping? Sie werden gebraucht, damit der Rubel rollt.

          Thomas Bach wirkte immer noch gut gelaunt, als er in Lausanne den zweiten Sitzungstag seiner Exekutive eröffnete. So als steigerten all die Probleme, die auf Olympia einprasseln, noch seine präsidiale Schaffenskraft. Zwei Monate vor den Sommerspielen in Rio de Janeiro steht er vor einem ganzen Panorama von Herausforderungen: den Warnungen vor der Ausbreitung des Zika-Virus, der in Brasilien grassiert. Immer noch unfertigen Sportstätten wie der Radrennbahn oder dem Tenniszentrum. Den Folgen der brasilianischen Wirtschaftskrise. Dem politischen Chaos nach der Absetzung von Präsidentin Dilma Rousseff. Und der wichtigsten aller wichtigen aktuellen Olympia-Fragen: Wie schafft er es, russische Athleten in Rio starten zu lassen, ohne die Glaubwürdigkeit des olympischen Anti-Doping-Kampfs zu pulverisieren?

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Die Hinweise, mit welchem Entfesselungstrick das IOC sich aus seiner Zwangslage befreien will, werden langsam deutlicher. Gesucht werden saubere Russen. Sobald man nachweislich unabhängig getestete russische Athleten dingfest gemacht hat, ist das Argumentations-Puzzle komplett: Sie kann man unmöglich von Olympia eliminieren und damit Unschuldige für das Versagen ihrer Sportführung und ihrer Politiker bestrafen. Die Stabhochspringerin Jelena Issinbajewa hat es erfasst. „Ich bin nicht für die Handlungen anderer verantwortlich. Ich habe die Regeln nicht gebrochen“, sagte sie jüngst und schickte eine Kampfansage hinterher, die auf eine mögliche Prozesslawine hinweist. „Ich werde mir nicht das Recht nehmen lassen, das mir zusteht.“

          Mehr Tests

          Wo aber bekommt das IOC nach all den Skandalen, Vorwürfen, positiven Tests und diskreditierten Kontrollsystemen rings um den russischen Sport jetzt „saubere“ Russen her, die es vor ungerechter Ausgrenzung schützen kann? Thomas Bach hat bereits am 18. Mai in einem Gastbeitrag für diese Zeitung angedeutet, wie es funktionieren soll. Der IOC-Präsident kündigte an, es könne passieren, dass „betroffene Athleten nachweisen müssen, dass ihre Doping-Tests international und unabhängig vorgenommen worden sind (...), damit Chancengleichheit für alle Sportlerinnen und Sportler sichergestellt werden kann.“ Die Zeit ist knapp und die „Mission sauberer Russe“ bereits im Gang.

          Und weil das russische System sich nicht so plötzlich läutern kann, helfen das IOC und die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) nach. In diesem Sinn lässt sich auch Punkt eins des am Mittwoch überraschend präsentierten Anti-Doping-Statements des IOC interpretieren. Dort heißt es, man werde das Budget für die den Spielen vorausgehenden Doping-Tests auf 500.000 Dollar verdoppeln. Dabei geht es vor allem um gezielte, intelligente Tests, als deren Basis Fach- und Insiderwissen dient.

          Parade riposte: Thomas Bach ist geübt in sportpolitischen Gefechten
          Parade riposte: Thomas Bach ist geübt in sportpolitischen Gefechten : Bild: AFP

          In dem Statement heißt es, dass ein spezieller Fokus auf Länder gerichtet werde, deren Testprogramm „non-compliant“ sei - also nicht mit den Anforderungen des Welt-Anti-Doping-Kodex übereinstimmt. Ganz gegen seine Gepflogenheiten benennt das IOC diese Länder sogar: Russland, Kenia und Mexiko. Russland also. Verschärfte Tests als Schützenhilfe - so ließe sich die Maßnahme positiv beschreiben.

          Hastig hervorgezaubertes Feigenblatt für eine Nation der Doper - so würden es wohl die zahlreichen Kritiker nennen wie etwa der deutsche Werfer Robert Harting. Zumal es Berichte gibt, dass die von der Wada in Russland zur Umsetzung des Doping-Reinwaschungsprogramms eingesetzten internationalen Kontrolleure auf erhebliche Behinderungen getroffen seien.

          Die internationalen Institutionen kämpfen trotzdem weiter um Russlands Ruf. Für die Wada sollen der erfahrene Australier Peter Nicholson und Leva Lukosiute-Stanikuniene, die Direktorin der Anti-Doping-Agentur von Litauen, die Reformen überwachen. „Dies ist ein wichtiger Schritt, damit die Öffentlichkeit und die Athleten das Vertrauen in das russische Anti-Doping-System wiedererlangen“, ließ Wada-Chef Craig Reedie wissen.

          Noch sind die Karten nicht auf dem Tisch

          Dass eine Nation, die in der Leichtathletik nachweislich systematisches Doping betrieben hat und gegen die unzählige weitere Indizien auch in anderen Sportarten vorliegen, nicht mit dem Olympia-Ausschluss bestraft werden soll, will jenen Athleten nicht einleuchten, die seit Jahren von gedopten Russen besiegt wurden und sich von ihnen manchmal sogar verspotten lassen mussten. Wenn stimmt, was der ehemalige Moskauer Laborchef Gregorij Rodschenkow behauptet, dass nämlich während der Winterspiele 2014 in Sotschi mit staatlicher Hilfe Doping-Proben russischer Athleten ausgetauscht wurden, so hat Russland das IOC mit krimineller Systematik bewusst betrogen. Speziell vor diesem Hintergrund kann das IOC nur mit den Rechten einzelner Athleten argumentieren, wenn es sich nicht lächerlich machen will.

          Winke, winke, winke - und „Auf Wiedersehen“? Die Russen hoffen noch auf Olympia
          Winke, winke, winke - und „Auf Wiedersehen“? Die Russen hoffen noch auf Olympia : Bild: AP

          Noch sind die Karten nicht auf dem Tisch. Ob der Council des Internationalen Leichtathletik-Verbandes IAAF den im November ausgesprochenen Bann gegen den russischen Verband auch auf Rio ausdehnen wird, entscheidet er bei seiner Sitzung am 17. Juni in Wien. Am ehesten ist hier mit einem Russen-Ausschluss zu rechnen, denn in dieser Sportart gibt es nicht nur Indizien, sondern Beweise für ein Doping-System, die ein unabhängiger Wada-Report lieferte. Vier Tage nach der IAAF sollen die anderen Fachverbände sich bei einem Treffen mit der Frage der Athleten-Zulassung für Rio befassen.

          Und dann? Insider rechnen nicht damit, dass die Spiele in Rio ohne russische Sportler stattfinden werden. Aber vielleicht nicht mit einer kompletten russischen Mannschaft. Ob das dann im Sinne der Athleten wäre? Die ehemalige Fechterin Claudia Bokel, die Athletensprecherin des IOC mit Sitz in der Exekutive, wollte sich in Lausanne zu dem Thema nicht äußern.

          Quelle: F.A.Z.

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