Mehr als eine Stunde lang saß Zelig Shtorch schweigend auf dem Podium, als die anderen über den elften Tag sprachen. Der elfte Tag, das war jener 5. September 1972, an dem die Mannschaft Israels bei den Olympischen Spielen in München im Athletendorf von der palästinensischen Terrorgruppe „Schwarzer September“ überfallen wurde. Zwei israelische Sportler wurden damals im Haus Conollystraße 31 ermordet, neun wurden von den Terroristen als Geiseln genommen. Sie starben am späten Abend wie ein Münchner Polizeibeamter bei einem Schusswechsel zwischen den Terroristen und der Polizei auf dem Militärflughafen in Fürstenfeldbruck. Der elfte Tag, das ist aber auch der Titel einer Dokumentation des Bezahlsenders „Bio - The Biography Channel“, in dem es nicht um die Toten von damals geht. Sondern um jene, die überlebten.
„Wir sind sehr fixiert auf die Opfer, auf Verletzte und Hinterbliebene und vergessen, dass es auch für die Überlebenden ein traumatisches Erlebnis ist, das Jahre, oft Jahrzehnte überschattet“, sagte Münchens Oberbürgermeister Christian Ude in einem Grußwort bei der Vorstellung der Dokumentation und der ehemaligen Athleten in den Katakomben des Olympiastadions. Die Formulierung, die Überlebenden hätten Glück gehabt, so Ude, sei viel zu oberflächlich und werde dem Schicksal der Betroffenen oft nicht gerecht. „Es ist sicherlich nicht einfach, mit dem Glück davongekommen zu sein.“
Sechs der Überlebenden saßen auf dem Podium, freundliche ältere Herren, manche mit dicken Brillen, andere mit schütteren Haaren. Der ehemalige Fechter Dan Alon, 66, und Schwimmer Avraham Melamed, 67, der zum ersten Mal seit 1972 nach München gekommen war; er sagt, er fühle sich wohl in der Stadt und habe das Gefühl, von einer Wolke der Liebe getragen zu werden. Ringer Gad Tsabary, 68, und Geher Shaul Ladany, 75, der mit acht Jahren aus dem Konzentrationslager Bergen-Belsen befreit worden war. Henry Hershkovitz, 85, Ringer und Fahnenträger bei der Eröffnungsfeier jener Spiele, die bis zum 5. September ein heiteres, unbeschwertes Fest unter blauem Himmel gewesen waren, und Zelig Shtorch, 65, Sportschütze der Disziplin Kleinkaliber liegend.
In sich gekehrt hörte Shtorch zu, wie die anderen berichteten. Über die lockere Atmosphäre im Dorf. Der Weg nach drinnen sei nicht schwer gewesen, sagt Ladany. „Man musste nur eine Trainingsjacke tragen, noch nicht mal eine mit Mannschaftsaufdruck. Und wenn man durch den Eingang nicht reinkam, dann durch den Ausgang. Aber wir hatten nicht die geringste Angst, es war wunderbar.“ Aufgeräumter Stimmung kamen sie am Abend vor dem Überfall vom Besuch des Musicals „Anatevka“ nach Hause, und als sie in den frühen Morgenstunden vom Lärm im Haus geweckt wurden, dachten sie zunächst, die Mannschaft Uruguays im Stockwerk darüber feiere eine Party. Tsabary stand auf, um nachzusehen, und im Flur traf er auf einen Mann in einem gelben Pullover, der die Waffe auf ihn richtete und ihn zehn Minuten lang in Schach hielt.
„Ich hätte ihn erschießen können“
Auch heute wundert er sich noch darüber, wie es ihm später gelang, die Waffe zur Seite zu schieben und im Zickzack davonzurennen, hin zum nächsten Haus, wo er sich halbnackt und verwirrt, des Englischen kaum mächtig, nur mühsam verständigen und berichten konnte, seine Mannschaft sei überfallen worden, da drüben im israelischen Haus.
Dann sprach Zelig Shtorch, und es stellte sich heraus, dass er daran gewöhnt ist, die Geschichte zu erzählen. Seit mehr als 15 Jahren begleitet er Touristen aus Israel als Reiseführer nach Deutschland, nach München, und tatsächlich fast immer auch zum Haus Conollystraße 31 in den Olympiapark. „Die Leute wissen ja, wer ich bin“, sagt er. Es wird still im Raum, als er berichtet, wie er damals in den Morgenstunden des 5. September mit seiner geladenen Waffe hinter einem Vorhang stand, nicht viel mehr als fünf Meter vom Anführer der Terroristen, Issa, entfernt. Er hatte die Waffe zum Reinigen mit ins Dorf gebracht, was zwar verboten, aber bei den großzügigen Kontrollen am Eingang niemandem aufgefallen war. „Ich hätte ihn erschießen können“, sagt Shtorch, „das wäre nicht schwer gewesen auf diese Entfernung.“ Er tat es nicht, und bis heute hat er keine Antwort auf die Frage nach dem Warum gefunden. Der Gedanke lässt ihn nicht los, dass er vielleicht eines der Opfer hätte retten können, hätte er sich anders entschieden.
Die Überlebenden kehrten damals mit der gleichen Sondermaschine nach Israel zurück wie die Toten, aber keiner von ihnen hatte das Gefühl, mit offenen Armen empfangen zu werden. Gad Tsabary, der lange unter Albträumen litt, sagt, er habe die Familien der Opfer besucht, um ihnen zu erzählen, was passiert sei. Dabei sei ihm zwar kein Hass entgegen geschlagen, aber er habe eine Form von Neid gespürt. Darauf, dass er noch am Leben war.
Jeder suchte nach einer eigenen Form, mit dem Trauma und der Trauer fertig zu werden; sie kamen nie auf den Gedanken, das gemeinsam zu tun. Erst jetzt, fast 40 Jahre danach, sind sie wieder eine Mannschaft, zusammengeführt für die Dreharbeiten zur Dokumentation vom deutschen Produzenten Emanuel Rotstein (Sendetermin 7. Juli). „Zum ersten Mal geht es hier nicht um die Sicht eines einzelnen“, sagt Ladany, „hier wird die Geschichte aller Beteiligten zu einem Ganzen zusammengefügt.“ Sie sind froh, dass es endlich so weit ist.