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Contra Olympia : Der Verstand sagt nein

Nein danke: Olympia in München belastet die Umwelt und den Steuerzahler Bild: dpa

Das Herz sagt ja. Der Verstand sagt nein. Die wahren Kosten stehen in den Sternen. Und verdienen werden nur die Herren der Ringe.

          Die deutschen Wintersportler hätten Olympia 2022 in München verdient. Ehrlich gesagt: Alle Wintersportler hätten München 2022 verdient, wenn man auf die kommenden beiden Winterspiele blickt und sieht, wo sie bis dahin Ski springen, Abfahren, Eislaufen und Snowboarden müssen. Zuerst am Badestrand von Putins Gazprom-Reich in knapp 100 Tagen in Sotschi, in Hallen und vor Tribünen, die auf dem Blut, dem Schweiß und den Tränen geknechteter Wanderarbeiter gebaut wurden. (Und jetzt haben wir die Stichworte Gleichberechtigung und Meinungsfreiheit noch gar nicht erwähnt.)

          Und vier Jahre später in der südkoreanischen Retorte Pyeongchang, zur allgemeinen Belustigung des Olympia-Sponsors Samsung und zur Förderung des Umsatzes der Wintersportunternehmen, Stichwort asiatischer Markt. Kurzum: Das IOC braucht im Jahr 2022 dringend einen vergleichsweise vernünftigen Bewerber wie München. Die Chancen stünden gut, dass München vieles besser machen würde. Das sagt das Herz.

          Lieber in Schul- und Vereinssport investieren

          Der Verstand sagt nein. Wer kann, mitten in einer ökonomischen Krise, die den gesamten Kontinent im Griff hat und deren Ende und Ausgang nicht abzusehen sind, guten Gewissens für eine 18-tägige Mammut-Sportveranstaltung stimmen, deren Kosten - und damit die Belastung jedes Steuerzahlers in Deutschland und eben nicht nur der Münchner, Ruhpoldinger, Berchtesgadener und Garmischer - in den Sternen steht?

          Fest steht nur: Das IOC wird auch von München und seinem Organisationskomitee eine Defizitgarantie in unbegrenzter Höhe verlangen, damit die Herren der Ringe, die ihre Rücklagen seit 2001 auf mehr als 550 Millionen Dollar (410 Millionen Euro) verfünffacht haben und einen Vier-Jahres-Umsatz von über fünf Milliarden Euro machen, ja kein finanzielles Risiko tragen. Aus Funktionärssicht eine sehr clevere Klausel, aus Sicht des in Sippenhaft genommenen Steuerzahlers eine unerträgliche.

          Die Jugend der Berge warnt die Jugend der Welt

          Die gescheiterte Bewerbung für die Spiele 2018, die nach Südkorea vergeben wurden, und die jetzt als Argument für einen zweiten Anlauf verwendet wird, hat 33 Millionen Euro gekostet. Die neue Bewerbung soll etwas günstiger daherkommen, so dass man von Bewerbungskosten in Höhe von rund 60 Millionen Euro ausgehen darf, die zu einem großen Teil von städtischen, staatlichen und halbstaatlichen Unternehmen getragen wurden und werden.

          60 Millionen Euro - es gibt Sportlehrer und Trainer in Deutschland, die das Geld lieber in Turnhallen, Schul- und Vereinssport investiert gesehen hätten, um ihren Schülern wenigstens die Grundlagen sportlicher Bewegung beibringen zu können, statt hochspezialisierte Bobfahrer und Biathleten in ferner Zukunft für zwei Wochen nach Deutschland zu locken.

          Und spricht es nicht für sich, dass die Jugend des Deutschen Alpenvereins am vergangenen Wochenende eine abermalige Olympia-Bewerbung abgelehnt hat? „Im Sinne der Generationengerechtigkeit lehnt die Jugend des Deutschen Alpenvereins die massive Verschuldung durch die notwendigen Investitionen bei einer erfolgreichen Bewerbung ab“, heißt es im Beschluss der Delegierten, die 250.000 junge Mitglieder im Deutschen Alpenverein vertreten. Die Jugend der Berge warnt die Jugend der Welt vor den Spielen in ihrer Heimat - auch deshalb sagt der Verstand nein zu München 2022.

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