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Chicago 2016 Was kosten Olympische Spiele wirklich?

11.03.2009 ·  Eine aufklärerische Website ärgert die Bewerber von Chicago für die Olympischen Spiele 2016 mit unangenehmen Fragen. Vor allem die Kosten werden kontrovers diskutiert. Und auch die Frage nach Barack Obamas Einfluss stellt sich.

Von Niklas Schenck, Chicago
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Wenn Steve Frayne auf einer Leinwand im Herzen Chicagos den Slogan der Bewerbungskampagne für die Olympischen Spiele 2016 sieht, wächst seine Wut. „Ein Jahr, um der Welt zu zeigen, warum wir die Spiele verdient haben“ steht dort. „Man sollte erst mal eine offene Diskussion zulassen, ob wir die Spiele überhaupt wollen“, fordert Frayne. Nach dem Studium in Stanford und zwei Jahren als Ingenieur im Silicon Valley zog der 30 Jahre alte Texaner nach Chicago, um näher am Puls der Bewerbung zu sein, die er für aussichtsreich, aber „viel zu wenig transparent“ hält. Seitdem versucht er, dem Bewerbungskomitee das Leben schwerzumachen. Den größten Schwung gibt Frayne seine aufklärerische Website – ein Dorn im Auge der Ofiziellen.

Frayne hat sich die Internetdomäne www.chicago2016.com gesichert, in der Folge verklagten ihn die Bewerber bei der Weltorganisation für geistiges Eigentum (WIPO). „Ich bin nicht gegen die Spiele, aber jeder soll die genauen Kosten kennen“, sagt er. Vor allem Sommerspiele haben zuletzt ihre Budgets immer wieder dramatisch übertroffen und teure Erblasten hinterlassen.

„Meine Kollegen haben mehr als 500 Treffen besucht“

Patrick Sandusky wird wütend, wenn er auch nur Fraynes Namen hört. „Es kann nicht sein, dass auf unserer logischsten Web-Adresse Dinge stehen, die wir nicht gutheißen“, sagt der Sprecher des Bewerbungskomitees Chicago 2016. „Meine Kollegen haben mehr als 500 Treffen in allen 50 Stadtbezirken besucht, um die Bedenken zu erfahren und Einfluss auf die öffentliche Meinung zu nehmen“, so Sandusky. Doch Fraynes Website stört weiter.

Auf seiner umstrittenen Internetseite hat Steve Frayne ökonomische Analysen von renommierten Wissenschaftlern und alle verfügbaren Medienberichte zusammengestellt. Alle Bedenkenträger können Essays bei ihm einreichen, die er sorgfältig auf ihre Ausgewogenheit überprüft. Ein Dutzend Sportökonomen um Allen Sanderson von der Universität Chicago legt etwa auf einer Top-Ten-Liste dar, wie ein demokratischer Bewerbungsprozess aussehen müsste – ganz unabhängig in welcher Bewerberstadt.

„Das ist ein Rückfall in Verschleierung früherer Olympiastädte“

„Bei Olympiabewerbungen wedelt meist der Schwanz mit dem Hund“, erklärt Sanderson. „Wir schauen nicht, was die Stadt braucht, etwa bezahlbaren Mietraum, und ob wir das für Olympia nutzen können – sondern was Olympia braucht und ob wir so tun können, als ob die Stadt es ohnehin benötigt.“ Er wirft den Organisatoren vor, sie hätten ihre ökonomische Wirkungsstudie nicht an einer erstklassigen Universität erstellen lassen und hält die Ergebnisse des kalifornischen Instituts für übertrieben optimistisch.

„Das ist ein Rückfall in Verschleierung nach dem Vorbild früherer Olympiastädte.“ Die Bewerber rechnen mit einem operativen Gewinn in Höhe von 2,5 Milliarden Dollar bei Kosten in Höhe von 3,3 Milliarden – Sanderson sagt 20 Milliarden voraus. Dass Chicago seine Spiele komplett privat finanzieren will, hält er für unrealistisch und irreführend zugleich. „Jede private Million, die Sponsoren in die Spiele stecken, fehlt in Museen, Schulen und Sportvereinen“, sagt er, und fügt sarkastisch hinzu: „So etwas nennt man Opportunitätskosten.“

Chicagos Konkurrenten sind Tokio, Madrid und Rio de Janeiro

Aus seinem Büro im zwanzigsten Stock des Aon-Centers blickt Patrick Sandusky auf den Millennium Park, wo etliche der olympischen Sportstätten geplant sind. „Bei Barack Obamas Wahlparty haben hier 250.000 Menschen aller Kulturen gezeigt, wie phantastisch Olympia werden könnte.“ Welchen Effekt Obamas Unterstützung auf die Entscheidung bei der Session des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) im Oktober haben wird, scheint offen.

Die Konkurrenten sind Tokio, Madrid und Rio de Janeiro. Sandusky spielt Obamas Einfluss herunter genauso wie die Bedeutung der Tatsache, dass die Fernsehverträge erstmals erst nach Vergabe der Spiele ausgehandelt werden. „Wir glauben nicht, dass das die Entscheidung des IOC beeinflusst“, sagt er. Dabei gilt als sicher, dass die amerikanischen Sender für Spiele im Herzen der Vereinigten Staaten einige hundert Millionen Dollar mehr bezahlen würden.

„Vielleicht gäbe es dann endlich eine Art Aufsicht für das IOC“

Am 12. Februar reichte Chicago beim IOC das mehr als 500 Seiten starke „Bid Book“ ein, an dem sich eine IOC-Gesandtschaft beim Besuch der Stadt im April orientieren soll. Die vergleichsweise harmlose Kostenschätzung begründet Sandusky damit, dass Chicago im Gegensatz zu Vancouver oder London bereits über Weltklasse-Sportstätten verfüge und lediglich fünf Neubauten erforderlich würden. „Auch an Flughäfen, Straßen und Metro müssten wir nichts ändern“, behauptet er. Zudem übernimmt Washington die Sicherheitskosten, knapp eine Milliarde Dollar. Wie endgültig die Angaben im „Bid Book“ sind, will Sandusky nicht weiter kommentieren.

Für Steve Frayne waren olympische Spiele immer etwas Magisches. Mit seiner Internetseite und einem Sieg vor Gericht will er einen Präzedenzfall schaffen. „Dann könnte es künftig eine Art externer ,Verträglichkeitsprüfung' für Olympiastädte geben. Vielleicht würden wir dann aufhören, immer gigantischere Spiele zu wollen“, sagt er. „Und vielleicht gäbe es dann endlich eine Art Aufsicht für das IOC.“

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