09.08.2004 · Der Internationale Sportgerichtshof hat seine Athener Ad-Hoc-Kammer eröffnet. Bis zum Ende der Spiele werden Urteile zu Streitigkeiten zwischen Sportlern und Verbänden notfalls in Tag- und Nachtschicht gesprochen.
Von Hans-Joachim Waldbröl, AthenUnd wenn ich bis zum Bundesgerichtshof gehen muß! Diese typisch deutsche Drohung, in eigener Sache die allerletzten juristischen Möglichkeiten auszuschöpfen, hört sich aus dem Munde international agierender Athleten inzwischen anders an: Dann ziehe ich eben vor den CAS!
Den Internationalen Sportgerichtshof also, die höchste, von staatlichen Gerichten anerkannte Schiedsinstanz für Streitigkeiten zwischen Sportlern, Klubs, Verbänden, Veranstaltern, Sponsoren oder Fernsehanstalten. Diesen finalen Rechtsweg hat schon der deutsche Dauerläufer Dieter Baumann vor vier Jahren in Sydney eingeschlagen - und ist in einer Sackgasse gelandet.
Von heute auf morgen Urteile fällen
Jetzt haben die soeben von der Nationalen Anti-Doping-Agentur der Vereinigten Staaten wegen Dopings mit einem Aufputschmittel gesperrte Sprinterin Torri Edwards und der gerade von seinen Diensten im Internationalen Olympischen Komitee (IOC) suspendierte bulgarische Sportfunktionär Iwan Slawkow angekündigt, gegen die Sanktionen bis zum Letzten zu gehen.
Nur zu, der Weg steht allen am weitweiten Sportbetrieb Beteiligten offen, und er ist im Augenblick nicht allzu weit. Der CAS sitzt zwar eigentlich in einem aparten Häuschen namens "Villa de Centennaire" neben dem Olympischen Museum in Lausanne. Aber er hat schon am 3. August in Athen eine Filiale aufgemacht, die während der Olympischen Spiele notfalls in Tag- und Nachtschicht arbeitet, von heute auf morgen Urteile fällt und am 29. August wieder schließt. Erst wenn das olympische Feuer ausgeht, erlischt die Zuständigkeit der Athener Ad-Hoc-Kammer.
"Nur 24 Stunden“
Der CAS beschäftigt in Lausanne zwar nur acht Angestellte, kann allerdings auf die Urteilskraft von 265 Richtern aus rund 80 Ländern zurückgreifen: Anwälte, Richter, Juraprofessoren, die sportrechtliches Wissen besitzen müssen. Zwölf von ihnen leisten in Athen Olympia-Bereitschaftsdienst. Der dreizehnte, Raghunandan Pathak aus Indien, stellt als Präsident der Ad-hoc-Kammer das jeweils dreiköpfige Panel für eine Verhandlung zusammen.
"Wir werden versuchen, so schnell wie möglich zu arbeiten", kündigt der Schweizer Jurist und CAS-Generalsekretär Matthieu Reeb an. Das Versprechen, die vorgetragenen Fälle zügig durchzuziehen, gilt zwar grundsätzlich. Doch für normale Verfahren, die ohne aktuellen Entscheidungsdruck in Lausanne verhandelt werden, gelten Arbeitszeiten zwischen drei und sechs Monaten. "In Athen muß das bei Angelegenheiten, die in unmittelbarem Zusammenhang mit den Spielen stehen, natürlich rascher gehen", weiß Reeb. "Nur 24 Stunden - falls die Parteien mitspielen."
Spektakuläre Fälle: Baumann und Raducanu
So war es auch in Sydney 2000, wo der durch den damaligen Rechtsausschuß des Deutschen Leichtathletik-Verbandes vom Dopingvorwurf zunächst freigesprochene, dann vom früheren Arbitration Panel des Internationalen Leichtathletik-Verbandes (IAAF) nach den geltenden Regeln noch auf den letzten Drücker für zwei Jahre gesperrte Baumann kurz vor seinem angestrebten Olympiastart über 5000 Meter den CAS anrief. Er wurde auch von den drei CAS-Richtern gesperrt, die in Sydney 15 Dringlichkeitsfälle verhandelten, neun mehr als noch vier Jahre zuvor in Atlanta. Dabei war die Sache "Baumann gegen IAAF" nur aus deutscher Sicht der spektakulärste.
International erregte die junge Rumänin Andrea Raducanu das größte Aufsehen, weil die Turnerin gegen eine Erkältung, angeblich ohne jede Absicht und nur auf Anraten des Arztes, ein verbotenes ephedrinhaltiges Mittel eingenommen hatte. Ihr wurde nach dem CAS-Spruch die Medaille im Vierkampf aberkannt.
Dopingfälle machen „nur“ 40 Prozent aus
Baumann und Raducanu, diese Namen markieren so etwas wie eine Trendwende in der Rechtssprechung des CAS, der seit seiner Gründung rund 700 Verfahren durchgezogen hat; inzwischen sind es laut Reeb 100 bis 150 pro Jahr. Dabei machen Dopingfälle, die das größte öffentliche Interesse finden, "nur" 40 Prozent der Klagebegehren aus. Weitere 40 Prozent beziehen sich auf Vertragsstreitigkeiten, meist aus dem Fußball; die restlichen 20 Prozent drehen sich um Nominierungsdispute zwischen nicht berücksichtigten Athleten und ihren Nationalen Olympischen Komitees oder den internationalen Sportverbänden.
Bis 2000, bis Baumann und Raducanu kamen und abgewiesen wurden, genoß der CAS einen überaus gnädigen Ruf. Der Eindruck, daß inzwischen die Anti-Doping-Regeln vom CAS konsequenter angewandt werden, ist nach Ansicht des deutschen Rechtsanwaltes Thomas Bach eine leichte optische Täuschung. "Die Rechtssprechung hat sich eingependelt, ist international harmonischer geworden, weil der Code der Welt-Anti-Doping-Agentur eine vergleichbare Grundlage liefert. Darauf stellen sich die Sportverbände in ihren Regeln schon besser ein", sagt der IOC-Vizepräsident, der auch Präsident der Berufungskammer des CAS ist. "Bei Fällen, in die Deutsche oder das IOC verwickelt sind, werde ich nicht aktiv", stellt Bach klar.
Unabhängigkeit vom IOC brachte Akzeptanz
Erst die Unabhängigkeit von seinem Gründer IOC hat dem CAS 1994 durch die Gründung einer Art Aufsichtsrat, genannt ICAS, das internationale Ansehen und die Akzeptanz durch staatliche Gerichte eingebracht. Übrigens ausgelöst durch einen deutschen Fall: Der Springreiter Elmar Gundel war 1993 wegen eines gedopten Pferdes von der Internationalen Reiterlichen Vereinigung bestraft worden; er zog zum CAS, wurde für einen Monat gesperrt und rief, weil sein Anwalt die Überparteilichkeit des Gerichts durch die nahe Verbindung zum IOC gefährdet sah, zum Swiss Federal Tribunal in Bern.
Das Schweizer Bundesgericht bestätigte zwar das Urteil, trug dem CAS aber die Schaffung des ICAS auf - womit er völlig unabhängig wurde. Wer daran zweifelt, der kann jederzeit zum zuständigen Schweizer Bundesgericht gehen. Er muß den CAS-Richtern allerdings elementare Verfahrensfehler oder die Verletzung von Grundrechten nachweisen, um in Bern ein offenes Ohr zu finden.