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Doping-Kommentar : Betrug und Selbstbetrug

Olympia und die russische Fahne passen vorerst nicht zusammen Bild: AFP

Doping-Bekämpfung? Wer soll daran überhaupt ein Interesse haben? Der Stolz der reichen Olympier auf ihre phantastische Idee ist nicht groß genug, um sie am Leben zu erhalten.

          Das Internationale Olympische Komitee (IOC) wird von der Sportwelt fast einhellig gefeiert für seine Entscheidung, Russlands Sportler ohne eigene Fahne und Hymne bei den Winterspielen 2018 in Südkorea antreten zu lassen. Von einer „Wende“ im Kampf gegen Doping ist sogar die Rede: Die Drahtzieher des perfiden russischen Staatsdopings, unter ihnen der stellvertretende russische Ministerpräsident Witalij Mutko, dürfen den olympischen Hain niemals mehr betreten, den angeblich sauberen Athleten aus Putins Reich widerfährt Gerechtigkeit. Prompt sprach IOC-Präsident Thomas Bach von einem Schlussstrich. Der Sport soll wieder im Vordergrund stehen, nicht der Betrug.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Der Jurist Bach wählt kaum ein Wort zufällig. Umso erstaunlicher fällt sein Urteil über die Wirkung des russischen Doping-Systems während der Winterspiele in Sotschi 2014 aus, wo er mit Putin auf das Fest der Jugend der Welt angestoßen hatte: „Es handelt sich um einen nie dagewesenen Angriff auf die Integrität der Olympischen Spiele und des Sports.“

          Nie dagewesen? Es gibt kaum Enthüllungsgeschichten über Staatsdoping. Aber Bach muss Bescheid wissen. Als er 1976 mit der Fechtmannschaft Olympiasieger wurde, war der Staatsplan 14.25 der DDR zwei Jahre alt. Er wurde wenigstens bis 1989 brutal durchgesetzt. Stasi-Akten, Geständnisse und Richtersprüche legen Zeugnis ab von der skrupellosen Vergiftung Tausender Sportler. Schwerkranken, dahinsiechenden ehemaligen Athleten verweigert die Bundesrepublik zwar eine Rente, aber sie bestätigt in vielen Fällen einen Wirkungszusammenhang zwischen Doping und Leiden wie Krebs.

          Russische Athleten bleiben Russen

          Folgt man der Logik Bachs, dann hat Russland in nur vier Jahren das DDR-Zwangs- und Kinderdoping über wenigstens neun Olympische Spiele in den Schatten gestellt. Vor diesem Hintergrund ist die Strafe lächerlich. De facto wird ein Team „sauberer“ Sportler unter dem Namen „Olympische Athleten aus Russland“ antreten. Die Russen behaupten zwar weiterhin, das Ausland habe sich gegen sie verschworen. Aber sie haben auch erkennen lassen, wie wichtig es ihnen ist, den Namen behalten zu dürfen. Kuweitische Athleten mussten 2016 in Rio aus wesentlich geringeren Gründen den Status „neutraler“ Sportler akzeptieren.

          An diesem Detail lässt sich das Spiel des IOC ablesen. Es hat nicht bestraft, sondern mit den Russen gedealt, um deren angedrohten Boykott zu verhindern. Der Handel führt allen Staatschefs mit Doping-Gelüsten vor Augen, wie klein der Preis ist im Falle einer Entlarvung.

          Bei der Bestrafung Russlands ging es nur vordergründig um den Schutz des Sports. Andernfalls hätte das IOC niemals behaupten dürfen, in Südkorea würden nur saubere russische Athleten starten. Diese Aussage grenzt an Volksverdummung. Denn das Kontrollsystem ist (weltweit) so ineffektiv, dass die Quote positiver Proben geringer ausfällt als die Zahl derer, die laut Statistik falsch positiv sein müssten.

          Es würde viel Geld kosten und Jahre dauern, ehe das Anti-Doping-System nur halb so wirkungsvoll sein könnte, wie es heute der Öffentlichkeit suggeriert wird. Aber daran kann der Sportmarkt kein Interesse haben. Denn alle Beteiligten profitieren von Doping: Athleten, Trainer, Ärzte, Sportorganisationen, Zuschauer, Sponsoren, Medien, Politiker, Staaten. Die ständige Unterfinanzierung von Anti-Doping-Agenturen spricht Bände. Der Stolz der reichen Olympier auf ihre phantastische Idee ist nicht groß genug, um sie am Leben zu erhalten. Dem Betrug folgt der Selbstbetrug.

          Quelle: F.A.Z.

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