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Sportförderung in Bruchsal : Vier fürs Vaterland

Leicht kann jeder: Frank Heinzelbecker, Max Lang, Pascal Eisele, Almir Velagic, Denis Kudla und Michael Carl (von links) auf der klassischen Hindernisbahn. Bild: Helmut Fricke

Das Training ist hart, die Ausbeute karg, alle sind verrückt nach Sport, und die Bundeswehr macht’s möglich. Wer hat da Zeit und Kraft, an die Zukunft zu denken? Ein Besuch bei der Fördergruppe in Bruchsal.

          Zwei innere Schweinehunde – das ist einer zu viel. Besonders, wenn man Gewichtheber ist oder Ringer, zweimal täglich Stunde um Stunde in Trainingshallen rackert, sich immer wieder von Neuem überwindet, vor dem Schmerz nicht einknickt und das restliche Leben ausblendet. Wie soll man da auch noch an die ferne Zukunft denken?

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          In diesen Sportarten müssen Athleten hart trainieren für wenig Lohn. Wer nicht sein Leben danach ausrichtet, der erreicht die Spitze nicht. Doch wer Erfolg hat, der hat’s nicht geschafft. Reich wird davon keiner, zumindest nicht hierzulande. Wären sie nicht Teil des olympischen Programms, würde sich kaum jemand für sie interessieren. So aber werden Talente gesucht und gefördert, die ringen und stemmen für das Vaterland. Es sind junge Leute, die am liebsten nichts anderes machen würden als Sport. Ihr Talent entwickeln und sich den Erfolg reinziehen. Gleichzeitig müssen sie sich aber auf das Leben nach dem Sport vorbereiten.

          Superschwergewichtler Almir Velagic: „Ich bin ein Spätzünder.“

          Die meisten schauen ein bisschen betreten, wenn sie an dieses Thema erinnert werden. Es ist wie so oft im Leben: „Man sucht den perfekten Zeitpunkt, aber den gibt es nicht“, sagt Pascal Eisele. Wenige Tag vor diesem Treffen wurde der Ringer überlegen Europameister. Das Adrenalin sprudelt noch durch seine Adern. Jetzt an die Schulbank denken, da Rio winkt?

          30 Millionen Euro im Jahr für die Sportförderung

          Am Tisch in der General-Dr.-Speidel-Kaserne in Bruchsal sitzen: Stabsunteroffizier Pascal Eisele und Obergefreiter Denis Kudla, beide Ringer, Hauptfeldwebel Almir Velagic und Stabsunteroffizier Max Lang, beide Gewichtheber, Oberfeldwebel Michael Carl, Bundestrainer der Ringer im griechisch-römischen Stil, und Oberstabsfeldwebel Frank Heinzelbecker, Leiter der Sportfördergruppe Bruchsal. Es gibt Kaffee. Die Runde trägt Sportsonderbekleidung - das sind repräsentative Trainingsanzüge mit Bundesadler auf der Brust. Ihrer aller Auftrag ist es, die Bundesrepublik bei internationalen Wettkämpfen zu repräsentieren. So wie Hunderte anderer Leistungssportler im Dienst der Bundeswehr. In Bruchsal trainieren 60, neben Ringen und Gewichtheben im Boxen, Schießen, Kanu und Eiskunstlauf. Insgesamt gibt es in Deutschland 744 Sportler in 15 Fördergruppen. 30 Millionen Euro im Jahr gibt die Bundeswehr dafür aus. Wie die Polizei und der Zoll soll die Armee den deutschen Sportlern Chancengleichheit bieten im Vergleich mit internationalen Profis.

          Stillgestanden: Michael Carl (Mitte) wird zum Oberfeldwebel erklärt.

          Die vier „Soldaten auf Zeit“ am Tisch gehören zum Besten, was ihre Sportarten in Deutschland zu bieten haben. Der 23 Jahre alte Eisele holte gerade in Riga seinen ersten internationalen Titel, sein 21 Jahre alter Kollege Kudla kam mit Bronze von den Europameisterschaften zurück. Der 23 Jahre alte Max Lang ist das größte Talent im deutschen Gewichtheben, der 34-jährige Almir Velagic nach dem Abschied von Matthias Steiner der stärkste Stemmer. Alle vier könnten bei den Olympischen Spielen im August in Rio de Janeiro am Start sein - noch sind die Qualifikationsprozesse nicht abgeschlossen. „Wir sind sportverrückt“, sagt Eisele. „Wir wollen aus unserem Sport das Optimale herausholen. Man gibt seine komplette Energie dafür und bündelt seine Kräfte.“

          Der Älteste ist der Nachdenklichste: Velagic, der im August 35 wird, hat einst eine Lehre als Kraftfahrzeug-Mechaniker absolviert, seit 15 Jahren ist er Sportsoldat. Er ist verheiratet und hat ein zweijähriges Zwillingspärchen zu Hause. Und bald, das weiß er, ist Schluss für ihn mit dem Sport. Velagic peilt seine dritten Olympischen Spiele an, zweimal war er in Matthias Steiners Schatten Achter, und nun hat er im November bei der WM in Houston seine persönliche Bestleistung noch einmal gesteigert. Der Superschwergewichtler belegte im Zweikampf mit 433 Kilo Platz sechs, war aber nur fünf Kilo von der Silbermedaille entfernt. „Ich bin ein Spätzünder“, sagt Velagic. Seine langen Trainingsjahre mit relativ wenig Verletzungszeiten zahlen sich jetzt aus. Dazu baut er darauf, dass die Gewichtheber-Leistungen bei Olympia traditionell schrumpfen, wegen der strengeren Doping-Kontrollen. Gerade die in letzter Zeit stärker ins Visier genommenen Osteuropäer sind seine schärfsten Konkurrenten. „Jetzt bin ich dran“, sagt Velagic. „Wenn es super läuft, kann ich um eine Medaille kämpfen.“

          Max Lang: Das größte Talent im deutschen Gewichtheben

          Mit neunzehn Jahren ist Velagic, geboren im heutigen Bosnien-Hercegovina, in die Sportkompanie eingetreten. „Ich habe das Gewichtheben als meine Aufgabe gesehen. Ich habe mir immer alles hart erarbeiten und hart trainieren müssen“, sagt er. „Dann hatte ich die Chance, bei Olympia zu starten. Dafür habe ich gelebt, davon wollte ich mich durch nichts ablenken lassen. Es hat nie richtig gepasst. So sind 15 Jahre vergangen, und ich habe nichts gemacht.“ Die physische Belastung sei so hoch, dass kaum Zeit und Kraft für andere Ziele bleibe. In anderen Sportarten sei das besser - mit einem kleinen Grinsen führt er als Beispiel Schießen an. Vielleicht, meint er, wäre es besser gewesen, man hätte ihn gezwungen, an seine berufliche Laufbahn zu denken. „Dafür wäre ich jetzt dankbar.“

          „Es fällt keiner in ein soziales Loch“

          Eigentlich ist dafür gesorgt, dass sich die Sportler mit ihrem Karriereweg auseinandersetzen. Auch das gehört zum Auftrag der Bundeswehr. Sie können neben dem Training zum Beispiel den nächsthöheren Schulabschluss nachholen oder ein Fernstudium absolvieren. Jedes Mal, wenn ein junger Bewerber sich bei Heinzelbecker einfindet, erstellt er einen Lebensstrahl für ihn. Dort werden die Zeiten für Kindheit, Ausbildung und Sport ausgewiesen, daran schließt sich ein langer Abschnitt für die Berufszeit an. 45 Jahre. Wenn die Sprache auf dieses Thema kommt, werden die Gesichter meistens lang. Was kommt danach? „Es fällt keiner in ein soziales Loch“, sagt Trainer Carl, „alle haben eine berufliche Perspektive.“

          Fünf Jahre Berufs-Förderungsdienst, während derer er sich neu orientieren soll, hat sich Dauerleister Velagic erworben, dann ist Schluss für ihn beim Bund. Nur ein oder zwei Sportler werden im Jahr als Berufssoldaten übernommen. Ihnen fehlt die Spezialisierung. Außerdem fühlen sich die meisten gar nicht wie Vollblutsoldaten. Max Lang brauchte zum Beispiel eine ganze Weile, bis er nicht mehr grinsen musste, wenn er Meldung machte. Auch die üblichen Sprüche fand er vor allem witzig. Als er sich zum Beispiel an eine Wand lehnte, wurde er angeschrien: „Die Wand steht von alleine!“ Oder wenn einer die Hände in den Taschen lässt: „Sie wollen Ihre Hände wohl an die Dunkelheit gewöhnen.“

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          Sie alle haben den Film „Full Metal Jacket“ von Stanley Kubrick gesehen, der zeigt, wie amerikanische Marines gedemütigt und gebrochen werden. Aber der Ton, in dem sie darüber reden, klingt amüsiert. Trainiert wird ohnehin nicht in der Kaserne, sondern in den Olympiastützpunkten. Ringen in Schifferstadt, Gewichtheben in Leimen. Vor allem auf ihren Lehrgängen, die zum Pflichtprogramm gehören, erleben sie das Militärische an ihrem Job. Seine Grundausbildung, erzählt Velagic, habe er einst mit lauter Männern absolviert, die sich als Berufssoldaten verpflichtet hätten. „Total übermotiviert.“ Das sei hart gewesen. „Aber ich will es nicht missen.“ Inzwischen wird die Grundausbildung in Sportler-Gruppen abgeleistet.

          „Ein junger Mann muss lernen, sich einzuordnen“

          Heinzelbecker ist der Meinung, dass ein bisschen mehr Disziplin den jungen Leuten guttut. „Schrank einräumen, Bett machen gehören auch mit zur Ausbildung. Ein junger Mann muss lernen, sich einzuordnen. Auch mal den Hof fegen.“ So manche - allerdings wohl säumige - Mama sei dafür schon dankbar gewesen. „Disziplin“, sagt Carl „gehört auch zum Leistungssport.“ Sportliche Höchstleistung allerdings geht höchstens in China mit Drill. Die beiden Ringer jedenfalls brauchen individuelle Voraussetzungen. Kudla, sagt Trainer Carl, sei immer sehr ruhig. Es dürften ihn vor einem Wettkampf nicht zu viele Leute ansprechen, dann reagiere er genervt. Eisele braucht gute Laune. Wenn er mit einem Lächeln in den Kampf gehe, sei alles gut. „Ich will Spaß haben“, sagt Soldat Eisele. Anders könne er seine Leistung nicht abrufen.

          Kudla ist in Ratibor geboren und kam mit drei Jahren nach Deutschland. Bei BASF hat er eine Lehre zum Chemikanten gemacht, einem Beruf in der Produktion der Pharma-Industrie. „Ich musste Schichtarbeit machen“, sagt der 21 Jahre alte Ringer. So konnte ich abends nicht zum Training. Ich habe keinen Rhythmus gefunden, auch keinen Schlafrhythmus. Jetzt kann ich morgens und abends trainieren, bekomme Geld und eine super Unterstützung. Was Besseres konnte mir nicht passieren.“ Sein Training ist abgesichert, der Verdienst überschaubar: Ein Einsteiger erhält etwa 1000 Euro Sold im Monat. Je nach Dienstgrad und Familienstand steigt der Verdienst. Dazu kommt ein Zubrot vom Verein. Kudlas Ziel ist eine Medaille bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokio. Danach will er sich eine Zweitausbildung aufbauen.

          Gewichtheber Lang hat eine Lehre als Fachangestellter bei der Stadt Chemnitz hinter sich. Zum Beispiel stellte er Strafzettel aus und ließ Autos abschleppen. Den Gedanken, nach Abschluss der Ausbildung zur Bundeswehr zu gehen und nur noch Gewichte zu heben, hatte er die ganze Zeit schon im Kopf. „Ich wollte für den Sport leben“, sagt er. „Für mich ist das keine Arbeit.“

          Keinem fällt die Rückkehr in die normale Welt leicht

          Eisele, der aus Fürth im Odenwald kommt, hatte bereits einen Ausbildungsvertrag als Mechatroniker in der Tasche und entschloss sich dann doch noch, sein Leben dem Ringen unterzuordnen. Seine Eltern, ein Bäckermeister und eine Altenpflegerin, machten sich Sorgen. „Ich hatte mir vorgenommen, mich weiterzubilden. Aber die sechs Jahre sind schnell rumgegangen.“ Alles hat sich richtig angefühlt: „Ich bereue nichts.“ Eisele hat mit einer besonderen Schwierigkeit zu kämpfen: Um 75 Kilogramm Körpergewicht zu erreichen - das Limit seiner Gewichtsklasse bei Olympia -, muss er jedes Mal neun Kilo abtrainieren. Das kostet seine ganze Kraft und Konzentration. Er muss dann nicht nur Diät halten. Wenn alles Fett verbrannt ist, regelt er den Rest über den Wasserhaushalt. Hungern und Dürsten gehören also zum Dienst.

          Eisele denkt darüber nach, sich bei der Polizei zu bewerben. Auch Bundes- und Landespolizei unterhalten Sport-Fördergruppen, mit dem Unterschied, dass man dort nach Karriereende mit einer Übernahme rechnen kann. Allerdings wird dort erheblicher Wert auf die Ausbildung mit dem Ziel Polizist gelegt. „So wäre alles im Lot“, sagt Eisele. Velagic hat einen ähnlichen Plan. Nach Rio will der 148-Kilo-Koloss erst einmal abnehmen und wieder beweglicher werden. Dann will er versuchen, bei der Polizei Baden-Württemberg unterzukommen. Für keinen von ihnen wird es einfach werden, vom scheinbar egozentrischen Prinzip des Leistungssports mit seinen überwältigenden Adrenalinschüben in die normale Welt zu wechseln. Aber leicht kann jeder.

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