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Kommentar : Fatale Abhängigkeiten

Eine Fechtmaske in den deutschen Landesfarben Bild: Picture-Alliance

Sexueller Missbrauch im Spitzensport ist leider allgegenwärtig. Denn Hochleistungssport hat viel mit körperlicher Ausbeutung zu tun. Aber dafür muss es scharfe Grenzen geben, – nicht nur in Bezug auf Doping.

          Jetzt also Tauberbischofsheim. Junge Fechterinnen geben an, am Olympiastützpunkt im lieblichen Taubertal habe sich ein Trainer, der seit 25 Jahren tätig ist, massive sexuelle Übergriffe erlaubt. Jahrelang soll er Spitzensportlerinnen begrapscht, angestarrt und belästigt haben, ohne dafür zur Verantwortung gezogen zu werden. Jetzt hat der Landessportverband Baden-Württemberg dem Mann gekündigt, dieser streitet alles ab, der Arbeitsgerichtsprozess ist noch nicht beendet. Der „Spiegel“ berichtete zuerst darüber und befand, es handele sich um einen „einzigartigen“ Fall im deutschen Leistungssport.

          Da bleibt nur ein Seufzen: Wenn die Zeitschrift damit doch nur recht hätte! Das Thema ist unangenehm, viele Mitwisser verschließen die Augen davor. Aber alle paar Jahre werden Fälle bekannt und die Dunkelziffer ist groß. Trainer und Funktionäre haben Macht über junge Menschen – solche Jobs sind nicht nur bei verantwortungsbewussten Pädagogen beliebt, sondern auch bei Subjekten, die sich gezielt an Jungen und Mädchen heranmachen, um sie zu bedrängen.

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          Die Konstellation im Leistungssport ist heikel: Die körperliche Nähe. Die Reisen. Das Anvertrauen. Der Druck. In den Vereinigten Staaten wurde jüngst der Fall eines Arztes bekannt, der zehnjährige Spitzenturnerinnen in seiner Praxis missbrauchte. Auch Jungen werden immer wieder Opfer von pädophilen Trainern und Betreuern.

          Zyniker halten sexuellen Missbrauch gar für ein Mittel zur zusätzlichen Motivation: Junge Mädchen sind in der Gefahr, in psychische Abhängigkeit von ihrem Trainer zu geraten. Es werden gezielt Eifersuchts-Situationen konstruiert, um die Mädchen zu noch größeren Anstrengungen anzutreiben. Wenn sie noch sehr jung sind – und wer Erfolg haben will, muss früh mit dem Drill beginnen –, halten sie das Interesse an ihrem Leistungs-Potential für ihre erste Liebe und zerreißen sich für den Mann, der ihnen den Weg zum Erfolg weisen kann.

          Der Deutsche Olympische Sportbund und die Deutsche Sportjugend sind nicht untätig geblieben, seit das Thema – Stichwort katholische Kirche und Odenwald-Schule – stärker ins öffentliche Bewusstsein getreten ist. Aber der Tauberbischofsheimer Fall zeigt, dass die Angebote nicht ausreichen. Offenbar wurden die Mädchen jahrelang nicht gehört. Ja, sogar eingeschüchtert und zurückgeschickt in die Abhängigkeit von ihrem Belästiger.

          Es muss aber eine Struktur geben, die funktioniert. Die Verantwortlichen müssen mehr Problembewusstsein entwickeln, es muss eine stärkere Kontrolle geben, und Betroffene brauchen eine Stelle, an die sie sich wenden und der sie vertrauen können – möglicherweise angeschlossen an die Athletenkommission. Es stimmt ja, dass der Hochleistungssport viel mit körperlicher Ausbeutung – und Selbstausbeutung – zu tun hat. Aber dafür muss es scharfe Grenzen geben, nicht nur in Bezug auf Doping.

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