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Russen starten in London : Die Politik der zwei Geschwindigkeiten

Im Londoner Kreisverkehr: Hammerwerfer Sergej Litwinow ist einer von 19 Russen, die bei der WM als neutrale Athleten starten dürfen. Bild: AP

Die IAAF hält die Suspendierung des russischen Verbandes aufrecht, während das IOC sich vor der Entscheidung, Russland zu sanktionieren, gedrückt hat. 19 Russen starten bei der WM.

          Im Radsport gab es in den achtziger Jahren das Wort von der Tour der zwei Geschwindigkeiten. Damit war gemeint, dass die einen durch Epo-Doping schneller waren als die anderen. Nun zeigt sich, dass es auch in der Sportpolitik zwei Geschwindigkeiten gibt. Auch dies hat mit Doping zu tun: mit der Frage, wie die großen Sportorganisationen mit der systematischen und vom russischen Staat forcierten Manipulation umgehen. „Wir sehen Fortschritte“, sagte Sebastian Coe, der Präsident des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF, am Montag in London. „Bei den einen Gelegenheiten ist der Fortschritt schneller als bei anderen.“ Coe und die Leichtathleten haben auf den Skandal mit dem Ausschluss des russischen Verbandes von internationalen Wettkämpfen reagiert, einschließlich der Olympischen Spiele von Rio 2016.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Obwohl das Council der IAAF, ihr höchster Rat, diesen Ausschluss am Montag einstimmig bestätigte, werden bei der Weltmeisterschaft, die am Freitag im Olympiastadion von London 2012 beginnt, 19 Sportlerinnen und Sportler aus Russland am Start sein. Sie sind zugelassen als sogenannte neutrale Athleten; sie werden kein Nationaltrikot tragen und Erfolge nicht mit Nationalhymne und Nationalflagge gefeiert werden. Ihre Teilnahme ist ein Schritt hin zur Rückkehr der russischen Leichtathleten.

          „Für das IOC zählt, ob und wann die Spiele in Paris und in Los Angeles stattfinden werden“, sagte Coe. „Uns geht es darum, dass unser Sport dort sauber vertreten wird.“ Sein Verband habe entschieden, die sauberen Athleten von einem schmutzigen System zu trennen, und der Oberste Gerichtshof des Sports (Cas) in Lausanne habe ihn bestätigt. In Rio startete eine einzige russische Leichtathletin, in London nun werden es 19 sein. Dutzende, die regelmäßige unabhängige Kontrollen nicht nachweisen konnten, wurden abgelehnt.

          IAAF-Präsident Sebastian Coe.

          „Es ist nicht an mir, über verschiedene Geschwindigkeiten zu urteilen, aber wir haben an Schwung gewonnen durch die Position, die wir eingenommen haben“, fuhr Coe fort. „Sie wird kulminieren in der Wiederaufnahme eines Verbandes und von Athleten, von denen wir sicher sein können, dass sie im Wettkampf mit sauberen Athleten nicht die Prinzipien verletzen, denen diese ihr halbes Leben gewidmet haben.“

          Was Coe nicht sagte: Das Internationale Olympische Komitee (IOC) unter der Führung von Thomas Bach hat sich in Rio vor dem Ausschluss der russischen Mannschaft gedrückt und lässt die Frage, wie es insbesondere den Austausch der russischen Doping-Proben bei den Olympischen Spielen von Sotschi sanktionieren werde, weiterhin offen – gut ein halbes Jahr vor den nächsten Winterspielen.

          Verbände beißen sich die Zähne an der Aufgabe aus, einzelnen Athleten Doping nachzuweisen, obwohl ihre Proben längst verschwunden sind. Die IAAF lässt, wie auch das IOC, eingefrorene Proben nachprüfen. 65 russische Leichtathleten sind, Stand Mai, wegen Dopings gesperrt, zusätzlich zwei Trainer. Am Sonntag wird die erste von zwei Siegerehrungen dieser WM für Nach- und Aufrücker vergangener Titelkämpfe stattfinden.

          Rune Andersen, den die IAAF mit der Führung ihrer Task Force zur Wiederaufnahme der Russen betraut hat, berichtet von Fortschritten, etwa der Unterstützung von Athleten, die sich gegen Doping aussprechen und internationalen Kontrollen unterwerfen, etwa dem Projekt „Rocket Science“ mit dem Hammerwerfer Sergej Litwinow. Dimitri Schliachtin, der Präsident des russischen Verbandes, habe Hilfe versprochen, wenn Andrej Dmitriew nach Russland zurückkehre. Der Läufer, engagiert bei „Clean Sport Movement“, ist geflohen, seit er den gesperrten Trainer Wladimir Kasarin bei der Arbeit mit Kader-Athleten filmte und dafür als Verräter beschimpft und mit der Einziehung zum Militär bedroht wurde.

          Immer noch nicht habe die russische Seite den McLaren-Report anerkannt oder widerlegt, der jahrelanges systematisches Doping in praktisch allen Sportarten sowie den Coup von Sotschi belegt. Die russische Propaganda bezeichnet ihn als Fälschung und Verleumdung. „Wir brauchen weniger eine Entschuldigung“, sagte Andersen, „als vielmehr eine Erklärung, wie sie damit umgehen wollen.“ Sportminister Pavel Kolobkow persönlich habe versprochen, sich zu äußern, auch dazu, dass der Geheimdienst am Verschwindenlassen belastender Proben beteiligt war.

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          Als Zeichen der konstruktiven Zusammenarbeit führt der Norweger an, dass Athleten sich nicht mehr in sogenannten Verbotenen Städten Kontrollen entziehen können. Kommen sie zu einer Probe nicht heraus, werden sie verwarnt (missed test); drei Verwarnungen führen zur Sperre. Der russische Verband, berichtet Andersen, habe einem Athleten, der seine Eltern in einer solchen Einrichtung pflegt, eine Wohnung außerhalb des Zaunes zur Verfügung gestellt. Auch lange blockierte Blutproben haben die Behörden freigegeben.

          Noch stehe aus, dass der Verband die Sperre von suspendierten Trainern durchsetze, etwa des berüchtigten Geher-Trainers Viktor Tschegin. Doch selbst wenn sich eine Kultur in der russischen Leichtathletik entwickle, die Doping ablehne, bedürfe es der Infrastruktur, sie durchzusetzen. Frühestens im November kann die russische Anti-Doping-Agentur mit ihrer Wiederzulassung rechnen.

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