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Auma Obama im Gespräch „Sport ist unser Köder“

 ·  Für „Care International“ koordiniert Auma Obama die „Sports for Social Change Initiative“. Im Interview mit FAZ.NET spricht die Schwester des amerikanischen Präsidenten Barack Obama über Hilfsprojekte für Afrikas Kinder und die Botschaft ihres Bruders.

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Die Kenianerin Auma Obama ist Germanistin, studierte in Heidelberg, promovierte in Bayreuth und besuchte in Berlin die Deutsche Film- und Fernsehakademie. Sie betätigte sich in der politischen Erwachsenenbildung, bevor sie, nun in England, Weiterbildung für Kinder und Jugendliche anbot. Seit bald zwei Jahren koordiniert die Schwester des amerikanischen Präsidenten Barack Obama von Nairobi aus für die Hilfsorganisation Care International die „Sports for Social Change Initiative“. Im FAZ.NET-Interview spricht Auma Obama über über ihre Hilfsprojekte für Afrikas Kinder und die Botschaft ihres Bruders.

Ihr Bruder beschreibt Sie in „Dreams From My Father“ als rastlos, unabhängig, als ständig dabei, sich in die Zukunft zu stürzen - all dies sei der Familie irgendwie unnatürlich, unafrikanisch vorgekommen. Hat Sport Sie das gelehrt?

Das soll mein Bruder geschrieben haben? Ich bin unafrikanisch. Was ist afrikanisch?

Das Klischee sagt, Afrikaner lebten im Heute und dächten nicht an die Zukunft.

Das ist furchtbar und falsch. Und man schert alle Afrikaner über einen Kamm. Arme müssen schon deshalb an heute denken, weil sie nicht wissen, woher sie die nächste Mahlzeit für sich und ihre Familien bekommen. Alle Afrikaner, die ich kenne, sind hoch motiviert und teilweise sehr gut ausgebildet - eben weil sie an morgen denken. Als ich in England gearbeitet habe, habe ich Kinder - und Erwachsene - erlebt, die wirklich nur an heute denken. In Deutschland hatte ich Kommilitonen, denen war morgen egal, die lebten nicht mal für heute: diese Null-Bock-Generation. Wer Afrikanern pauschal vorwirft, sie dächten nicht an morgen, missversteht die Lebensumstände der Menschen auf diesem riesigen Kontinent. Noch dazu ist das überheblich und respektlos. Erstaunlicherweise höre ich selbst in der Entwicklungshilfe solche Vorurteile. Sie bestimmen sogar Politik.

Unter dem Slogan „Sport für Sozialen Wandel“ stehen Projekte von Gesundheitserziehung über Aids-Aufklärung bis zur Integration. Sind Sie die Initiatorin?

Ich kooperiere mit etwa 35 Organisationen, die mit einigen tausend Kindern und Jugendlichen arbeiten. Es gab sie alle schon, bevor ich auftauchte. Die Organisation der Marathonläuferin Tegla Loroupe gehört zu unserem Netzwerk. Sie baut eine Schule und organisiert Läufe für den Frieden. Mathare Youth Sports Association in Nairobi, MYSA, ist Mitglied. Sie haben ein Team in der ersten Liga, alle denken bei ihnen an Fußball. Aber sie machen auch Gesundheitserziehung, Kurse in Umweltschutz, Fotografie und Theater. Es geht nicht darum, dass alle gute Fußballer werden, sondern dass sie sich engagieren und ihrer Gemeinschaft etwas geben. Eine Organisation in islamischem Gebiet an der Küste bringt Mädchen zum Fußballspielen. Sie heißt „Moving The Goalpost“. Sie lernen ihren Körper zu schätzen und zu schützen, und sie lernen, „nein“ zu sagen. Ich helfe dabei, dass diese Organisationen sich besser organisieren und zusammenarbeiten.

Was macht diese Projekte besonders?

Sie konzentrieren sich auf unsere Zukunft: die Kinder. In Kibera, einem Slum in Nairobi mit 1,2 Millionen Menschen, arbeiten dreißig unserer Trainer mit fünftausend Kindern. Die Hälfte der Bevölkerung Kiberas sind Kinder und Jugendliche. Und Kibera ist nicht der einzige Slum. Manchmal überwältigt mich die Größe der Aufgabe.

Was meinen Sie mit sozialem Wandel?

Man soll aufhören, auf die afrikanischen Länder zu schauen und zu sagen: Dort ist Armut, und wir aus dem Westen kommen und helfen. Es gilt, den jungen Leuten zu zeigen, dass sie nicht Opfer sein müssen. Mit ein bisschen Hilfe können sie aus eigener Kraft etwas werden. Es geht darum, ihnen eine Richtung zu zeigen, ihnen einen Weg zu eröffnen.

Warum Sport?

Viele Kinder kommen aus schwierigen familiären Situationen. Sport lässt ihnen vieles leichter erscheinen. Wer spielt, kann nicht wirklich unglücklich sein - selbst wenn seine Mannschaft verliert. Wir nutzen Sport als Mittel, uns mit Themen und Problemen auseinanderzusetzen. Sport ist der Köder. Was man im Spiel lernt, vergisst man nicht. Sport wirkt als Spiegelbild des Lebens. Was für eine Botschaft, dass Mädchen in einer islamischen Kultur Fußball spielen!

Ist Ihre Arbeit Politik?

Ich will Veränderungen bewirken. Nicht immer ist das in der Politik der Fall.

Ein Politiker, der sagt: „Yes We Can“, spricht Ihnen also aus dem Herzen?

Selbstverständlich, vor allem, da er mein Bruder ist. Ich bin stolz darauf, dass er derjenige ist, der diese Botschaft verbreitet. Er spricht alle an, nicht nur die Amerikaner. Das unterscheidet meinen Bruder von anderen Politikern. „Yes We Can!“ ist eine Haltung und eine Aufforderung: Finde deine Berufung! Habe keine Angst! Wenn du daran glaubst, schaffst du es! Wir benutzen Sport, um diese Haltung in Kindern und Jugendlichen auszubilden. Was man im Sport kann, kann man auch im Leben. Wenn es nicht weitergeht, erinnern wir an Obamas Botschaft: „Yes We Can!“ Wie kein anderer hat Barack den Jugendlichen der Welt eine starke Energie verliehen. Damit erleichtert er unsere Arbeit.

Stoßen Sie an Grenzen?

Viele Kinder spielen mit leerem Bauch. Sie haben Hunger. Solange sie spielen, vergessen sie ihn. Aber wenn wir mit ihnen reden wollen, und das gehört zum Programm, etwa sie über Aids aufzuklären, dann können sie sich nicht konzentrieren. Manche Organisationen geben deshalb Essen aus, übernehmen Schulgeld oder helfen bei der Unterbringung. Wenn nicht mehr bei den Programmen herauskäme als Spiel, würden wir die Chance verpasssen, diesen Kindern und Jugendlichen zu helfen.

Öffnet der Name Obama Türen?

Wenn der Name hilft, hilft er Kindern und Jugendlichen. Ich habe aber bis jetzt nichts dergleichen erlebt. Ich würde das Programm mit genauso viel Kraft und Energie betreiben, wenn mein Bruder nicht Präsident wäre. Ich hoffe, dass wir nicht nur unterstützt werden, weil ich mit einem Präsidenten verwandt bin, sondern weil meine Arbeit überzeugt. Bin ich mit dieser Haltung naiv? Ich hoffe nicht. Mein Programm versucht, den Kindern in den Slums Zugang zu gesunder Ernährung zu verschaffen, sie über Krankheiten wie HIV/Aids und Malaria aufzuklären und sie auch zu behandeln. Schulkinder brauchen Bibliotheken und Arbeitsräume. Die meisten haben zu Hause keine Elektrizität. Es ist frustrierend zu sehen, wie viel getan werden muss und wie wenig Geld dafür da ist.

Ihr Programm will, zusätzlich zu all dem, was man von Sozialarbeit mit Sport erwarten kann, Armut und Hunger durch die Chance auf Sportstipendien und Berufe im Sport bekämpfen. Schließen sich sportliche Sozialarbeit und Spitzensport nicht aus?

Auf keinen Fall. Man muss unterscheiden zwischen Spitzensport und dem, was wir tun. Wir machen Sport plus. Wir bieten mehr an als Sport. Dafür muss man nicht besonders talentiert sein. Man muss nur mitmachen. Spitzensport ist exklusiv. Man darf nur dabeibleiben, wenn man Höchstleistung bringt. Aber immer wieder entdecken unsere Trainer Talente. Wenn einer der Jugendlichen es zum Trainer, Schiedsrichter oder Spitzensportler bringt, feiern wir das auch als Erfolg.

Bietet Spitzensport neben der Chance zum sozialen Aufstieg Einzelner den Ländern Afrikas und dem Kontinent die Möglichkeit, sich der Welt als exzellent und erfolgreich zu präsentieren? Mit Siegen im Fußball und im Langlauf?

Ich finde diese Betrachtung ein bisschen gefährlich. Insbesondere, wenn man pauschal von Afrika spricht. Afrika besteht aus 53 Ländern mit sehr unterschiedlichen Bevölkerungen und Kulturen. Sport hat für mich keine Farbe, keine Rasse. Es geht um harte Arbeit, Zielstrebigkeit und Entschlossenheit. Wenn jemand aus Deutschland dort groß geworden wäre, wo, sagen wir: Tegla Loroupe aufgewachsen ist, mit einem Schulweg von vielen Kilometern, den man rennen muss, um nicht bestraft zu werden fürs Zuspätkommen, da würde dieses Kind aus Deutschland genauso fit sein. Es könnte genauso gut sein wie Tegla, wenn es genauso hart arbeiten würde, genauso zielstrebig und entschlossen wäre. Das Klischee vom Laufen ist genauso wie das, dass alle Afrikaner toll tanzten und gern sängen. Niemand spricht von afrikanischen Akademikern. Ich bin Akademikerin. Ich glaube, dass auch ich ein Bild von einer Afrikanerin darstellen kann, das Exzellenz und Überlegenheit vermittelt. Solch eine breite Perspektive versuchen wir zu vermitteln.

Was erwarten Sie von der Fußball-Weltmeisterschaft 2010?

Ich hoffe, es wird ein anderer Blick auf Afrika fallen. Nicht nur Armut und wilde Tiere, Strand und Sonne. Man kann aus diesem kommerziellen Ereignis etwas machen, was von Vorteil ist für Afrika, insbesondere für Südafrika. Aber es wäre falsch, den Eindruck zu erwecken, dass Afrika schon damit geholfen sei, dass die WM dort stattfindet. Mir fällt kein Kontinent und kein Land ein, in dem die Weltmeisterschaft langfristig die Lebensbedingungen verändert hätte. Um das zu erreichen, muss man die wirtschaftlichen Umstände verbessern und der Jugend eine Chance geben, sich von der Armut zu befreien. Die Fußball-Weltmeisterschaft 2010 könnte ein Anfang sein.


Das Gespräch führte Michael Reinsch.

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