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Aufarbeitung DDR-Sport : Heimspiel für alte Genossen

  • -Aktualisiert am

Auch Rolf Beilschmidt, Geschäftsführer des Thüringer Landessportbunds, gehört zu den Altkadern. Bild: Imago

Bei der Präsentation der Regionalstudie zur Aufarbeitung des DDR-Sports in Thüringen leugnen die Beteiligten weiter jede Verfehlung. Die Studie selbst weist indes Lücken auf.

          Die Präsentation der ersten wissenschaftlichen Regionalstudie zum Thema „Zwischen Erfolgs- und Diktaturgeschichte – Perspektiven der Aufarbeitung des DDR-Sports in Thüringen“ am Mittwochabend in der Universität Erfurt wurde zum Heimspiel für DDR-Altkader, die es tatsächlich geschafft haben, auch fast 25 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung im Landessportbund Thüringen das Steuer fest in der Hand zu halten.

          Der seit Oktober 2014 durch neue Aktenfunde in der Stasi-Unterlagenbehörde schwer belastete Hauptgeschäftsführer des Thüringer Landessportbundes, Rolf Beilschmidt (Stasi-IM-Deckname „Paul Grün“), nutzte die gemeinsam mit Historikern des „Zentrums für deutsche Sportgeschichte“ Berlin organisierte Buchvorstellung zur Vorwärtsverteidigung und Rechtfertigung seiner einstigen Stasi-Mitarbeit. Eine Entschuldigung bei den von ihm Bespitzelten oder ehrliche Reue war indes nicht zu vernehmen.

          LSB-Geschäftsführer Beilschmidt beschönigt weiter seine Spitzel-Tätigkeit

          Seine intensive und langjährige Zusammenarbeit mit dem DDR-Staatssicherheitsdienst sowohl als Leichtathlet und auch danach als leitender Funktionär, von Januar 1989 an sogar als Chef des dopingverseuchten Sportclubs Motor Jena, redete Beilschmidt in Erfurt zum wiederholten Mal klein. Er habe bei den Informationen an die Stasi „es damals so angelegt, niemanden dabei zu schaden“. Doch die Akten belegen das Gegenteil. Über eine Trainerin hatte Beilschmidt der Stasi 1984 unter anderem konspirativ berichtet: „Zur Zeit soll die X. wieder auf der Suche nach einem Mann sein. Der AIM schätzt die X als sehr labil und unausgeglichen ein. Sie besitzt ein übersteigertes Konsumdenken . . . Weiterhin hat sie eine größere Anzahl von Bekleidungs- und anderen Gegenständen in ihrer Wohnung, welche nicht mit der Währung der DDR käuflich sind.“

          Auch die einstige Weltklasse-Sprinterin Ines Geipel vom SC Motor Jena, die heute den Doping-Opfer-Hilfeverein in Berlin leitet, wurde von Beilschmidt bei der Stasi denunziert. Eine diesbezüglich wesentliche Erkenntnis der Sporthistorikerin Jutta Braun steht in der Aufarbeitungs-Studie auf Seite 77: Dass die rückblickend von Beilschmidt im Jahr 1992 in einem Gedächtnisprotokoll „formulierte Einschätzung seiner eigenen MfS-Kontakte, nämlich ,die persönliche Auffassung … keine Informationen gegeben zu haben, die anderen Menschen ... Schaden zugeführt haben, die ihnen den beruflichen, sportlichen oder privaten Werdegang erschwert bzw. die sie in Schwierigkeiten gegenüber den damaligen Staats- und Machtorganen gebracht hätten‘, in dieser Form nicht zutreffend ist“. Im Klartext: Beilschmidt hatte die Unwahrheit gesagt. Doch ausgerechnet zu der seit Monaten heftig diskutierten Stasi-Personalie Beilschmidt schwieg die Historikerin Braun in Erfurt. Fest steht: Im öffentlichen Dienst mussten viele ehemalige inoffizielle Stasi-Mitarbeiter mit ähnlich dokumentierten Belastungen ihren Hut nehmen.

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