12.03.2004 · Daß der neue griechische Ministerpräsident Karamanlis den Präsidenten des IOC, Jacques Rogge, am Samstag als ersten ausländischen Gast empfängt, wird als Signal gewertet: Olympia ist jetzt Chefsache.
Von Torsten HaselbauerJacques Rogge, der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), wird an diesem Samstag in Athen zu Gesprächen mit dem neuen konservativen griechischen Ministerpräsidenten, Kostas Karamanlis, erwartet. Daß ist nichts Besonderes. Diese ersten Sondierungsgespräche des IOC mit der neuen griechischen Regierung über die Entwicklungen auf den olympischen Baustellen knapp 150 Tage vor der Eröffnung der Spiele wurden direkt nach der Wahl vom vergangenen Sonntag angekündigt. Daß es jedoch Rogge ist, der bereits vier Tage nach der Vereidigung Karamanlis' als erster ausländischer Gast von dem 48jährigen Politiker empfangen wird, gilt in Hellas als politisches Signal.
Der Präsident der Griechenland nun regierenden konservativen Volkspartei, Nea Dimokratia, scheint es ernst zu meinen, mit seiner noch in der Wahlnacht ausgerufenen Ankündigung, in der Olympiavorbereitung keinen einzigen Tag mehr verlieren zu wollen. Dafür machte sich Karamanlis sogar in dieser Woche noch selbst zum Kulturminister Griechenlands. Der Fußballfan ist dank dieses Amtes nun eine Art olympischer Supervisor. Denn in Griechenland wird die Sportpolitik des Landes im Kulturministerium gestaltet und verwaltet. Gleichzeitig beendete Karamanlis mit dieser überraschenden Entscheidung alle Spekulationen, die Vorsitzende des griechischen olympischen Organisationskomitees (ATHOC 2004), Gianna Angelopoulou-Daskalaki, zu einer Art Super-Olympiaministerin machen zu wollen. Karamanlis zur Seite steht nun eine andere Frau, die Vizekulturministerin und bis zum August ausschließlich für die Organisation der Olympischen Sommerspiele freigestellte 60jährige Fanny Pali-Petralia. Die adrette Athener Rechtsanwältin war in der langen Oppositionszeit der Nea Dimokratia deren sportpolitische Sprecherin.
„Olympische Befehlskette“ gestärkt
Mit all diesen Personalentscheidungen, die Karamanlis nach hartem innerparteilichem Ringen am vergangenen Dienstag in Athen durchsetzte, scheint die "olympische Befehlskette" längst nicht mehr so brüchig zu sein, wie in den Jahren zuvor. Denn dem vormaligen sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Kostas Simitis als auch dem Kultur- und damit Olympiaminister Evangelos Venizelos wurde nicht gerade das beste Binnenverhältnis zu der ebenfalls mit einem konservativen Parteibuch ausgestatteten ATHOC-Präsidentin Gianna Angelopoulou-Daskalaki nachgesagt. Auch die Athener Bürgermeisterin Dora Bakoyannis, ebenfalls eine Schlüsselfigur in der Athener Olympiavorbereitung, gehört ja der konservativen Partei an. Die olympischen Reihen sind nun fest geschlossen. Und von dieser parteipolitischen Homogenität versprechen sich viele Griechen eine innenpolitisch deutlich konfliktfreiere Organisation der Spiele, die jetzt beschleunigt werden muß. Aus den Kreisen des IOC war in Athen bereits zu vernehmen, daß Präsident Rogge diese konservative, olympische Personalallianz an der politischen Spitze begrüßt.
Als Kostas Karamanlis am Mittwoch die "Olympiageschäfte" von seinem Vorgänger im Amt des Kulturministers, Evangelos Venizelos, übernahm, rief er in Richtung Oppositionspartei PASOK den "olympischen Waffenfrieden" ("Ekecheiria") aus. In Griechenland sind die Spiele seit ihrer Vergabe nach Hellas im Jahr 1997 längst in den Rang einer nationalen, parteiübergreifenden Aufgabe erhoben worden. Daran möchte die konservative Partei nicht rütteln. Ein Grund, warum Karamanlis bisher auch nicht, wie anfänglich von vielen befürchtet, einen einzigen der nicht wenigen in der ministeriellen Bürokratie für die Spiele zuständigen Mitarbeiter entließ. Vielmehr zeigt er sich in seiner ersten Woche als Mann des Ausgleichs und der Kontinuität. Karamanlis hat auch keine andere Wahl, als auf die Erfahrung der alten Olympiastrategen zu bauen. "Selbst für die Einarbeitung von neuen Mitarbeitern fehlt die Zeit", erklärte der Politiker. Aus diesem Grund nahm der neue Ministerpräsident den Rücktritt des tüchtigen, für die olympischen Spiele im Kulturministerium zuständigen Generalsekretärs, Kostas Kartalis, nicht an. Daß der als besonnen geltende sozialdemokratische Olympiaexperte diese politische Geste Karamanlis' schroff abwies, wird allerdings bereits als das erste grobe Foul im olympischen Waffenfrieden interpretiert. Eine Sorge mehr für den neuen Ministerpräsidenten Griechenlands, der an diesem Samstag mit dem IOC-Präsidenten Rogge, dem IOC-Olympiainspekteur Denis Oswald und die ATHOC-Präsidentin Gianna Angelopoulou-Daskalaki über die von seinen Vorgängern geerbten olympischen Sorgenkinder sprechen wird.
Dauerthema olympische Sicherheit gewinnt an Aktualität
Durch den Terroranschlag von Madrid hat das Dauerthema olympische Sicherheit abermals an Aktualität gewonnen. Es wird bei den Gesprächen auf der Tagesordnung stehen. Der neue für die öffentliche Ordnung zuständige Minister Giorgos Voulgarakais hat als eine seiner ersten Amtshandlungen in dieser Woche eine neuerliche, internationale Militärübung mit dem Namen "Schild des Herakles 2004" organisieren lassen. Es wird spekuliert, daß er noch kurzfristig an dem Treffen von Politik und Sport teilnehmen wird. Daneben sind es wohl die Erklärungen zu den "Klassikern", die Rogge zu hören bekommen wird, wenn er die neuralgischen Punkte anspricht: Das von den Athenern als "Calatrava-Dome" schon fast verulkte Dach des gleichnamigen spanischen Stararchitekten ist dem Olympiastadion immer noch nicht aufgesetzt worden. Auch dem Schwimmstadion fehlt die vorgesehene Dachkonstruktion. Die öffentlichen Personennahverkehrsysteme sind viel zu langsam auf die Schienen gesetzt worden. Und auf der geschichtsträchtigem Marathonstrecke bewegt sich zur Zeit nichts: Bauarbeiter streiken, Baufirmen sind in Konkurs gegangen.