04.05.2004 · Einhundert Tage vor Eröffnung der Olympischen Spiele wird in Zwölf-Stunden-Schichten gearbeitet und viel über Sicherheit geredet: Athen und seine Bewohner unterliegen einem Anpassungsdruck wie nie zuvor.
Von Torsten Haselbauer, AthenFangen wir einmal mit Zahlen an, genau 100 Tage vor der Eröffnung der Olympischen Spiele in Athen. Das mittlerweile zu einiger Berühmtheit gelangte, rund 18.000 Tonnen schwere Dach, das dem Athener Olympiastadion aufgesetzt werden soll, liegt noch rund siebzig Meter vom Stadion entfernt im Staub. Die imposante Stahl- und Glaskonstruktion des spanischen Stararchitekten Santiago Calatrava bewegt sich täglich ein Stück in Richtung Stadion. 5,70 Meter immerhin, um ganz genau zu sein.
Wird dieses Tempo gehalten, ist das Dach Ende Juni auf seinem endgültigen Platz hoch über dem Olympiastadion. Es wird den Zuschauern und Athleten im heißen griechischen August den wohlverdienten Schatten spenden. Das rund 70 Millionen Euro teure Dach verpaßt der tristen, grauen Betonschüssel eine imposante ästhetische Aufwertung. Der "Calatrava-Dome", wie die Griechen das elegante Bauwerk nennen, soll zum Sinnbild des modernen Staates Griechenland werden. Gerade deshalb ist es den Hellenen so wichtig.
Besorgter Chefinspekteur
"Wir werden eines Morgens aufwachen und das Dach in seiner Position auf dem Stadion finden", erklärte die neue, redselige Sportstaatssekretärin Fanni Palli-Petralia im vergangenen Monat. Denis Oswald, der Chefinspekteur des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) für die Sommerspiele in Athen, stand sichtlich matt daneben. Der Schweizer Jurist schaute noch kurz in den blauen Athener Himmel, sagte aber zu dieser unverhofften Glückserwartung nichts mehr.
Wohl zu Recht. Denn was ist dem IOC-Supervisor für die Athener Spiele in den vergangenen drei Jahren nicht schon alles zu Ohren gekommen. Großspurige Ankündigungen und Versprechen lösten sich in schöner Regelmäßigkeit mit kleinlauten Dementis ab. Es gab schon Dächer, die es nie geben wird wie das auf dem Schwimmstadion. In Athen steht aber auch das moderne Karaiskaki-Stadion. Das hatte das IOC im vergangenen August bereits vollständig abgeschrieben. Nun, 100 Tage vor der olympischen Eröffnungsfeier, ist es nahezu fertiggestellt. Daran, daß hier punktgenau das Fußball-Endspiel der Frauen stattfinden wird, zweifelt heute niemand mehr. Der jetzt in Betrieb genommenen Wildwasser-Anlage für den Kanu-Slalom, der Schießanlage oder dem Feldhockeyplatz attestierten die Sportler, Trainer und Funktionäre nach den ersten Testevents in diesem Frühling "absolute Weltklasse".
15 tödliche Arbeitsunfälle
Noch einmal Zahlen: 15 olympische Sportanlagen sind komplett fertiggestellt, an 25 anderen wird noch kräftig, in zwei Zwölf-Stunden-Schichten, gearbeitet. Es wurden in den vergangenen drei Jahren über 155 Arbeitsunfälle auf den olympischen Baustellen offiziell gemeldet, 15 davon endeten tödlich. Die Bauarbeiter-Gewerkschaften rufen in Athen immer wieder zu Demonstrationen auf.
Die olympische Marathonstrecke ist weiterhin eine Großbaustelle. Am 8. August, knapp eine Woche vor Beginn der Spiele, soll der geschichtsträchtige Abschnitt fertiggestellt sein. Die Gleise für die Züge, U- und S-Bahnen zum neuen Flughafen, zum Olympiagelände und zu den Sportanlagen an der Küstenzone sind erst teilweise verlegt. Damit der olympische Verkehr im August nicht vollends kollabiert, genießt der Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrssystems höchste Priorität in den noch verbleibenden 100 Tagen.
"Was nützen die besten Sportstätten, wenn man nicht zu ihnen gelangen kann?" fragte kürzlich noch einmal eindringlich Denis Oswald. Spricht man am Streckenrand mit den Ingenieuren der ausländischen Baufirmen, die einige wenige, aber höchst profitable olympische Großaufträge gewannen, sichern diese die pünktliche Fertigstellung zu. Sagen die Griechen dasselbe, glaubt man ihnen nicht - und macht schlechte Witze über sie.
„Erstickender Druck“
Athen ist derzeit nichts anderes als eine große Baustelle mit fünf Millionen Einwohnern. Die Stadt und ihre leidgeprüften Bewohner unterliegen einem solchen Anpassungsdruck wie wohl noch nie zuvor in ihrer bewegten Geschichte. Wenn der neue griechische konservative Ministerpräsident Kostas Karamanlis in den kommenden Tagen zu seinem Antrittsbesuch beim amerikanischen Präsidenten George Bush nach Washington reist, wird zuallererst über das Sicherheitskonzept für die Olympischen Spiele debattiert. "Einen erstickenden Druck", wie es die angesehene griechische Tageszeitung "Kathimerini" ausmachte, spüren die Griechen. Fast täglich melden sich die Botschafter der großen und mächtigen Staaten dieser Welt in Athen zu Wort und geben den Griechen kluge Hinweise auf das Sicherheitsrisiko während der Olympischen Spiele.
Und noch einmal Zahlen: Griechenland ist das bisher kleinste Land, seit Finnland mit Helsinki 1952, das die Olympischen Spiele ausrichten soll. Allein das Sicherheitspaket Athen 2004 kostet den griechischen Staat und damit seine Bürger eine Milliarde Dollar. Das ist viermal soviel, wie das reiche Australien für die Spiele in Sydney 2000 bezahlen mußte. Acht Awacs-Flugzeuge der Nato werden rund um die Uhr im Einsatz sein, um den Luftraum über der Olympiastadt zu sichern. In der Stadt selbst ziehen 60.000 Soldaten bewaffnet Streife, insgesamt sind 2000 Überwachungskameras auf den Straßen Athens installiert.
Sie Sorge: Ein "Einstieg in den Sicherheitsstaat"
Viele Athener sprechen bereits von einer regelrechten Sicherheitshysterie, die in ihrer sonst so friedlichen Stadt ausgebrochen sei. Es gibt erste Demonstrationen gegen den "Einstieg in den Sicherheitsstaat". Das Budget für die Olympischen Spiele in Athen ist nunmehr auf 5,4 Milliarden Euro angewachsen.
Alles, was die Touristen sonst so lieben, wenn sie ihrem Alltag den Rücken kehren und sich nach Griechenland in den Urlaub aufmachen, scheint in Athen in diesem vorolympischen Frühling plötzlich keinen Wert mehr zu haben. Die mediterrane Gelassenheit und die sprichwörtliche griechische Gastfreundschaft sind vermehrt dem scharfsinnigen Reden über das "olympische Business" gewichen. Nur manchmal noch sprechen griechische Großmütter erschrocken ihre geschäftstüchtigen Enkel an, die während der Spiele wirklich jedes Mauseloch für teures Geld an die erwarteten 1,5 Millionen Touristen untervermieten wollen: "Aber das sind doch unsere Gäste!"
Der empörte Einwurf hilft nicht viel. Athen, mittlerweile die sechstteuerste Stadt Europas, wandelt sich auch fernab der Stadienbaustellen nicht nur zum Besten. Derweil trainieren die griechischen Athleten in ihren modernen Leistungszentren an der Küste. Sie wollen bei den Olympischen Spielen in ihrem Land mindestens zwanzig Medaillen gewinnen.