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Anti-Doping-Gipfel Schärfere Kontrollen und härtere Sanktionen

30.07.2006 ·  Der deutsche Radsport probt den Aufstand der Anständigen und sucht nach einem Ausweg aus der Misere. Der Rennstall T-Mobile trennte sich von Manager Olaf Ludwig. Bei den Cyclassics in Hamburg wurde Erik Zabel hinter Oscar Freire Zweiter.

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Der ehemalige Verteidigungsminister Rudolf Scharping will den Dopingsumpf im Sport trockenlegen. Der Präsident des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR) kündigt angesichts der Affären um den positiv getesteten Tour-de-France-Sieger Floyd Landis und den unter Dopingverdacht geratenen Superstar Jan Ullrich eine harte Gangart an und hofft dabei auf die Gesetzgeber: „Es ist nicht unrealistisch, entsprechende Gesetze bis zum Jahresende zu verabschieden.“

Mit Scharpings Kurs erklärten sich bei einem fast dreistündigen Krisengipfel am Samstag in Hamburg 25 Vertreter der deutschen Rennställe, ihrer Sponsoren und der Rennveranstalter einverstanden. Unterstützt wird Scharping von der Politik; die Große Koalition in Berlin kündigte verschärfte Anti-Dopinggesetze und Strafen an.

Zabel Zweiter in Hamburg

Erik Zabel verpaßte unterdessen seinen zweiten Triumph bei den Cyclassics in Hamburg nur um Zentimeter. Fünf Jahre nach seinem ersten Sieg in der Hansestadt wurde der Routinier vom Milram-Team im Schlußpurt zum wiederholten Male von seinem Erzrivalen Oscar Freire auf der Ziellinie abgefangen. Es war der erste Erfolg für einen spanischen Fahrer an der Elbe.

„Ich weiß schon nicht mehr, wie oft der Oscar das schon mit mir gemacht hat. Aber ich ärgere mich nicht, denn ein zweiter Platz in diesem Rennen ist keine Enttäuschung“, sagte Zabel. Rang drei, ebenfalls nur knapp geschlagen, ging an Vorjahressieger Filippo Pozzato aus Italien.
Im Gegensatz zu den Vorjahren gelang es keinem Fahrer, in der Schlußphase einen entscheidenden Vorstoß zu fahren. So gelang Zabel etwas überraschend der Sprung aufs Treppchen: „150 Meter vor dem Ziel bin ich einfach nur gefahren, was das Zeug hielt.“

Der Radsport-Weltverband UCI nahm vor der elften Auflage des Rennens 40 unangemeldete Kontrollen vor. Wie Rudolf Scharping, Präsident des Bundes Deutscher Radfahrer, anschließend bekanntgab, sei keiner der Athleten dabei positiv getestet worden.

Ludwig muß T-Mobile verlassen

Den Anti-Doping-Kampf im Kreis der ProTour-Chefs nicht mehr mittragen wird T-Mobile-Manager Olaf Ludwig. Am Sonntag gab T-Mobile International bekannt, sein Sponsoringengagement zwar wie geplant fortsetzen, aber ab November mit einem neuen Management zu arbeiten. Die Zusammenarbeit mit der Olaf Ludwig Cycling GmbH (OLC) endet wegen unterschiedlicher Auffassungen beider Seiten am 31. Oktober. Neuer Teammanager wird der Amerikaner Bob Stapleton, sportlicher Leiter der frühere Telekom-Profi Rolf Aldag (Beckum).

Der BDR will laut Scharping beim Weltverband UCI den Antrag stellen, daß Profis - wie auch von Fahrersprecher Jens Voigt gefordert - künftig zur besseren Kontrolle DNA- und Blutproben hinterlegen müssen. Die Profile sollen schon im Nachwuchsbereich erstellt werden. Bei Teamwechseln sollen die neuen Mannschaften die medizinischen Profile ihrer Fahrer von der UCI übermittelt bekommen. „Das Problem ist nicht die Zahl der Kontrollen, sondern ihre Qualität. Die muß verbessert werden“, sagte Scharping.

„Niemand kann alleine dopen“

Weiter führte er aus: „Alle Beteiligten haben sich auf einen gemeinsamen Standpunkt geeinigt. Es ist schlimm genug, daß eine Karriere wie die von Ullrich so enden muß. Für uns geht es in erster Linie darum, die Hintermänner zu bekommen, sonst trocknet der Sumpf nicht aus. Wir müssen die Mediziner ermitteln, die dahinter stehen. Niemand kann allein dopen, da gib es in Europa Netzwerke.“

Der ehemalige SPD-Vorsitzende stellte klar, daß die BDR-Vorschläge unabhängig von ihrer Akzeptanz auf internationaler Ebene für deutsche Fahrer bindend wären: „Der BDR wird keine Fahrer für internationale Großveranstaltungen nominieren, die keine Daten hinterlegen. Ziel ist es, alle rauszuwerfen, die mit Doping zu tun haben.“

Jesus Manzano packt aus

Daß der Weg zum sauberen Sport ein steiniger, aber notwendiger sein wird, glaubt Jacques Rogge, der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). „Das Problem Doping wird nicht über Nacht verschwinden. Doping im Sport ist wie Kriminalität in der Gesellschaft“, sagte der IOC-Chef am Samstag bei einer Sitzung des Europäischen Olympia-Komitees (EOC) in Rom. Im Gegensatz zu Dick Pound, Chef der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA, nimmt Rogge die UCI-Dopingbekämpfung in Schutz: „Doping gibt es überall, aber Radsport ist öfter in den Medien.“
Auch nach Ansicht von Sprintstar Erik Zabel muß „unbedingt etwas passieren. Die Selbstreinigung hat offenbar nicht funktioniert.“

Wie kriminell die Szene ist, machte am Samstag abend der frühere Profi Jesus Manzano im Aktuellen Sportstudio des ZDF deutlich. Der 2004 beim spanischen Kelme-Rennstall, ehemaliger Arbeitgeber von Ullrichs T-Mobile-Teamkollegen Oscar Sevilla, entlassene Manzano berichtete über den Dopingalltag. Sportdirektor Vicente Belda erklärte ihm damals: „Entweder, du machst da mit, oder du stehst auf der Straße.“

Die Entscheidung war angesichts der Verdienstmöglichkeiten schnell getroffen: „Dann bekamen wir vom Teamarzt einen individuell abgestimmten Medikationsplan. Heute Testosteron, morgen Wachstumshormone, in der nächsten Woche EPO, zudem Kortison, weibliche Hormone, Wachstumshormone.“ Kelme habe für die Medikamente rund 350.000 Euro im Jahr ausgegeben, sagt Manzano, der 2003 nach einer Überdosis Hundehämoglobin bei der Tour vom Rad fiel. Belda erlaubte den Ärzten im Krankenhaus nicht, Blut abzunehmen. Manzano wurde somit nie positiv auf Doping getestet.

„Alles spricht dafür, daß Landis gedopt war“

Angesichts der Schilderungen wirken Landis' Unschuldsbeteuerungen eher beklemmend und sind in den Augen der Dopingexperten auch unglaubwürdig. „Alles spricht dafür, daß Landis gedopt war“, sagte ARD-Fachmann Hajo Seppelt. Dies zeige der extrem hohe Testosteronwert. „Die Dopinganalytik hat einen sehr großzügigen Grenzwert von 4:1 festgelegt. Der Wert von Floyd Landis ist 11:1“, sagt Seppelt. Zudem gebe es Hinweise, daß es eine Zuführung der Substanz von außen gegeben haben müsse.

Völlig anders sieht das Landis' Hausarzt Dr. Kent Kay: „Testosteron bildet Masse über Wochen, Monate, Jahre. Es ist verrückt, zu denken, daß ein Profi es während eines Rennens benutzt.“ Immerhin räumt Landis inzwischen ein, daß seine Turbofahrt in den Alpen „möglicherweise als etwas verdächtig“ zu bewerten sei.“

Quelle: FAZ.NET mit Material von dpa und sid
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