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Anschläge in London Olympia spürt die Nähe des Terrors

07.07.2005 ·  Das IOC reagierte geschockt auf die Anschläge in der frisch gekürten Olympia-Stadt, es sei aber derzeit kein Zusammenhang mit der gestrigen Wahl erkennbar. „Nun beten wir für die Toten“, sagte ein Vertreter Londons.

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Am Tag nach Londons Triumph über Paris schockte der Terroranschlag in der frisch gekürten Olympia-Stadt das Internationale Olympische Komitee (IOC) in Singapur.

Die 117. Vollversammlung beschloß am Donnerstag gerade den Ausschluß seines bulgarischen Mitglieds Iwan Slawkow, als die Schreckensnachricht im Kongreßsaal bekannt wurde. Der sofort informierte IOC-Präsident Jacques Rogge zog sich zu einer Beratung im kleinsten Kreis zurück. IOC-Mitglieder eilten aus dem Sitzungssaal, um vor großen Fernsehschirmen die von CNN und BBC transportierten Schreckensbilder zu verfolgen. Am Singapurer Abend verkündete das IOC: „Solche tragischen und schockierenden Anschläge können in jeder Stadt und zu jeder Zeit geschehen.“

„Nun beten wir für die Toten“

Nach dem sich der Terrorverdacht bestätigt hatte, ließ Rogge durch seine Sprecherin Giselle Davies erklären: Nach dem „gegenwärtigen Erkenntnisstand“ stünden „die sehr tragischen Ereignisse in keiner Weise in einem Zusammenhang“ mit Londons Wahl am Mittwoch zur Olympia-Stadt 2012. Der IOC-Präsident habe Premierminister Tony Blair und Bürgermeister Ken Livingstone seine „Kondolenz und Sympathie“ schriftlich ausgedrückt. Nach wie vor habe das IOC „volles Vertrauen“ in die Londoner Sicherheitsgarantien für die Spiele. „Ich garantiere für die Sicherheit“, hatte Blair am Mittwoch per Videobotschaft zu den IOC-Mitgliedern gesagt.

Ölpreis fällt nach den Londoner Anschlägen

„Völlig am Boden zerstört“ war in Singapur Londons Bewerbungskomitee, wie dessen internationaler Direktor Keith Mills betonte. Die Briten hatten den Triumph über Paris bis in den Donnerstag morgen hinein gefeiert. „Nun beten wir für die Toten. Wir müssen feststellen, dass auch London nicht sicher ist. Und dabei sind wir davon ausgegangen, unsere Stadt hat das beste Sicherheitssystem der Welt“, sagte Mills. Bürgermeister Ken Livingstone sagte unter Tränen: „Gestern habe ich dem IOC gesagt, London ist durch seine Bevölkerung vereint. Sie lebt in Harmonie friedlich zusammen.“ Daran habe sich nichts geändert. „Hinter dem Terror steckt keine Ideologie. Das ist auch kein pervertierter Glaube. Das ist Massenmord.“

„Jetzt sind wir alle Londoner“, sagte der Pariser Bürgermeister Delanoë, der noch am Vortag seiner Bitterkeit über die Bevorzugung der britischen Hauptstadt für die Sommerspiele 2012 freien Lauf gelassen hatte.

„Anschläge haben keinen unmittelbaren Einfluß“

Die Frage, ob London die Spiele bekommen hätte, wenn die Anschläge vor der Wahl erfolgt wären, blieb unbeantwortet, auch wenn die beiden deutschen IOC-Mitglieder Thomas Bach und Walther Tröger übereinstimmend erklärten: „Unsere Entscheidung hätte das nicht beeinflußt.“ Bach sagte: „Es sind noch sieben Jahre bis zu den London-Spielen. Die Anschläge haben keinen unmittelbaren Einfluß. Sie zeigen nur, daß wirkliche Alles getan werden muß, um Terror zu verhindern.“

Ausdrücklich hatte das IOC in seinem Prüfbericht die Terrorgefahr in den fünf Bewerberstädten nicht bewertet, sondern lediglich Einzelmaßnahmen aufgeführt. Dennoch galten New York, Moskau und Madrid durch die Terrorattacken in ihren Städten als besonders gefährdet. Und so muß es kein Zufall sein, daß ausgerechnet diese drei Metropolen bereits in den ersten drei Wahlrunden ausgeschieden sind.

Olympisches Tagesgeschäft im Hintergrund

„Terror ist eine weltweite Gefährdung. Das gilt auch für Olympia-Bewerber“, hatte Rogge immer wieder erklärt und zugleich auf den olympischen GAU in München 1972 mit dem palästinensischen Anschlag auf das israelische Team im Olympischen Dorf hingewiesen.

Der Terror in London rückte das olympische Tagesgeschäft in Singapur völlig in den Hintergrund. Mit dem Ausschluß von Slawkow setzte das IOC seinen Säuberungsprozeß fort. Mit dem Finnen Peter Tallberg und dem Schweizer Marc Hodler bekannten gegenüber dpa zwei Olympier, sich durch die eindrucksvolle Präsentation von London nicht für Paris entschieden zu haben. Anderenfalls hätte es zumindest 52:52 in der Endabstimmung gestanden. Mit Spannung wird die Abstimmung am Freitag über jede einzelne der 28 Sportarten erwartet, mit der die 117. Vollversammlung das Programm der Spiele 2012 bestimmen will.

Fortsetzung der „Null-Toleranz-Politik“

Mit dem Ausschluß von Slawkow folgt die Session mit der Zweidrittel-Mehrheit von 85:12 Stimmen bei fünf Enthaltungen einem Antrag des Exekutivkomitees, den 65jährigen Funktionär „wegen unethischen Verhaltens“ den Status eines IOC-Mitglieds zu entziehen. Slawkow hatte in einem geheim aufgenommenen Gespräch mit dem englischen Sender BBC zu erkennen gegeben, daß seine Stimme für den Olympia-Kandidaten London käuflich sei. Der Bulgare versuchte sich vor der Session in einer 20minütigen Anhörung vergeblich zu rechtfertigen. Zuvor hatte er geäußert: „Ich habe im IOC fünf Freunde. Wenn die für mich stimmen, weiß ich, daß sie wirkliche Freunde sind. Doch ich zähle auf mehr Stimmen.“

Der Reinigungsprozeß hatte mit dem Ausschluß von sechs Mitgliedern begonnen, die in den Korruptionsskandal um den erfolgreichen Olympia-Bewerber Salt Lake City verwickelt waren. Vier weitere verdächtigte Olympier gaben ihr Mandat unter Druck zurück. Getrennt hat sich das IOC unter Rogges „Null-Toleranz-Politik“ von dem indonesischen Holzbaron Bob Hasan, der in seinem Land wegen Korruption verurteilt wurde. Kim Un Yong, 2003 zum IOC-Vizepräsidenten gewählt, kam seinem in Singapur geplanten Ausschluß durch einen Rückzug zuvor. Der einst mächtige Sportfunktionär aus Südkorea war wegen Veruntreuung (2,7 Millionen Euro) und Bestechung (550.000 Euro) zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt und vor zehn Tagen nach einer Amnestie vorzeitig aus der Haft entlassen worden.

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