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Veröffentlicht: 08.12.2014, 17:20 Uhr

Thomas Bachs „Agenda 2020“ Das IOC im olympischen Reform-Rausch

Fernsehkanal, grenzüberschreitende Spiele, flexibles Olympiaprogramm – die 127. Vollversammlung des IOC verabschiedet Thomas Bachs „Agenda 2020“ ohne Kaffeepause im Schnellverfahren.

von , Monte Carlo

„Sich ändern, oder geändert werden, das ist hier die Frage.“ Das mag ein bisschen nach Hamlet klingen, aber Thomas Bach, der diesen Satz in seine Eröffnungsrede einbaute, hat andere Ziele als der destruktive Dänenprinz. Der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) will das Geschäftsmodell und die gesellschaftliche Relevanz Olympischer Spiele trotz der schwankenden  Weltlage in eine goldene Zukunft  führen. Mit seinem Appell nahm er die Mitglieder des IOC in die Pflicht, und sie folgten ihm.

Evi Simeoni Folgen:

Bei der 127. Vollversammlung in Monte Carlo, die an diesem Dienstag endet, jagte eine einstimmige Entscheidung die nächste, vor lauter Begeisterung verzichteten die Olympier sogar auf ihre Kaffeepause und eilten am Montag durch sämtliche Entscheidungen des Reformwerks „Agenda 2020“. Nicht einmal, als ihnen eine Anhebung des Alterslimits von 70 Jahren verweigert und nur eine vierjährige Verlängerung in fünf Ausnahmefällen angeboten wurde, sträubte sich jemand. Der Arbeitsplan ist also fertig. Die Umsetzung wird einer riesigen Anstrengung bedürfen.

Der finanziell gewichtigste Beschluss ist die Gründung eines olympischen Fernsehkanals, der vorerst nur im Internet, später aber auch im traditionellen Fernsehen senden soll. 490 Millionen Euro soll das Projekt nach einem Sieben-Jahres-Modell der IOC-Finanzkommission kosten, nach sieben bis zehn Jahren soll es sich rechnen.

Mehr Flexibilität im Programm

Auch über zwei der heikelsten unter den 40 Punkten der Agenda waren die 94 stimmberechtigten Mitglieder sich einig. Olympische Gastgeber können in Zukunft einzelne Wettbewerbe in eine andere Region, ja, aus Gründen der Geographie oder mangelnder Nachnutzung sogar außerhalb des Landes verlegen.

Und das Programm gewinnt erheblich an Flexibilität. 10500 Athleten und 310 Wettkämpfe bilden im Sommer die Rahmengrößen. Wie viele Sportarten beteiligt und wie viele Wettbewerbe ihnen jeweils zugebilligt werden, wird erst noch entschieden. Die Fachverbände warten mit Spannung auf Einzelheiten und übten sich teilweise bereits im vorauseilenden Gehorsam. Jedem ist klar: Zusammenrücken und teilen wird unvermeidlich sein.

Auch in Berlin und Hamburg, wo Bewerbungspläne für die Olympischen Sommerspiele 2024 oder 2028 heranreifen, werden die Nachrichten aus Monte Carlo gespannt verfolgt. Die Session entschied, Bewerbungen zu vereinfachen und deren Aufwand zu begrenzen. Olympische Spiele sollen kostengünstiger und machbarer werden und dem Charakter des Gastgebers stärker Rechnung tragen. Das jüngste Bewerber-Sterben um die Winterspiele 2022 und die allgemeine Überzeugung, die gigantischen Bauten für die Winterspiele in Sotschi gingen allein auf Rechnung Olympias, zeigen, wie nötig eine Neuausrichtung ist. Um die Anforderungen deutlich zu machen, die das IOC an einen Gastgeber stellt, wird der Veranstaltervertrag künftig öffentlich gemacht.

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Die mögliche Auslagerung einzelner Vorkämpfe oder gar einer ganzen Sportart könnte auch für eine deutsche Bewerbung relevant werden. Hamburg hätte etwa die theoretische Möglichkeit, sich den teuren Bau einer Kanuslalom-Anlage zu sparen.

Für Südkorea ist die erste Konsequenz schon da. Nach dem Wunsch des IOC soll Pyeongchang, der Gastgeber der Winterspiele 2018, auf die Errichtung einer Bob- und Rodelbahn verzichten. Schon vor der Session kam aus Lausanne die Aufforderung an das Organisationskomitee, die Bauarbeiten für die 120 Millionen Dollar (97,6 Millionen Euro) teure Sportstätte zu beenden. Die betroffenen Weltverbände sind informiert, dass ihre Wettkämpfe 2018 außerhalb Koreas stattfinden sollen.

In Frage käme die Bob- und Rodelbahn der Spiele 1998 in Nagano (Japan). Grund für das IOC-Bremsmanöver ist die mangelnde Chance auf eine Nachnutzung der Anlage, deren Unterhalt voraussichtlich 3,5 Millionen Dollar (2,8 Millionen Euro) kosten würde – teures Futter für einen Weißen Elefanten.

Die Sorgen der Fachverbände werden größer

Die Befürchtung, dass die betroffenen Sportler in die olympische Isolation geraten könnten, wurde durch Beschluss Nummer 18 entkräftet, der aus Claudia Bokels Arbeitsgruppe „Schutz des sauberen Athleten“ stammt. Auch die oberste IOC-Athletensprecherin brachte all ihre Vorschläge einstimmig durch. Die „Athleten-Erfahrung“ wird darin zu einem Kriterium für die Evaluierung von Bewerbern.

Um 2018 auch den Schlittenfahrern das echte Olympia-Feeling zu vermitteln, würden sie etwa zu ihren Siegerehrungen nach Pyeonchang geflogen und könnten im Athletendorf wohnen. Künftige Generationen dürften allerdings bereits um ihre kostspielige Olympia-Existenz zu zittern beginnen.

Überhaupt sind die Sorgen der Fachverbände größer geworden. In Zukunft werden sie die olympischen Fernseheinnahmen mit mehr Sportarten teilen müssen. Zumal die Organisationskomitees die Möglichkeit bekommen, eine regional wichtige Sportart oder Disziplin vorzuschlagen.

Synchronschwimmen Mixed

Es ist zu erwarten, dass bereits Tokio 2020 dies mit Baseball und Softball versuchen wird. Ob solch ein Sahnehäubchen-Sport dann auch einen vollwertigen Anteil aus den Fernseh-Einnahmen bekommt, blieb offen. Mit seinem NBC-Rekordvertrag über 7,75 Milliarden Dollar bis 2032 hat Bach immerhin ein stabiles Polster geschaffen.

Kluge Weltverbände sind vorbereitet. Die oft kritisierten Reiter etwa haben ihre Generalversammlung eigens auf das Wochenende nach der IOC-Session verlegt, um reagieren zu können. Hockey denkt zum Beispiel über eine Fünfer-Variante nach. Die Schwimmer haben im November getagt und bereits auf die am Montag vom IOC bekräftigte Forderung nach mehr Gleichberechtigung der Geschlechter reagiert. Am 29. November beschloss der Weltverband einen Mixed-Wettbewerb im Synchronschwimmen. Es gibt Revolutionen, die spielen sich im Stillen ab.

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