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Abstimmungsniederlage für IOC : Verblüffende Arroganz

Auch die Bürger im Wallis sagen Nein Bild: AFP

Die Hoffnung auf ein Umdenken beim IOC wird mit jeder Abstimmungspleite kleiner. Aber der olympische Traum ist zu wertvoll, um ihn den Funktionären zu opfern.

          Wieder war eine Bevölkerung zu schlecht informiert, um zu erkennen, wie attraktiv es ist, Olympische Spiele auszurichten. So jedenfalls interpretierte das Internationale Olympische Komitee (IOC) in einer High-Speed-Analyse das Ergebnis der Volksabstimmung im Wallis zum Thema Sion 2026: Mal wieder ein ablehnendes Votum aus einer Herzregion des Wintersports. Angeblich sei das Stimmvolk veralteten Informationen über die Kosten aufgesessen und habe „die grundlegenden Reformen“ des IOC nicht in Betracht gezogen. Mit Bedauern wurde sinngemäß festgestellt, dass die kurz vor der Abstimmung verbreitete, nicht mit Zahlen untermauerte Nachricht, die Winterspiele im Februar in Pyeongchang hätten einen Millionengewinn gebracht, ihre Wirkung verfehlte.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          All das liest sich so, als hätte es 54 Prozent der Walliser nur an Durchblick gemangelt, sonst hätte die Mehrheit begeistert ihr Kreuzchen beim Ja-Kästchen gemacht, statt nein zu sagen zur Finanzgarantie des Kantons und damit zur olympischen Grundsatzfrage, wie schon einige zuvor, zum Beispiel Hamburg und München.

          Wer uns nicht will, hat nichts kapiert: Aus dieser Haltung spricht eine verblüffende Arroganz. Die Olympier täten gut daran, einmal den Gedanken zuzulassen, dass die Leute gar nicht so vernagelt sind. Dass sie womöglich den Modellrechnungen des IOC nicht trauen, genauso wenig wie dem Eifer und den Kostenvoranschlägen ihrer eigenen Leute. Dass sie ihre Überlegungen an Sotschi 2014 und Rio 2016 orientieren, zwei Musterbeispielen olympischer Auswüchse.

          Sie trennen nicht zwischen Veranstaltungskosten und Investitionen, wie das IOC das gerne hätte, sondern schauen, was der Spaß sie ganz real kosten würde. Sie glauben nicht, dass Investitionen in Verbindung mit Olympischen Spielen ihr Land nur schöner machen, wenn sie Bilder andernorts verrottender Sportstätten sehen, die nach dem Spektakel keiner mehr braucht. Sie haben gesehen, wie ein solches Riesenprojekt die regionale Korruption befeuert und wie das IOC auf die Erfüllung aller Zusagen pocht, selbst wenn ein Land gerade pleite geht wie Brasilien. Für die lokale Ökonomie kann das IOC natürlich nichts. Aber viele Steuerzahler haben keine Lust auf finanzielle Risiken um eines fremdbestimmten Sportspektakels willen. Und sie wollen auch nicht fürchten müssen, dass dafür ihre fragile Umwelt geschädigt wird.

          Denn so ist es nun mal: Olympia hat an Überzeugungskraft dramatisch eingebüßt. Immer weniger Leute vertrauen den salbungsvollen Selbstinterpretationen einer Organisation, die ihre eigenen Kernaussagen nicht ernst nimmt. Die Gigantismus eindämmen will, aber inzwischen auch noch Golfplätze einfordert und gerade dem Motorsport die Tür einen Spalt geöffnet hat. Dass der Anti-Doping-Kampf eine teure Alibi-Veranstaltung ist, weiß die aufgeklärte Öffentlichkeit spätestens, seit das IOC auf das russische Staats-Doping mit fast schon gespenstischer Milde reagiert hat. Und dass Sportfunktionäre immer wieder gerne in die eigene Tasche wirtschaften, ist eben nicht nur ein Fußball-Phänomen, wie das IOC das gerne darstellen würde. Die Leute unterscheiden Korruption sowieso nicht nach Sportarten.

          Bleibt also die bittere Erkenntnis, dass das IOC mit seinem Präsidenten Thomas Bach sich nach den Schlappen der vergangenen Jahre nicht selbst hinterfragen will, sondern es vorzieht, von einem Kommunikationsproblem auszugehen. Es hat ja schließlich noch weitere Kandidaten-Anwärter für die Winterspiele 2026 in petto. Allerdings drohen damit auch weitere Referenden und politische Abstimmungen. Nur eines der sechs in Frage kommenden Länder ist keine klassische Demokratie, nämlich die Türkei mit Erzurum als Bewerber. Dann also Erdogan-Spiele, quasi als Resteverwertung?

          Die Hoffnung auf ein Umdenken beim IOC wird mit jeder Abstimmungspleite kleiner. Aber der olympische Traum ist zu wertvoll, um der Überheblichkeit von Funktionären geopfert zu werden.

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