Das gute alte Tonband ist im Laufe der letzten Jahrzehnte aus der Mode gekommen. Vor vierzig Jahren, als Horst-Gregorio Canellas am 6. Juni 1971 auf seinem 50. Geburtstag die Mitschnitte von Telefongesprächen zu Spielmanipulationen und Schmiergeldern in der Fußball-Bundesliga abspulte, war das anders. Die Stimmen, die da sprachen, machten den Betrug greifbar. Der Fußball stand sofort am Pranger.
Die acht betroffenen Spiele zwischen dem 17. April und dem 5. Juni waren handfest. Canellas' Geburtstags-Überraschung trug maßgeblich dazu bei, dass daraus umgehend der Bundesliga-Skandal wurde. Seither hat der unablässige, oft überhitzte Bundesligabetrieb zahlreiche Skandale und Tumulte erlebt - unter ständig steigendem finanziellen Einsatz. Und doch bleibt die runde Million Deutsche Mark, mit denen Spieler damals bestochen wurden, der Bundesliga-Skandal. Einen zweiten gibt es im Sprachgebrauch nicht.
Es gibt noch nicht einmal ein weiteres Spiel der ersten Bundesliga, dessen Manipulation zweifelsfrei feststeht. Und dass, obwohl etwa in Italien Spiele der Serie A regelmäßig ins Fadenkreuz der Staatsanwälte geraten. Mancher Wettanbieter steigt dann aus.
Skype statt Tonband
Sind die deutschen Elitekicker tatsächlich einfach bessere Menschen? Wohl kaum. Als vor rund zwei Wochen die erste Runde im Prozess um den neuerlichen Wettskandal im europäischen Fußball mit Schuldsprüchen und hohen Haftstrafen für die Hauptangeklagten Marijo Cvrtak und Ante Sapina zu Ende ging - die Beteiligten gehen in Revision - blieb die erste deutsche Fußball-Klasse wieder einmal unberührt. Und das liegt nicht nur daran, dass Tonbandgeräte längst auf den Elektroschrott gewandert sind.
Sapina und Co. hatten ihre Kommunikation aus Angst, ihre Handys könnten überwacht werden, auf Internetdienstleister wie Skype und andere Chat-Messenger verlegt. Aber auch dort hatten die Fahnder ein Auge auf sie. Nein, die erste Bundesliga blieb vom Treiben der Zocker ausgenommen, weil sie sich die Einsätze, die sie hätten zahlen müssen, nicht leisten konnten. „Einem Bundesligaspieler müsste man viel mehr Geld geben“, sagte Cvrtak in Bochum. Ein Hindernis, gewiss, aber sicher kein Grund, es nicht zu versuchen: „Wenn sich die Gelegenheit ergeben hätte, wäre mit Sicherheit auch die Bundesliga dran.“ Anders formuliert: Unter Betrügern hat jeder seinen Preis.
Ein Makel bleibt
Der Wohlstand, den der Profisport den aktiven Fußballspielern ermöglicht, ist eine Art Impfstoff gegen die Verlockungen des zwielichtigen Wettgeschäfts. Aber auch das finanzielle Immunsystem kann schlappmachen, wenn die Kicker ihre Spielernaturen nicht mehr nur auf dem Spielfeld ausleben. Spielsüchtige sind unter Fußballspielern beileibe keine Einzelfälle.
Das jüngste Bundesligaspiel, bei dem ein Verdacht ruchbar wurde, stammt aus dem Jahr 2005. Hannover 96 schlägt den 1. FC Kaiserslautern am 26. November 5:1. Der später wegen Betrugs in Frankfurt verurteilte William Bee Wah Lim verdiente mit Wetten auf dieses Spiel rund 2,2 Millionen Euro. Die Begegnung war nicht Gegenstand des Verfahrens, eine Manipulation wurde nie bewiesen. Lim tauchte später unter. Aber sein Beispiel zeigt: Es gibt Verbrecher, die sich auch die Bundesliga leisten könnten.