20.12.2003 · Im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung sagt Schwimm-Weltmeisterin Hannah Stockbauer, warum sie froh über den Rummel um Franziska van Almsick ist.
Nach ihren großen Erfolgen bei der Schwimm-WM 2003 enttäuschte Hannah Stockbauer aus Erlangen kürzlich bei der Kurzbahn-EM in Dublin.
Wie geht es Ihnen?
Gut.
Gut?
Ja, gut. Ich habe jetzt zehn Tage trainingsfrei, die erste Pause seit August. Darauf freue ich mich. Das wird mir total guttun.
Was war mit Ihnen bei der Kurzbahn-Europameisterschaft in Dublin los?
Es war einfach ein doofer Wettkampf, es lief nicht, ich mag die Kurzbahn nicht so gerne, aber das sollen jetzt keine billigen Ausreden sein. Es war Mist.
Reicht das, um zu erklären, warum die Weltschwimmerin des Jahres 2003 nicht einmal einen Vorlauf übersteht?
Ich habe im Wasser keinen Druck gefunden. Für Außenstehende ist das schwer zu verstehen, es ist, als ob man in der Luft zieht. Warum das so war, weiß ich nicht, und mein Trainer weiß es auch nicht. Was wir wissen, ist, daß es nicht an einer Krankheit lag. Die Blutuntersuchungen waren eindeutig: Ich bin kerngesund. Irgendwie kommt man in so eine Haltung, daß man beinahe hofft, daß am Blutbild etwas ist. Dann hätte man wenigstens eine Erklärung.
Wie sehr verfolgt Sie so ein Mißerfolgserlebnis?
Das verfolgt mich nicht. Es war ja nicht mein erster schlechter Wettkampf. Da komm' ich schon mit klar.
So ähnlich klangen Sie im vergangenen Jahr bei der Europameisterschaft in Berlin, wo es für Sie auch nicht so gut lief. Kaum war die Pressekonferenz zu Ende, warfen Sie sich Ihrem Trainer weinend in die Arme. Können Sie keine Schwäche zeigen?
Ach, ich muß immer weinen, wenn ich nach einem Wettkampf Rolli (Trainer Roland Böller) sehe. Okay, ich wollte natürlich nicht doof dastehen. Die EM in Berlin, die hat mich total geärgert. Ich war zwar nicht so gut in Form, weil ich das Abitur gemacht habe und ich ja in der Schule keine Leuchte war und viel lernen mußte, aber so schlecht war meine Verfassung auch nicht. Ich konnte da einfach nicht zeigen, was ich drauf hatte. Und das ist das Schlimmste, was es gibt.
Es heißt, die Enttäuschung von Berlin habe Ihnen die Augen geöffnet für das, auf was es wirklich ankommt.
Auf jeden Fall treiben mich Niederlagen eher an, als daß sie mich bremsen. Und zu Dublin muß ich noch mal sagen, daß mich das ganz bestimmt nicht aus der Bahn wirft. Dazu ist eine Kurzbahn-EM nicht wichtig genug. Ich habe nur ein Ziel, und das ist Athen.
Kommen wir erst noch mal zur WM in Barcelona. Dort waren Sie mit drei Titeln die überragende Schwimmerin. Was hat sich seitdem in Ihrem Leben verändert?
Nicht viel. Das einzige, was sich verändert hat, ist, daß ich noch ein bißchen mehr in der Öffentlichkeit stehe.
Sponsoren?
Die Leute denken immer, daß sich die Unternehmen um mich reißen. In Wirklichkeit hat sich nach Barcelona gar nichts getan. Das ist ganz schön enttäuschend. Was soll ich denn noch tun? Ich bin fünffache Weltmeisterin, mehr kann ich nicht tun.
Haben Sie eine Erklärung dafür?
Ich habe das Gefühl, meine bisherige Marketingagentur hätte schon ein bißchen mehr machen müssen. Jetzt habe ich einen neuen Manager, ich denke mal, da läuft es besser. Bisher war ja immer meine Mama für alle Anfragen die Anlaufstelle, sie hat sich um alles gekümmert. Aber sie ist ja doch nur meine Mama und keine Managerin.
Vielleicht verkaufen Sie sich nicht gut genug?
Ich bin nun mal nicht der Typ, der immer ganz vorne stehen muß. Ich gebe mich, wie ich bin. Soll ich mir ein Piercing ins Gesicht machen, nur damit ich auffalle? Das ist es mir bestimmt nicht wert.
Finden Sie nicht, daß es komisch klingt, wenn die momentan erfolgreichste Schwimmerin der Welt sagt: "Es ist gut, daß Franziska van Almsick da ist, sie ist der Star"?
Da ist doch so. Meinen Sie, das Fernsehen wäre zu den deutschen Kurzbahn-Meisterschaften vor drei Wochen nach Gelsenkirchen gekommen, wenn Franzi dort nicht geschwommen wäre? Und ehrlich gesagt bin ich auch froh, daß sie bei den Olympischen Spielen in Athen dabei ist. Bei dem ganzen Rummel hat man es leichter, wenn sie dabei ist.
Wie gegenwärtig ist Athen für Sie?
Es ist immer da, immer. Auch im Training. Olympia, das ist so was Gigantisches. Man spürt, es rückt näher und näher. Manchmal kribbelt es schon im Bauch, allein beim Gedanken an Athen. Oder wenn man in der "Zeit" liest, man sei die Gold-Favoritin. Das belastet mich schon.
Was hat sich für Sie seit Sydney, Ihren ersten Spielen, verändert?
Vieles. Damals hatte ich große Mühe damit, mit dem Ganzen umzugehen. Von meinen Gegnerinnen aus Amerika oder Australien dachte ich immer: Die sind ohnehin schneller als ich. Ich hatte eine Heidenangst, vor 17.000 Zuschauern in der Halle von Sydney zu schwimmen. 17.000! Inzwischen kann ich damit viel besser umgehen, ich bin selbstbewußter geworden. Ich versuche, mein Ding zu machen. Allerdings wird es mir schon jetzt flau im Bauch, wenn ich mir vorstelle, wie das in Athen sein wird. Ich bin ja immer wahnsinnig aufgeregt vor wichtigen Rennen.
Haben Sie Rituale?
Natürlich, einige. Am letzten Trainingstag in Erlangen vor einem großen Wettkampf mache ich immer sieben Handstandüberschläge im Wasser. Früher war das noch extremer, da mußte ich abends vor dem Wettkampf immer sieben Rollen vorwärts und sieben Rollen rückwarts im Bett machen.
Wie weit planen Sie Ihre Laufbahn?
Erst mal bis Athen. Dann muß man sehen.
Was muß man sehen?
Ob es weitergeht. Und wie es weitergeht.
Ist das Ihr Ernst? Sie sind 21 Jahre alt.
Ich muß auch an einen Beruf, eine Ausbildung denken. Ich möchte nicht mit Schwimmen aufhören und dann gar nichts in der Hand haben.
Der Russe Alexander Popow ist weit über dreißig und der beste Beweis dafür, daß auch im Schwimmen Erfolg keine Frage des Alters mehr ist.
Es hängt natürlich viel vom Erfolg ab. Und viel davon, wie es in Athen läuft. Wenn ich zweifache Olympiasiegerin bin, sieht es vielleicht anders aus, dann kann ich auch als Profi weitermachen wie bisher.
Immerhin, selbst Popow hat es bislang nicht so weit gebracht, in einem Schwimmbad zu schwimmen, das nach ihm benannt ist.
Das ist doch toll, oder?
Die SPD und die Grünen im Erlangener Stadtrat fanden es nicht so toll, wie man gehört hat.
Ach, die! Wissen Sie, wie die Grünen argumentiert haben? Die wollten die Umbenennung nicht, weil Schwimmen etwas mit Doping zu tun haben könnte. Was soll man dazu noch sagen?