Home
http://www.faz.net/-gtl-o7hy
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Sportler des Jahres Der glückliche Zweite

20.12.2003 ·  Man muß nicht immer Sieger, um zu den Gewinnern zu gehören sein: Radprofi Jan Ullrich vertritt als Tour-Zweiter ein neues deutsches Lebensgefühl.

Von Michael Reinsch
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Jan Ullrich ist kein Mann des Wortes. Er drückt sich auf dem Fahrrad aus. Es sind nicht seine Statements und Interviews, sondern seine Attacken und sein Zögern, seine Höhenflüge bei Einzelzeitfahren und seine Einbrüche im Nahkampf mit Lance Armstrong, die ausdrücken, wer er ist und wie er denkt.

Die Tour erzählt Ullrichs Leben, sie ist sein Leben. Dafür hat er ein dankbares Publikum. In Deutschland übertrafen die Einschaltquoten der Tour-Übertragungen in diesem Jahr die vom Sommer 1997. Damals löste ein 23 Jahre alter Jungprofi mit roten Haaren und Sommersprossen ein Fieber aus, das sich zusätzlich aus dem Höhenflug der Volksaktie seines Sponsors Telekom und dem strahlenden Sommer speiste. Der Jüngling nahm sich in Andorra das Gelbe Trikot, trug es nach Paris, und die Nation war jeden Nachmittag vor dem Fernsehschirm live vereint. Jan Ullrich aus Rostock, wohnhaft in Merdingen, gewann als erster Deutscher die Tour de France.

Ein zweiter Platz als Triumph und als Versprechen

In diesem Jahr rollte er im mintfarbenen Trikot durch Frankreich, und er behielt es an bis zum Schluß: kein Gelb, kein Sieg, sondern wieder einmal, zum fünften Mal, Platz zwei beim wichtigsten Radrennen der Welt. Ullrich erzählte auf seinem 3427 Kilometer langen Weg von und nach Paris die Geschichte eines 29 Jahre alten Mannes, der abgestürzt war und zurückgekommen ist. Diesmal ist der zweite Platz des wohl talentiertesten Fahrers im Peloton keine Niederlage. Sie ist ein Triumph. Und ein Versprechen: Er kann die Tour noch gewinnen.

Ullrich ist nicht der ewige Zweite, wie einst Raymond Poulidor. Schließlich hat er die Tour schon einmal gewonnen. Ullrich ist schon gar nicht der unerschütterliche Verlierer wie Joop Zoetemelk, der auf 16 Touren sechsmal Zweiter wurde und 1980 gewann. Ullrich ist der glückliche Zweite. Immer wieder hat er gesagt, nun sei es genug mit den zweiten Plätzen, immer wieder hat er angekündigt, sich endlich so vorzubereiten, daß er in Topform auf Tour geht. In diesem Jahr war er wohl dichter dran als je zuvor, den zweiten Sieg wahr zu machen. Dreimal hat er ihn verspielt: krank von einem Medikament, zögernd und im falschen Moment angriffslustig. Schon am Abend der vierten Etappe erhielt Ullrich eine Infusion, die aus Zucker und Eiweiß bestanden haben soll. Sie löste Fieber, Magen- und Darmbeschwerden sowie Schwindelanfälle aus. Fast mußte Ullrich aufgeben. Geschwächt verlor er im Anstieg nach Alpe d'Huez eineinhalb Minuten auf Armstrong - so viel, wie er im Zeitfahren von Cap Decouverte dem Amerikaner abnahm.

Am Tag nach dem Zeitfahren attackierte Ullrich den angeschlagenen Texaner in den Pyrenäen erst wenige hundert Meter vor dem Ziel - er machte sieben Sekunden gut plus Bonifikation. Fünfzehn Sekunden fehlten zu Gelb.
Dann kam die Königsetappe mit drei Pyrenäenbergen. Bevor Armstrong auf dem Schlußstück nach Luz-Ardiden stürzte, Ullrich wartete, aus dem Tritt kam und schließlich gegen den von mörderischer Wut gepackten Armstrong verlor, ging es über den Tourmalet. Hier hängte Ullrich Armstrong mit Leichtigkeit ab. Doch hätte er allein in die Abfahrt gehen sollen, verfolgt von einer Allianz seiner Gegner? Er ließ sich einholen in der Gewißheit, der Stärkste zu sein.

„Diese Schweinerei bezahlst du mir teuer!“

Doch er hatte Armstrong in Rage gebracht, wie dieser es braucht zum Erfolg. "In genau dieser Minute hatte Jan Ullrich die Tour verloren", behauptet Armstrong. "Ich habe mir gesagt: Mein Dreckskerl, diese Schweinerei bezahlst du mir teuer!" Als er auch noch stürzte, geriet er, buchstäblich, in Raserei. Und Ullrich wartete ritterlich. Das kostete ihn 40 (plus 12) Sekunden und die Tour. Der Sturz im letzten Zeitfahren besiegelte die Niederlage Ullrichs; im strömenden Regen der Normandie hätte er niemals mehr als eine Minute aufholen können.

Ullrich ist's dennoch zufrieden. Auch der Zweite ist Weltklasse. Ullrich vertritt ein Lebensgefühl. Nicht nur im Sport haben sich die Deutschen damit anfreunden müssen, Zweitbeste zu sein. Irgend jemand ist immer stärker oder entschlossener oder schneller als sie.

Mit neunzehn war Ullrich Weltmeister der Amateure und hat seit 1997 auch nicht schlecht gewonnen: Er wurde Olympiasieger in Sydney 2000, zweimal Weltmeister im Zeitfahren und Sieger der Spanien-Rundfahrt. Fast genauso umjubelt wie sein Triumph im Zeitfahren der Tour war sein fünfzig Kilometer langes Solo an Ostern beim drittrangigen "Rund um Köln". Doch da strampelte sich Ullrich von dem Schlamassel frei, in den ihn Zahlungsschwierigkeiten seines Teams Coast und, damit verbunden, zeitweiliges Startverbot gebracht hatten. Mitten in der Saison wechselte Ullrich von Coast zu Bianchi, von Blau zu Mint. Der Streit ums Geld ist immer noch nicht zu Ende.

Nach Jahren, in denen er immer wieder kugelrund aus den Winterferien zurückkehrte, was den wenigsten Deutschen fremd ist, hatte er im Sommer 2002 deutlich über die Stränge geschlagen. Wie ein richtiger Star, den er sonst widerwillig abgab, schleuderte er im Porsche und in gutgelaunter Gesellschaft durch die Freiburger Innenstadt; die Polizei nahm ihm den Führerschein ab. Wenige Wochen drauf kam es noch dicker: positiv auf Amphetamin.

Ullrich gestand, in unendlicher Frustration und in der Diskothek eine Pille an- und eingenommen zu haben. Die Erklärung enthielt zwei Entschuldigungen: Wegen falsch diagnostizierter Kniebeschwerden, die zwei Operationen zur Folge hatten, habe er nicht radfahren dürfen, sondern sich mit enervierenden Übungen fit halten müssen. Zudem habe er, weil nicht im Wettkampf, niemanden betrogen. Die Sperre erfolgte pro forma; das Publikum verzieh.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 21.12.2003, Nr. 51 / Seite 15
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1958, Korrespondent für Sport in Berlin.

Jüngste Beiträge

Stürmer in der Defensive

Von Michael Ashelm

Die Anforderungen an Angreifer haben sich stark verändert – und damit die Auswahl des Personals. Der Stürmertyp, der vorne wartet, bis er bedient wird, stirbt aus. Mehr 1