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Sportkultur Olympia oder Zirkus

In 177 Ländern wird gerungen, in vielen davon ist Ringen Volkssport. Die ganze Welt weiß, welche Bedeutung das Ringen für Olympia hat. Nur die führenden Manager des Internationalen Olympischen Komitees nicht.

© dpa Vergrößern Die Kunst des Ringens: Beherrsche deine Gefühle, beobachte den Gegner, sei klug und vorausschauend

Ringen ist mehr als ein Sport. Es ist der älteste Kampfsport, es ist die gelebte olympische Idee, es steht für die Essenz der Körperkultur. Ringen wird seit Jahrtausenden in der Literatur beschrieben - von den Schriften des Gilgamesch über die Epen von Homer bis zu den Romanen von John Irving. Einige Grundtechniken des Freistilringens sieht man auf ägyptischen Zeichnungen aus der Zeit 2500 vor Christus. Ringen war im antiken Olympia die Entscheidungsdisziplin des klassischen Fünfkampfs. Ringen brachte den ersten olympischen Sporthelden hervor, den als unbesiegbar geltenden Griechen Milos von Kroton, der im sechsten Jahrhundert vor Christus mindestens sechsmal Olympiasieger wurde. Wer an Olympische Spiele denkt, der denkt auch heute noch ans Ringen.

Die ganze Welt weiß, welche Bedeutung das Ringen für Olympia hat. Nur die führenden Manager des Internationalen Olympischen Komitees wissen es nicht. Seit sie seine Abschaffung aus dem Programm ihrer Spiele eingeleitet haben, müssen sich die Mitglieder des Exekutivkomitees fragen lassen, ob nicht sogar die ganze Welt besser weiß als sie, was die Olympischen Spiele sind. Und was diese Spiele von kommerziellen „Events“ noch unterscheiden soll.

Wie die zwölf Männer und drei Frauen dieser Runde auf die Idee kommen konnten, eigenhändig eine Sprengladung an das Fundament ihrer Existenzberechtigung zu legen, ist ein Rätsel. Obwohl sie vor Jahren den Sportdress gegen feines Tuch getauscht haben, wurde ihnen bisher zugetraut, ein Gefühl für die historische und pädagogische Bedeutung der Spiele bewahrt zu haben. Schließlich werden sie in ihren eigenen Reden regelmäßig daran erinnert. Doch nun wollen sie das olympische Ringen ersetzen - durch angeblich telegenere Neubewerber wie Rollschuhlaufen, Wandklettern oder Squash.

So schnell können Kulissen zusammenfallen. Die IOC-Entscheider bekommen jetzt aber zu spüren, dass die Olympischen Spiele jenseits ihres Mythos tatsächlich ideelle Werte besitzen, die sie nicht ungestraft dem Kommerz opfern können. Menschen aus aller Welt erinnern sie lautstark daran - die Liste der Länder, aus denen Protest angemeldet wird, liest sich wie die Vereinten Nationen. Die Vereinigten Staaten, Russland und Iran gehen vorneweg in einer einmütigen Allianz, wie sie wohl zurzeit in keinem anderen Zusammenhang möglich wäre.

In 177 Ländern wird gerungen, in vielen davon ist Ringen Volkssport. Afghanistan, Aserbaidschan, die Türkei sind klassische Ringernationen. In den Vereinigten Staaten gehört es zu den beliebtesten College-Sportarten, und auch in Deutschland gibt es eine Ringertradition, die allerdings an Bedeutung verliert. Dafür wird es immer intensiver als Schulsport gepflegt, um Kinder körperlich zu aktivieren, um die Integration von Zuwanderern zu fördern und zur Gewaltprävention. Auch das hat tiefe Wurzeln. Schon Platon hätte Jugendlichen das Ringen am liebsten per Gesetz vorgeschrieben.

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Jeder andere Sport ist eine Hilfsübung für das Ringen - so sehen es die Anhänger der Griffkunst. Tatsächlich braucht ein Ringer enorme Kraft, Schnelligkeit, Ausdauer und Beweglichkeit, um sich auf der Matte zu behaupten. Dazu kommen innere Stärke und Konzentration. Schläge sind verboten - Ziel ist es nicht, den Gegner kampfunfähig zu machen, sondern ihn mit Hilfe von Taktik und Technik aufs Kreuz zu legen. Ein guter Ringer geht besonnen, aber wachsam in seinen Kampf.

Noch ist der Entscheidungsprozess nicht zu Ende

Beherrsche deine Gefühle, heißt es auf der Ringermatte, beobachte den Gegner, sei klug und vorausschauend, handle planvoll, setze deine Kräfte dosiert ein, schätze dich selbst richtig ein, überstürze nichts, sondern erkenne den rechten Augenblick und nutze deine Chance. Beim Ringen lernen die Sportler - und seit kurzem auch die Sportlerinnen - den kontrollierten Abbau von Aggression und den vernünftigen Umgang mit Bedrohungen. Die Verletzungsgefahr ist vergleichsweise gering, weil natürlichen Bewegungsmustern gefolgt wird. Gerungen wird schließlich auch ohne Verein. Schon Kleinkinder fangen untereinander ganz von selbst damit an, oft nicht um zu gewinnen, sondern um sich selbst zu spüren. Söhne ringen untereinander und mit Vätern, um spielerisch ihre Kraft zu messen.

Was ist schnelles Fernsehgeld gegen all diesen Reichtum? Was ein olympisches Golfturnier oder zirkusmäßiges Geländeradeln? Das IOC verlangt Weltstars und Werbespots - aber die Ringer finden sich auch ohne Innovationen gut. Tatsächlich könnte die Fernsehtauglichkeit des olympischen Ringerturniers verbessert werden. Die Kämpfe sind ohne Regelkenntnis kaum zu durchschauen, und die beiden Stilarten - griechisch-römisch und Freistil - verwirren die Zuschauer. Der Weltverband hat zu wenig getan, um seine Sportart den modernen Erfordernissen anzupassen. Doch darauf kann das IOC das Ende des olympischen Ringens nach 2721 Jahren nicht begründen. Noch ist der Entscheidungsprozess nicht zu Ende - die Vollversammlung im September eröffnet einen Weg, die Entscheidung einfach zu annullieren. Auch wenn das peinlich wäre für die Exekutive und den scheidenden Präsidenten Jacques Rogge: Die IOC-Mitglieder sollten ihn gehen.

Quelle: F.A.Z.

 
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