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Sportjahr 2012 Das war’s

Eine Fechterin im Sitzstreik, niedergeschlagene Bayern, der im Triumph erstarrte Balotelli. Das Jahr 2012 hat gezeigt, dass der Sport nicht unbedingt bewegte Bilder braucht, um zu bewegen. Wohl schafft er Momente für die Ewigkeit, aber kaum Gewissheiten.

© dpa Vergrößern Desaster dahoam: Bayern am Boden

Sport ist Bewegung. Aber manchmal sind es Bilder der Unbewegtheit von Sportlern, die sich dem Gedächtnis einprägen. Solche Bilder traten uns in diesen Tagen vors innere Auge, beim Grübeln darüber, was vom Jahre übrig blieb. Da saßen wir also, was fiel uns ein? Sitzende Sportler.

Christian Eichler Folgen:  

Zuerst Novak Djokovic und Rafael Nadal, die in Melbourne nach dem fast sechsstündigen Finale der Australian Open, dem Maximum dessen, was ein Tennisspiel sein kann, nicht mehr stehen konnten - man musste ihnen vor der Siegerehrung Stühle bringen. Dann die vielen Verzagten unter den Spielern des FC Bayern, wie sie in den finalen Minuten des „Finales dahoam“ auf dem Rasen der Münchner Arena hockten und partout keinen Elfmeter schießen wollten - und wie der schon ausgewechselte Thomas Müller auf der Suche nach Freiwilligen auf sie einredete wie auf ein krankes Pferd.

TOPSHOTS 2012 © AFP Vergrößern Die Pose des Jahres: Wucht, Wut und Würde des Mario Balotelli

Und schließlich die koreanische Fechterin Shin A Lam, die bei den Olympischen Spielen in London 72 Minuten lang verzweifelt und weinend auf der Planche blieb, unbewegt und tief bewegt zugleich, erst stehend, dann sitzend, schließlich von zwei Kampfrichtern hinuntergedrängt. All das nur, weil sie jene Entscheidung nicht verstanden hatte, die ihr die Gold-Chance raubte und die tatsächlich jede menschliche Zeitvorstellung sprengt: dass nämlich in einer einzigen Sekunde genug Zeit sein soll für drei separate, vom Kampfrichter beendete und neu gestartete Fechtaktionen. Der Anblick der Koreanerin war das Standbild des Jahres: der Beweis, dass Sport keine bewegten Bilder braucht, um zu bewegen.

Natürlich gab es auch den unfassbaren Fallrückzieher von Zlatan Ibrahimovic, ein Wunderwerk menschlicher Motorik; gab es das Meisterstück des modernen Tempo-Kombinationsspiels durch Spanien beim 4:0-Sieg im EM-Finale gegen Italien; gab es die 91 Tore des Lionel Messi, der allmählich aus der Ahnung die Gewissheit macht, dem besten Fußballer der Geschichte bei der Arbeit zuzusehen. Aber selbst im Fußball, einem Sport, der von seiner Dynamik lebt, war der Moment des Jahres einer der größtmöglichen Langsamkeit. Schleppender, behäbiger, desinteressierter kann man zu einem Elfmeter nicht anlaufen, als es Andrea Pirlo im Elfmeterschießen des EM-Viertelfinales gegen England tat. Es wagten schon andere im entscheidenden Moment den Lupfer in die Mitte des Tores, einst vom Tschechen Antonin Panenka berühmt gemacht. Doch keiner tat das je mit solch lässiger Grandezza wie dieser Maestro des Schlenderns und Schlenzens.

148073175 © AFP Vergrößern Emotionaler Sitzstreik: Fechterin Shin A Lam

So groß war Pirlos Wirkung, dass Bundestrainer Joachim Löw die deutsche Nationalmannschaft nach einem Weltrekord von 14 Siegen in 14 EM-Spielen (zehn in der Qualifikation, drei in der Vorrunde, einem im Viertelfinale) im Halbfinale taktisch völlig auf den italienischen Spielmacher ausrichtete - und sich dabei selber ausspielte. Am Ende hatte Deutschland 14:0 Ecken, aber keine führte zu einem deutschen Tor, nur führte eine zu einem italienischen, dem 0:2 - und Mario Balotelli machte den Gorilla, noch so ein Standbild fürs Poesiealbum 2012.

Wie immer rief das Scheitern dieser nationalen Instanz, des Nationalteams, kuriose Erklärungsmuster auf den Plan. Die einen fanden, dass die Italiener ihre Hymne hingebungsvoller gesungen und deshalb gewonnen hätten. Die anderen erklärten die Niederlage als sportlich schmerzliche, aber politisch wichtige Hilfsleistung für das unter finanziellen Einschnitten ächzende Südeuropa. Schließlich schien im Frühsommer die Zukunft Europas ständig auf der Kippe zu stehen, ehe Europa das Interesse an seiner eigenen Rettung danach mehr und mehr verlor. Vielleicht auch, weil der Sportsommer ein besseres Programm bot als die rituelle Rettungsroutine der Griechenland-Gipfel?

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