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Sport-Kommentar Zwangsathleten

03.07.2009 ·  Am Samstag starten die Radsportler in die nächste Tour de France und die nächste Diskussionsrunde um Doping, Manipulation und Betrug. Die Todfeinde des Sports jagen nun aber auch die Pferdeleute über eine ganz neue Art von Hindernissen.

Von Evi Simeoni
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Im Sattel wird es unbequem. Von diesem Samstag an reiben sich in Frankreich wieder die Radprofis auf im Kampf gegen die Uhr und die Erschöpfung – und für den Weiterbestand ihrer Branche (siehe: Tour de France: Auf die harte Tour). Auch ihre vornehmeren Verwandten, die Reiter, bemühen sich gegenwärtig in einem Zustand zwischen Existenzangst und Trotz, ihren Status zu retten. Die Radprofis sind vorweg gesprintet mitten in die Problemzone des modernen Leistungssports; die Pferdesportler traben mit Schwung hinterher. Doping, Manipulation, Betrug – die Todfeinde des Sports jagen nun auch die Pferdeleute über eine ganz neue Art von Hindernissen.

Das öffentlich-rechtliche Fernsehen droht hierzulande mit Ausstieg. Die Sponsoren zeigen, vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise, starke Rückwärtstendenzen. Die Veranstalter zittern um die Rentabilität ihrer Turniere. Die Spitzenfunktionäre müssen fürchten, die Anerkennung der Basis zu verlieren. Einige Helden von einst stürzen so tief in die gesellschaftliche Ächtung, dass sich die Frage nach der Verhältnismäßigkeit stellt. Der Jan Ullrich der Reiterei heißt seit anderthalb Wochen Isabell Werth. Die einst glanzvolle Karriere der Dressurreiterin liegt nach einer positiven Dopingprobe in Scherben.

Der gesellschaftliche Abstieg droht

Es mag ein Trost für die Reiter sein, dass der Profiradsport auch nach vielen Krisenjahren nicht tot ist. So schnell stirbt eine olympische Sportart nicht. Sie erreicht als Gesprächsstoff sogar ganz neue Schichten. Und auch der traditionsreiche CHIO in Aachen entfaltet in diesen Tagen wieder seine Pracht. Doch der gesellschaftliche Abstieg droht. Tieren Schmerzen zuzufügen wird in der Öffentlichkeit noch viel weniger hingenommen als Selbstschädigung um des kurzfristigen Erfolgs willen. Kampf bis zum Umfallen – diese Gladiatorenmentalität mag Fanatikern sogar imponieren. Und sie ist auch eine Erklärung dafür, warum der zwielichtige Tour-Patron Lance Armstrong nach wie vor so populär ist. Aber Tiere leiden zu lassen zur Mehrung des eigenen Ruhms – dafür gibt es zumindest in Mitteleuropa kein Verständnis.

Dabei ist an der Entwicklung beider Sportarten das Erstaunlichste eigentlich das allgemeine Erstaunen darüber. Radsportler, die das Leiden zum Selbstzweck erhoben haben, waren schon immer bereit, zu unerlaubten Mitteln zu greifen, und es ist anzunehmen, dass der geständige Österreicher Bernhard Kohl mit seiner Einschätzung recht hat: Saubere Profis, die angeblich Betrogenen also, sind eine Fiktion.

Das Pferd als Entertainer und Zwangsathlet

Auch im Pferdewesen, dessen lukrativster Zweig der Handel ist (siehe auch: Pferdesport: Springende Geldschränke), kennt man Täuscherei und Manipulation schon lange. Das Neue in beiden Sportarten sind die vielfältigen Methoden, pharmazeutischen Betrug zu enttarnen. Die Radsportler brauchen mittlerweile wissenschaftlich hochentwickelte Methoden, um den Fahndern zu entgehen. Und auch die Reiter müssen die immer bessere Analysefähigkeit der Labors fürchten, ob sie nun kranke Pferde für den Wettkampf fit gemacht oder ihnen schlichte Leistungssteigerer gegeben haben.

So wiederholt sich zumindest für die Pferde ein Phänomen, das schon einmal vor hundert Jahren aktuell war. Sie werden vom technischen Fortschritt überholt. Denn anders als Fahrräder werden Pferde im Alltag kaum mehr gebraucht. Sollten die Reiter mit ihren inakzeptabel gewordenen Trainings- und Dopingmethoden ihren Sport tatsächlich zugrunde richten, kostete dies auch die Pferde die Existenz. Es gibt sie nur noch zum Vergnügen, wenn auch nicht immer zu ihrem eigenen.

Das Pferd mag in unserer Kultur mittlerweile seinen Status verbessert haben – die bequeme Kuschelposition von Hund, Katze und Hamster im menschlichen Behandlungssystem wird es trotzdem nie erreichen. Es hat immer arbeiten müssen für seinen Hafer: als Transportmittel im Krieg, bevor die Panzer es verdrängt haben; als Zugtier in der Landwirtschaft, bevor der Traktor kam. Und heute als Entertainer und Zwangsathlet. Das schönste Erlebnis eines Reiters allerdings ist die intensive Kontaktaufnahme mit diesem fremden Lebewesen.

Das Pferd ist viel mehr als ein Drahtesel

Wenn es jung ist, wehrt es sich erst gegen das Halfter, dann gegen den Sattel und das Schließen des Sattelgurts. Niemand glaubt ernsthaft, dass jemals ein Pferd das Bedürfnis hatte, geritten zu werden. Doch wenn es sich in sein Schicksal gefügt hat und gut behandelt wird, kann es sich zum Partner entwickeln, ist bereit zur Kooperation und kann sogar echten Kampfgeist an den Tag legen. Weil die Paare in Viereck, Parcours und Cross-Country dieses Urerlebnis immer noch ausstrahlen, hat der Pferdesport so eine treue und eingeschworene Klientel. Darin liegt seine Chance.

Allerdings ist die Leistungsspitze so lange in die falsche Richtung galoppiert, dass ihr zumindest im kritischen Deutschland nur noch der Hufschlagbefehl „Abteilung kehrt“ eine vertretbare Zukunft ermöglicht. Die Spitzensportler, die sich von aller Welt unverstanden fühlen, und die Verbandsfunktionäre müssen erst wieder erkennen, dass sie gemeinsame Ziele haben. Und eine gemeinsame Verantwortung, die über den Erhalt eines Zirkus hinausgeht. Das unterscheidet die Reitsportler von den Radfahrern: Das Pferd ist viel mehr als ein Drahtesel, und man kann es nicht einfach in die Ecke stellen.

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