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Sperre für Russen und andere : „Absolutes Neuland“

Biathlontrainer Pichler: Gegen die Nicht-Akkreditierung steht ihm kein Beschwerdeweg offen Bild: dpa

Der schwedische Biathlon-Trainer Pichler darf nicht nach Pyeongchang, weil in er in Sotschi noch die Russen betreute. Doch die Olympia-Sperren des IOC stehen auf unsicherem Grund.

          Wolfgang Pichler muss zu Hause bleiben. Keine Olympischen Winterspiele für den Biathlontrainer aus Ruhpolding in schwedischen Diensten, keine Reise nach Pyeongchang. „Wir akzeptieren und verstehen die Haltung des IOC, dass Mannschaftsführer, die mit russischen Athleten gearbeitet haben, die im Zusammenhang mit den Spielen in Sotschi Doping-Verstöße begangen haben, in Pyeongchang nicht teilnehmen dürfen“, heißt es in einer Mitteilung des schwedischen Biathlon-Verbandes.

          Pichler war von 2011 bis zu den Spielen in Sotschi Trainer der russischen Biathleten, zunächst sogar Chef-Trainer. Und in Punkt 6b der Entscheidung des Exekutivkomitees des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) vom 5. Dezember heißt es: „Kein Trainer oder Arzt eines Athleten, der eines Verstoßes gegen die Anti-Doping-Regeln schuldig befunden worden ist, kann auf die Einladungsliste aufgenommen werden.“ In Pichlers Trainingsgruppe trainierten Olga Saizewa und Jana Romanowa, zwei der drei durch das IOC lebenslang von Olympischen Spielen ausgeschlossenen Biathletinnen.

          Noch Ende 2014 hatte Pichler gesagt, er könne für seine Sportlerinnen „die Hand ins Feuer“ legen. Die für die individuellen Strafen zuständige IOC-Kommission hat Saizewa und Romanowa wie Olga Wiluchina als Profiteure des staatlich koordinierten Doping-Programms gesperrt – unter Verweis auf die Beweismittel, die inzwischen zu mittlerweile insgesamt 43 lebenslangen Olympia-Ausschlüssen russischer Sportler geführt haben: die Analyse von Kratzspuren an den Probenflaschen und die Darstellung des großen Betrugs von Sotschi in der mehr als 50 Seiten umfassenden Versicherung an Eides statt durch den heutigen Kronzeugen Grigorij Rodtschenkow, den früheren Leiter des Moskauer Anti-Doping-Labors, und dessen olympischer Außenstelle am Schwarzen Meer. Pichler beklagt in der schwedischen Tageszeitung „Dagens Nyheter“, dass seine demokratischen Rechte durch das IOC verletzt werden – gegen die Nicht-Akkreditierung steht ihm kein Beschwerdeweg offen.

          Die Chancen seiner ehemaligen Sportlerinnen und mutmaßlichen Profiteurinnen des ministeriell aufgezogenen Betrugs auf einen Auftritt in Pyeongchang stehen dagegen nicht ganz so aussichtslos. Erst recht nicht, seit das Doping-Panel des Internationalen Bob- und Skeletonverbands (IBSF) am Mittwoch entschied, Alexander Tretjakow (Skeleton) und Alexander Subkow (Bob) für den Weltcup nicht wieder vorläufig zu sperren – obwohl ihm in diesen Fällen die Begründung für den Olympia-Ausschluss des IOC vorlag. So verstößt der Verzicht, Rodtschenkow persönlich anzuhören, nicht nur gegen den Kodex der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada, sondern vermutlich auch gegen Schweizer Prozessrecht und Artikel 6 der Europäischen Menschenrechtskonvention, in der das Recht auf ein faires Verfahren niedergeschrieben ist. Für diese Entscheidung wird das Doping-Panel des Verbandes nun von der eigenen Exekutive vor dem Sportschiedsgericht Cas verklagt, und das IOC teilt mit, es könne die Entscheidung „weder verstehen noch akzeptieren“. Das Panel „hat eindeutig nicht verstanden, dass (. . .) zivilrechtliche Maßstäbe gelten“.

          Man begrüße die Entscheidung des IBSF-Präsidenten, das eigene Doping-Panel zu verklagen, und prüfe, ob „man sich der Klage gar anschließen“ könne. Wie ernsthaft es IBSF-Präsident (und IOC-Mitglied) Ivo Ferriani mit seiner Klage ist? Das Budget der IBSF-Rechtsabteilung wird auch vom Hauptsponsor des Verbandes mitfinanziert – Gasprom.

          Olga Saizewa: eine der drei durch das IOC lebenslang von Olympischen Spielen ausgeschlossenen Biathletinnen.

          Rund zwei Wochen nach der schnell als Deal entlarvten Entscheidung des IOC, russische Sportler in Pyeongchang ohne eigene Hymne und (bis zur Schlussfeier) Fahne starten zu lassen, steht inzwischen fest, dass die russischen Sportler mit Teilnahmeberechtigung Sportbekleidung tragen werden, auf der „Olympic Athlete from Russia“ zu lesen sein wird. Die „Olympischen Athleten aus Russland“ werden sich auch nicht allein fühlen, Sportminister Pawel Kolobkow ging am Donnerstag gegenüber der Agentur R-Sport von 217 startberechtigten Athleten aus, das wären nur 15 weniger als bei der Betrugsfeier in Sotschi.

          Unbeteiligte Juristen halten es nicht für ausgeschlossen, dass dann auch einige Profiteure des Systems darunter sein werden. „Den Beweis individuell zu führen“, sagt der Heidelberger Sportrechtler Michael Lehner, „ist schwierig.“ Zudem erscheine die Klärung der individuellen Schuld angesichts der Vielzahl der Fälle „kaum abarbeitbar“: „Ich brauche ein Minimum an Anknüpfungspunkten für die individuelle Schuld, das Loch in der Wand beweist sie noch nicht, die Spuren an den Flaschen auch nicht.“

          Durch das „Mauseloch“ hatte Rodtschenkow mit Hilfe des Geheimdienstes FSB die Proben in Sotschi austauschen lassen, auf die Kratzer an den Probenflaschen beruft sich die IOC-Kommission in etlichen Entscheidungsbegründungen. Hinzu kommen die Daten, die von den Ermittlern der Wada aus der Datei des Labor-Managementsystems des Moskauer Labors gefiltert wurden, aufgrund derer Wada-Ermittler Günter Younger, der zudem der IOC-Kommission angehört, die Athleten vorschlagen soll, die olympia-tauglich, sprich: sauber, sind. Er glaubt schon jetzt, es könnte etwa 300 weitere Doping-Fälle geben. Doch wie lässt sich die individuelle Schuld hier nachweisen? Der Langläufer Nikita Krjukow behauptete auf seiner Website (nikitakriukov.ru), während der Anhörung seines Falles beim IOC am Donnerstag sei gesagt worden, Rodtschenkow werde vor dem Cas als Zeuge auftreten.

          Krjukow ist einer von elf Athleten, die das IOC am Freitag sperrte. Damit hat die IOC-Kommission alle bislang von ihr eröffneten Verfahren abgeschlossen. Wie rechtssicher die Entscheidungen sind? „Rechtlich ist das alles schwierig, absolutes Neuland“, sagt Lehner. Er hatte, als das IOC die Suspendierung des russischen Olympischen Komitees bekannt gab, die Entscheidung zunächst positiv kommentiert. „Nur im ersten Augenblick“, sagt Lehner jetzt, zwei Wochen später. Inzwischen fühlt er sich an die Zeit vor den Sommerspielen in Rio de Janeiro erinnert. „Tatsächlich ist es ja doch wieder wie vor einem Jahr. Rechtlich das klarste und unangreifbarste wäre ein Komplettausschluss gewesen.“

          Biathlontrainer Pichler hatte das Anfang des Jahres übrigens ähnlich gesehen. Im Januar sagte er der Deutschen Presse-Agentur: „Falls das alles so stimmt, wie es gesagt worden ist, dann müssten die Russen eine Olympia-Pause machen und ausgeschlossen werden. Da trifft es natürlich auch Unschuldige, aber alles andere wäre sinnlos.“

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