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Spanien Die Gegenwart ist golden

29.06.2008 ·  Komplexe von gestern interessieren die Spieler von Trainer Luis Aragonés nicht die Bohne. Das bisher beste Team des Turniers ruht in sich. Spanien ist der Titelfavorit, auch weil Aragonés' junge Truppe diesmal eine typische Turniermannschaft war.

Von Roland Zorn, Wien
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Pünktlich zum Finale hat sich Luis Suárez zu Wort gemeldet. Suárez? Richtig, der Mann, der 1964 Kapitän der spanischen Fußball-Nationalmannschaft war. Dieser damals herausragende Mittelfeldspieler, mittlerweile 73 Jahre alt, sagte: „Andere spanische Teams vor uns waren besser als wir, haben aber nie etwas erreicht. Wir jedoch waren eine Mannschaft und keine Ansammlung von Individualisten.“

War da was im Sommer 1964? Genau, es war das Jahr, in dem Spanien Europameister wurde. Spanien? Viele in Deutschland wussten das gar nicht. Schließlich hielt sich im Land des dreimaligen Welt- und Europameisters hartnäckig die Überzeugung, dass Deutschland die typische „Turniermannschaft“ sei, Spanien dagegen das glatte Gegenteil.

Schlägt momentane Spitzenklasse langjährige Erfahrung?

Tatsächlich hatten die Deutschen immer schon gut reden, wenn die finale Bilanz bei den großen Fußballturnieren gezogen wurde. Dreizehnmal bei WM oder EM im Endspiel, dabei sechsmal als gefeierter Champion vom Platz gegangen, das festigte einen Ruf, den die Deutschen gern wie einen Joker einsetzen, wenn es vorher wieder einmal heißt: Die anderen sind aber besser. So wie diesmal, wenn die Turniergrößen aus Deutschland auf den aktuellen Seriensieger aus Spanien treffen.

Vor dem EM-Finale an diesem Sonntag in Wien fragt sich jeder: Schlägt momentane Spitzenklasse langjährige Erfahrung, setzt sich die alte Geschichte gegen ein Spitzenprodukt von heute durch? Und: Gibt es überhaupt ein Turniermannschaftserbe, das sich umstandslos auf nachfolgende Spielergenerationen übertrüge? Zweifel sind erlaubt. Die angeblich in den Zeiten ihrer härtesten Prüfungen stressresistenten und dazu mit dem Glück verbündeten Deutschen blickten zu Beginn der Euro 2008 auf acht EM-Jahre ohne einen einzigen Turniersieg zurück.

Mit frappierender Spielkunst und Leichtigkeit

Die Spanier dagegen, die noch nie ein WM-Finale erreichten, haben eine Ära der Enttäuschungen bei WM und EM hinter sich. Spätestens im Viertelfinale hieß es adios für die „Furia Roja“, die im Übrigen fünfmal die Qualifikation für das EM-Turnier verfehlte und einmal für ein Politikum sorgte, als der damalige Staatspräsident und Diktator Francisco Franco 1960 verfügte, dass die Selección nicht, wie vom Los bestimmt, gegen die Sowjetunion anzutreten habe. Daraufhin wurde Spanien von der EM ausgeschlossen und vier Jahre später nur deshalb als Gastgeber zugelassen, weil Franco versichern musste, dass sein Regime auch die sowjetische Mannschaft willkommen heiße. Ironie des Schicksals: Am Ende traf Spanien im EM-Finale auf die Sowjetunion und gewann 2:1.

Historische Reminiszenzen und Komplexe von gestern interessieren die Spieler von Trainer Luis Aragonés nicht die Bohne. Die bisher beste Mannschaft des Turniers ruht in sich und lebt in der goldenen Gegenwart. Spanien ist der Titelfavorit, auch weil Aragonés' Mannschaft diesmal eine typische Turniermannschaft war. Mit frappierender Spielkunst und Leichtigkeit setzte sie sich im Gruppenspiel (4:1) und im Halbfinale (3:0) über Russland hinweg; nach Kampf, aber letztlich ungefährdet besiegte sie in letzter Minute Schweden (2:1) und mit der Reservemannschaft auch Titelverteidiger Griechenland (2:1); dazu knackte sie beim Viertelfinalerfolg per Elfmeterschießen über Weltmeister Italien (4:2) die härteste Nuss in einem Geduldsspiel.

Aragonés „gebührt das größte Verdienst am Erreichen des Endspiels“

Gerade in dieser Partie mit dem Zusatzfaktor Glück behielt die Selección eisern die Nerven. Eine Grundtugend, die von Mannschaften eingefordert wird, die bei großen Turnieren weit kommen wollen. „Entscheidend ist“, sagt der 69 Jahre alte Aragonés stolz über sein Team, „dass sich meine Spieler frei fühlen.“ Die geben das Kompliment gern zurück. Kapitän Iker Casillas sagt über den Madrider Trainerfuchs: „Wir sind mit ihm in den vergangenen vier Jahren durch gute und schlechte Zeiten gegangen. Es gibt eine sehr enge Beziehung zwischen der Mannschaft und ihm. Ihm gebührt das größte Verdienst am Erreichen des Endspiels.“

Spanien ist in Österreich zu einer Turniermannschaft geworden: über den Zusammenhalt und die allererste Klasse einer Mannschaft ohne privilegierte Stars. Die Selección macht ihren Anspruch auf den Titelgewinn spielend, aber zu allem entschlossen geltend. Dass Deutschland in der Geschichte des Fußballs ein notorischer Pokaleroberer war, nehmen die Spanier zur Kenntnis. Mehr aber auch nicht.

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