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Skispringen : Die Vierschanzentournee ist international

Adam Malysz: „Die stärksten Oberschenkel der Tournee” Bild: dpa

Die internationale Vierschanzentournee macht ihrem Namen alle Ehre. Der Japaner Kasai siegte in Garmisch vor dem Russen Wassiliew, dem Polen Malysz und dem Finnen Ahonen.

          Andrej Stanowski riss die Arme hoch, und sprang höher in die Luft, als er sich zugetraut hätte. Die Freude musste raus. Es war einfach zu schön: sein Landsmann Adam Malysz war gerade 129,5 Meter weit gesprungen. Hundertneunundzwanzigeinhalb Meter. Sechseinhalb Meter über dem Schanzenrekord. Das gibt's doch nicht.

          Unglaublich. Andrej Stanowski hat schon viel erlebt. Aber so was? Der große, leicht gebeugte Mann mit der altmodischen Brille schüttelt den Kopf. Seit 16 Jahren berichtet der 60-jährige Journalist für das Krakauer Blatt „Dziemik Polski“ von der internationalen Vierschanzentournee. Noch nie hat einer seiner Landsleute gewonnen. Meistens muss er Siege der gastgebenden Österreicher und Deutschen, von Finnen oder Norwegern in die Heimat transportieren. Dazu Durchhalteparolen für die polnische Sturzflugtruppe.

          Wie der junge Weißflog

          Doch jetzt ist dieser Adam Malysz plötzlich da, und die große deutsch-österreichische Reporterherde rätselt. Wer ist das? Was macht der? Wo kommt der her? Schon in Oberstdorf hatte Malysz die Qualifikation gewonnen und Schanzenrekord gesprungen. Und jetzt schon wieder so ein Sprung.

          Andrej Stanowski kennt Malysz fast so gut wie seinen Sohn. Adam Malysz (23) war vor vier Jahren schon einmal auf dem Sprung in die Weltspitze, gewann damals sogar drei mal. Allerdings bei nicht ganz so wichtigen Wettkämpfen zum Saisonausklang, als sich keiner mehr so recht fürs Skispringen interessierte. Im darauffolgenden Winter war der schmale Mann mit dem schütteren Schnurrbart, der optisch an den frühen Jens Weißflog erinnert, wieder in Vergessenheit geraten.

          „Er hat zu früh eine Tochter bekommen“

          „Es war ein Jammer“, schimpft Stankowski noch heute über den Durchhänger seines Lieblings. „Adam hat damals geheiratet und gleich eine Tochter bekommen, Karolina. Viel zu früh, er ist doch noch so jung.“ Für Skispringen hatte Malysz danach den Kopf nicht frei. War viel zu unkonzentriert. Außerdem wollte er noch studieren, Ingenieur werden oder so etwas.

          In dieser Saison ist alles anders geworden. Malysz ist hauptberuflich Skispringer. Der polnische Verband baute professionellere Strukturen auf, die das ermöglichen. Neben den Trainern kümmern sich ein Physiologe und ein Psychologe um die Springer. Außerdem hat die Skifirma Elan besseres Material gestellt. Kopf frei, Ski gut, und die Kraft stimmt ohnehin. „Malysz hat die stärksten Oberschenkel der gesamten Tournee“, behauptetder Journalist. Nur deshalb kann er seine Wahnsinnssprünge überhaupt stehen. Wenn auch meist mit Haferl-Landung, was Abzüge bei den Haltungsnoten gibt

          Gute Polen-Performance

          Dieses Manko kostete ihm den Sieg in Garmisch-Partenkirchen. Der elegante Noriaki Kasai segelt zwar nur auf 122 Meter, aber er sieht schöner dabei aus. Hohe Haltungsnoten und der Vorsprung aus dem ersten Durchgang reichen für den Japaner. 3,4 Punkte Vorsprung. Andrej Stankowski reißt sich die Mütze vom Kopf. Wieder kein Sieg für seinen Adam. Dann schiebt sich auch noch der Russe Dimitri Vassiliev auf Platz zwei.

          Malysz also trotz Schanzenrekord nur Dritter. Er ist trotzdem „glücklich über diesen Sprung.“ Sein Dolmetscher Jerzey Zoloidz, der Psychologe im polnischen Team, sagt: „good Performance“. Adam Malysz vom Skiclub Wisla aus dem Dreitausend-Seelen-Dorf Wisla ist hinter Kasai Zweiter in der Gesamtwertung. Neun Punkte vor Martin Schmitt.

          Schwache Schmitt-Show

          Schmitt gibt gelassene Interviews, während die Siegerehrung noch läuft. Das ist ungewöhnlich, meistens steht er ja auf dem Podest. Diesmal also nur Achter. Aber in Innsbruck will er wieder angreifen. In Garmisch war seine Performance mittelmäßig. Er hatte auf den Qualifikations-Sprung verzichtet und damit seine Fans vor den Kopf gestoßen, die ihn springen sehen wollten. Taktik ging vor. „Weil er gerne am Ende des Feldes springt“, erklärte sein Heimtrainer Steiert. Da am Samstagnachmittag der Wind schlecht stand, hätte es für einen vorderen Platz kaum gereicht. So nahm er mit dem 50. Platz vorlieb.

          Das Duell zwischen dem 50. und dem Ersten ist die letzte Paarung. Und wieder wurde der Wind ungünstig. Falsch gepokert. Schmitt schafft nur 115 Meter und verliert das K.O.- Springen gegen Adam Malysz (117 Meter). Nur als „lucky looser“ zieht Martin Schmitt ins Finale ein. Der Jubel der Fans wird leiser, die lila Kappen verblassen ein bisschen. „Unser Martin ein Looser?“

          Bundestrainer nicht beunruhigt

          Bundestrainer Reinhard Heß findet das Ergebnis nicht schlimm: „Es ist gut für das Skispringen, wenn viele Nationen vorne mit vertreten sind.“ Hintergrund: Der internationale Skiverband (FIS) hatte im Sommer ein Aufbauprogramm für die kleinen Verbände gestartet, damit sie konkurrenzfähig werden. Der SC Hinterzarten spendierte dem russischen Verband sogar ein zehntägiges Trainingslager. Davon profitierte Dimitri Vassiliew, der sich dafür mit dem zweiten Platz bedankte. Wassiliew ist ein völlig unbeschriebenes Blatt im Sprungzirkus. Auf der FIS-Liste fehlt sein Geburtsdatum, Erfolge: keine. Sogar Andrej Stankowski wundert sich. Wer ist denn dieser Russe?

          Quelle: @ad

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