Auch strahlender Sonnenschein kann trügerisch sein. Während sich 22.500 erwartungsfrohe Zuschauer im Zielraum der Snowbasin Ski Area sonnten, verwehte ein kräftiger Wind auf dem oberen Streckenabschnitt der Wildflower-Piste mit rund 35 Stundenkilometern die Damenabfahrt.
Kein übermäßiger Sturm, aber genug, um den Wettkampf zunächst von 10 auf 12 Uhr zu verschieben und dann ganz abzublasen. Die Jury entschied sich aus „Gründen der Fairness und der Sicherheit für die Absage“, teilte John Dakin mit, der Wettkampf-Pressechef des IOC. Es gibt keine festgelegte Windgeschwindigkeit, ab der abgesagt werden muss, sondern es liegt jeweils im Ermessen der Jury.
Rückenwind sorgte für die Absage
„Oben ist Rückenwind“, erklärte Ex-Olympiasieger Markus Wasmeier gegenüber FAZ.NET den Grund der Absage: „Der bläst die Mädchen zu nah an den Sprung heran. Das könnte gefährlich werden.“ Wann der Neustart erfolgen soll, ist noch unklar. Die Jury will sich um 17 Uhr Ortszeit zusammensetzen, um einen neuen Termin zu vereinbaren.
„Wir müssen erst mal durchatmen“, sagte der deutsche Damen-Cheftrainer Wolfgang Maier nach der ersten Absage eines Wettkampfs bei diesen Winterspielen. Seine Schützlinge nahmen den Spannungsabbau gelassen hin: „ Das sind sie gewohnt, es ist eben ein Freiluftsport“, erklärte DSV-Pressesprecher Ralph Eder. Der Tagesablauf sollte deshalb „as usual“ sein: erst mal runter vom Berg, kochen, essen und am Nachmittag individuelles Programm, das Joggen, Radfahren oder Physiotherapie beinhaltet.
Die Last liegt auf Hilde Gerg
Alle deutschen Abfahrerrinnen sind grundsätzlich gut in Form, keine ist verletzt, und eine Medaille ist durchaus im Bereich des Möglichen. Dabei haben die deutschen Mädchen das Erbe von Katja Seizinger zu verteidigen, die sowohl 1994 in Lillehammer als auch 1998 in Nagano die Goldmedaille gewann.
Die Last der deutschen Serie trägt in erster Linie Hilde Gerg, die in dieser Saison schon zwei Abfahrten und zwei Super-G gewonnen hatte. Doch die nach einem Schien- und Wadenbeinbruch aus dem Jahr 2000 zurück in die Weltspitze gekehrte Slalom-Olympiasiegerin von Nagano lässt sich auch davon nicht nervös machen.
Wildflowers für wilde Hilde
„Die Strecke ist Olympia-würdig“, sagte Gerg über die von Bernhard Russi konzipierte Wildflower-Piste, die technisch anspruchsvoll, aber nicht besonders schwierig ist. Ob auf ihr neben Wildblumen auch Medaillenträume der „wilden Hilde“ blühen, „das wird man sehen.“ Mitfavoriten sind neben ihr die Österreicherin Renate Götschl, die den zweiten Trainingslauf gewann, ihre Landsfrau und Weltmeisterin Michaela Dorfmeister, die Weltcupführende Isolde Kostner aus Italien und nicht zuletzt die US-Girls um Altstar Picabo Street, die schon 1994 Silber gewann und hier den ersten Trainingslauf.
„Es gibt fünf Favoriten, doch bei Olympia weißt Du nie, da kann plötzlich eine von hinten kommen, mit der Du nicht rechnest“, sagte Ex-Weltmeister Armin Bittner, der die olympischen Rennen als ZDF-Experte kommentiert. „Training ist nicht Wettkampf, aber wenn Du hier vorne dabei bist, ist das schon ein gutes Zeichen“, gab sich der frühere Olympiasieger Markus Wasmeier im Bezug auf die deutschen Chancen erwartungsfroh.
Martina Ertl mächtig sauer
Im ersten Training war Sybille Brauner Dritte geworden, im zweiten Hilde Gerg Vierte. Dazu machte Martina Ertl als Sechste auf sich aufmerksam. „Ich habe wieder Spaß am Skifahren, aber Erwartungen habe ich keine“, sagte die Kombi-Weltmeisterin, die aber trotzdem nicht für die Spezial- Abfahrt nominiert wurde und darüber mächtig sauer war.
„Das finde ich absolut unfair, und da bin ich schon ein wenig sauer auf meine Trainer. Das Warum kann ich mir nicht ganz erklären. Ich kann überhaupt nicht verstehen, dass ich nicht fahren darf“, sagte die vor den Spielen in einer Formkrise steckende Kombinations-Weltmeisterin und wunderte sich: „Es stinkt mir gewaltig, dass noch nicht einmal darüber gesprochen wurde. Es wurde einfach so geregelt.“
Cheftrainer Wolfgang Maier verteidigte die Aufstellung mit Hilde Gerg, Petra Haltmayr, Regina Häusl und Sibylle Brauner: „Ich will Martina nicht verheizen.“