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Siegertypen des Sportjahres 2012 Die Nacht der neun Millionen

 ·  Zwei unterschiedliche Typen finden zueinander und bilden ein perfektes Paar. Dank ihres Olympiasiegs im Beachvolleyball sind Brink und Reckermann vielgefragte Stars. Sie nähren die Hoffnung, ihrer Sportart neue Impulse zu geben – vielleicht bis Rio 2016.

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© dpa Londoner Gold-Jungs: Reckermann (links) und Brink feiern ihren Olympiasieg

Jonas Reckermann gab sich alle Mühe. Trotzdem haperte es hier und da mit dem neuen Partner, passten Abstimmung und Laufwege nicht immer, fehlte es an Konzentration und Spielverständnis. Tatsächlich fehlte es an noch viel mehr, nur an einem, da fehlte es nicht: an der Kommunikation. Das lag daran, dass die Kommunikation die stärkste Seite von Reckermanns neuem Partner war. Sein Name: Stefan Raab. Das Showspiel in dessen Fernsehsendung „TV Total“ gegen Julius Brink und eine Zuschauerin gewann das Ausnahme-Duo Raab/Reckermann am Ende trotzdem 5:4.

TV-Auftritte wie auch in „Menschen 2012“ im ZDF, Verleihung des Medienpreises Bambi, Goldenes Buch und Silbernes Lorbeerblatt und eine Sonderbriefmarke obendrauf - die Beachvolleyballer Julius Brink und Jonas Reckermann sind mächtig gefragt. So gefragt wie nur wenige Sportler ihres Fachs. „Was die beiden erleben“, sagt ihr langjähriger Trainer Jürgen Wagner, „ist gigantisch“. Schuld daran ist eine Sommernacht in London. Die Nacht der neun Millionen.

Laut ZDF verfolgten am 9. August 9,2 Millionen Menschen, wie Brink und Reckermann das olympische Finale gewannen. Bei Usain Bolts 200-Meter-Gold waren es nur wenig mehr. Es war eine im Beachvolleyball bisher unbekannte Dimension, in die Brink/Reckermann vorstießen. Auch wegen der Dramatik des Finales, den Momenten, in denen sie schon wie die Sieger aussahen und dann drei Matchbälle vergaben. Das, sagt Wagner heute, sei der einzige Moment gewesen während des Finales, „in dem mein Puls nach oben ging. Da dachte ich: Das muss jetzt nicht sein.“ Augenblicke später waren Brink/Reckermann dann Olympiasieger. Als erste Europäer. Und rannten über den Platz, so Brink, „wie die Irren“.

Goldnacht mit langer Vorgeschichte

Olympische Spiele haben für Sportarten wie Beachvolleyball, die sonst nicht in der ersten Reihe stehen, riesige Bedeutung. Sie sind die seltene Chance, ins breite öffentliche Bewusstsein vorzudringen, Momente zu schaffen, die Millionen Zuschauern in Erinnerung bleiben. So, wie das 2000 in Sydney bei Jörg Ahmann war. Ahmann gewann mit Axel Hager damals am Bondi Beach die erste olympische Beachvolleyball-Medaille für Deutschland. Jahrelang waren Ahmann/Hager danach das mit Abstand populärste deutsche Beachvolleyball-Duo. Heute ist Ahmann Leitender Bundestrainer im Beachvolleyball, und als solcher weiß er gut, dass die Gold-Nacht von London keineswegs nur aus diesem einen großen Moment bestand, als der sie vielen Fans im Gedächtnis bleiben wird.

Sondern, dass sie eine lange Vorgeschichte hatte. „Es war das Ergebnis perfekter Teamarbeit von Sportlern, Trainern und Betreuern“, sagt Ahmann. „Es war ein langfristiger Prozess. Sie hatten einen Plan, und den haben sie durchgezogen.“ Die konstanten Leistungen im olympischen Turnier, sagt Wagner, seien nichts anderes gewesen als der „Ausdruck der Arbeit in den letzten vier Jahren“. Das Timing dieser Arbeit war perfekt. Punktgenau im Finale kulminierten alle Anstrengungen, machten die jahrelange Vorbereitung und die individuelle Entwicklung der beiden den winzigen, aber wichtigen Unterschied.

Diese Entwicklung war vor allem bei Brink augenfällig. Der 30 Jahre alte Abwehrspezialist wurde früh als „Juwel“ gepriesen, vor Jahren schon sagte Volleyball-Ikone Frank Mackerodt: „Der Junge bringt einfach alles mit. Er hat einen super Aufschlag, Ballgefühl, Explosivität, einen starken Armzug, und er ist physisch so stark, dass er seine Leistung über einen langen Zeitraum halten kann.“ Doch Brink brachte noch mehr mit: Partylaune, kesse Sprüche, hitziges Temperament, unbändige Energie und große Emotionen. Brink war als „Heißdüse“ auf dem Feld verschrien, irgendwann tauchte der Spitzname „Foolius“ auf, vom englischen „fool“ (Narr). Die ehemalige Europameisterin Okka Rau befand über den WM-Dritten 2005 mal: „Der Beachvolleyballer Julius Brink ist ein Bekloppter, der Mensch Julius Brink ist klasse.“ 2006, Brink spielte gerade mit Christoph Dieckmann, beschlossen die beiden, dass pro Gelber Karte zehn Euro als Spende an ein SOS-Kinderdorf gehen sollten, pro Roter Karte 100. Mitte August stand Dieckmann bei zehn Euro - Brink bei 170. Ein gutes Jahr vor den Spielen in Peking 2008 sagte Brink in einem Interview: „Was soll ich drum herumquatschen, ich will auf jeden Fall eine Medaille. Und damit sich die Reise auch lohnt, am besten gleich Gold.“ In Peking wurden Brink/Dieckmann dann Siebzehnte - die größte Enttäuschung ihrer gemeinsamen Zeit. Kurz nach den Spielen tat sich Brink mit einem neuen Partner zusammen: Jonas Reckermann.

In ihm fand er die ideale Ergänzung. „Es gibt kaum gegensätzlichere Typen“, sagt Wagner, „aber in der absoluten Fokussierung auf die eigene Zielsetzung, im Anspruch, in jeder Minute das Maximale herauszuholen, sind sie sich sehr ähnlich.“ Der 33 Jahre alte Reckermann war schon 2002 und 2004 Europameister mit Markus Dieckmann, der heute ebenfalls im Trainerstab der beiden ist. Reckermann ist ein erfahrener, ein abgeklärter, ein oft unerschütterlich wirkender Spieler. Wagner hat ihn schon vor zwölf Jahren betreut, als er sich als junges Talent in den Leistungssport aufmachte. „Jetzt ist er einer der professionellsten Sportler und eine der größten Persönlichkeiten“, sagt Wagner. „Er hat eine Riesen-Entwicklung in Sachen Eigenverantwortlichkeit genommen.“

Ähnliches gilt für Brink. „Julius hat früher viel Energie verbraucht für den Schiedsrichter und anderes“, sagt Wagner. „Bei Olympia hat er den Fokus voll auf das Spiel und den Gegner gelegt.“ Aus „Foolius“ wurde „Coolius“. Auch wenn Brink das viel abverlangte. „Ich bin ja nicht der, der nur obercool übers Feld schlurft“, sagte er in London, „das ist für mich auch immer wieder eine große schauspielerische Leistung, die ich da vollbringen muss. Aber wenn ich Gefühlen und Gedanken immer freien Lauf lassen würde, würde ich durchdrehen.“

Andersdenken und Andersfühlen akzeptiert

So boten Brink und Reckermann in London eine sportlich wie menschlich reife Leistung. Sportlich, weil sie unglaublich kontrolliert und taktisch clever agierten. „Sie hatten eine wahnsinnige Konstanz im Aufschlag und eine große Variabilität“, sagt Ahmann. Und menschlich, weil sie es geschafft haben, ein stabiles Gleichgewicht zu finden im prekären Beziehungsgefüge eines Beachvolleyball-Paars, in dem die persönliche Ebene schnell zum Knackpunkt werden kann. Brink und Reckermann haben in diesem Spiel zwischen Nähe und Distanz, intensivem Miteinander und individuellem Rückzug, die richtige Mitte gefunden.

Beide, so beschrieb es im „Volleyball-Magazin“ Hans Voigt, ebenfalls Teil des Trainer-Teams vor London, hätten „eine hohe soziale Kompetenz, was sie dazu befähigt, das Anderssein, das Andersdenken und das Andersfühlen des Partners zu akzeptieren. Das ist in einer solchen Partnerschaft elementar wichtig. Nur dadurch ist es möglich, dass zwei Individualisten zu einem starken Team wachsen.“

Nun plant das starke Team für die Saison 2013, und auch schon darüber hinaus. 2016 steigt Olympia in Rio de Janeiro, und die Copacabana, sagt Reckermann, „haben wir noch nicht völlig aus den Augen verloren“ - wenn der Körper des verletzungsgeplagten Blockspezialisten bis dahin mitspielt. Alles andere spricht für vier weitere Jahre. „Der Sport gibt mir unheimlich viel, meine Familie steht dahinter, und mit Julius macht es super Spaß“, sagt er. Andersherum geben Brink/Reckermann auch dem Sport unheimlich viel. So mancher erhofft sich von ihnen neue Impulse für Beachvolleyball in Deutschland, stärkere, dauerhaftere Impulse als nach dem WM-Titel 2009, als der Gold-Effekt schon bald im Sande verlief.

Gratulationstour zwischen Gauck und Lanz

Das öffentliche Interesse ist deutlich gewachsen, das zeigt nicht nur die Gratulationstour zwischen Gauck und Lanz. Ihr Manager Klaus Kärcher erzählte vor kurzem die Geschichte, wie er einst potentiellen Interessenten erst erklären musste, was Beachvolleyball ist, und wie er bei Terminproblemen Sätze hörte wie: „Na, dann schicken Sie halt zwei andere aus der Mannschaft vorbei.“ Nun wissen mindestens 9,2 Millionen Menschen, dass Beachvolleyball zu zweit gespielt wird. Ahmann weiß, was für eine Chance seinem Sport da erwachsen ist. Der Bundestrainer setzt darauf, dass „der ein oder andere junge Spieler jetzt Lust bekommt, mehr Gas zu geben, zu schauen: Wie weit kann ich im Beachvolleyball kommen?“ In der Hoffnung, dass sich unter 9,2 Millionen vielleicht zwei finden, die zu einem ähnlich perfekten Paar heranreifen wie Brink und Reckermann.

Jeder Sportler geht aufs Feld, ins Wasser, in die Halle, in ein Spiel, in ein Turnier mit einem Ziel: Am Ende der Sieger zu sein. Doch ein Sieger ist nicht gleich „ein“ Sieger. Alle haben sie ihre eigene Geschichte. Auch 2012 haben sie uns begeistert, bewegt, polarisiert, bewiesen, dass sie echte Siegertypen sind. Die F.A.Z. stellt sie vor und blickt auf ihre außergewöhnlichen Leistungen zurück.  

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1970, Sportredakteur.

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