10.01.2003 · Mizt einem Schuss von Dieter Bohlen startete das 39. Bremer Sechstagerennen. Doch das Sixday-Spektakel wird mancherorts zum heiklen Geschäft.
Von Frank HellmannNur Prominenz darf zur Schreckschusspistole greifen. Wenn mit einem lauten Knall das Bremer Sechstagerennen angeschossen wird, muss das jemand sein, der die Massen anzieht.
Einer wie Dieter Bohlen. Der König des Boulevards reiste von einer Hansestadt in die andere, um pünktlich um 21 Uhr am Donnerstag die 24-Radprofis auf die Reise durch die sechs Nächte zu schicken.
Bohlen lächelte gekonnt und scharte die Fotografen um sich und seine Freundin Estefania. Bohlen steht für Sixdays-Chef Frank Minder auf einer Stufe mit Florence Griffith-Joyner (1989) und Peter Maffay (1994), den bisherigen Startschuss-Highlights. „Das war einen Medienauftrieb ohne Ende“, freute sich Minder.
Medienauftrieb wegen Dieter Bohlen
Auch weil Bohlen die aktuelle Naddel- und Verona-Nachfolgerin Estefania im Schlepptau hatte. Eine Lesung aus „Nichts als die Wahrheit“ ersparte sich das Selbstvermarktungs-Multitalent im Anschluss in der Vip-Loge. Sagte aber, dass er Fahrräder ganz schön findet (“Ich habe vier Stück.“), dass er aber die Bremer Sixdays in seinem neuen Buch nur erwähnen wird, „wenn mich nachher eine Rennfahrerin vergewaltigt.“
So weit ist es nicht gekommen. Seit 39 Jahren findet das Bremer Sechstagerennen ohne Frauen-Konkurrenz statt. Der sportliche Leiter Patrick Sercu wird daran nichts ändern: Sercu wird ja nicht müde, jahrein, jahraus zu predigen, dass eben die ausgezeichnete Besetzung an männlichen Radfahrern die erwarteten 130.000 Zuschauer in die Hallen auf der Bürgerweide, gleich gegenüber dem Bremer Bahnhof, anzieht.
Klaus&Klaus sorgen für die Bespaßung
Das ist nur ein kleiner Teil der Wahrheit: Die Fahrer kommen gern, weil es nirgendwo so viel zu verdienen gibt wie in Bremen. Warum dort aber fast doppelt so viele Zuschauern hin pilgern wie bei den Veranstaltungen in Dortmund, München oder Stuttgart ist ein bis heute eigentlich unerforschtes Phänomen. „Die Mischung von Sport und Show“, sagt Klaus Baumgart.
Der dicke Teil von „Klaus & Klaus“ gilt als der wahre Star der Sixdays - auch wenn ihn Bohlen ganz schrecklich findet (“Meine Söhne wollten ständig den 'Eiermann' hören - grauenvoll.“). Mit der Meinung hat sich Bohlen isoliert. Längst strömen die Menschen nicht zur entscheidenden Jagd in die große Halle 1, sondern eine Stunde nach Mitternacht, um bei „Nordseeküste“ oder „Eiermann“ mitzuschunkeln. Baumgart ist Institution und fast wichtiger als Minder und Sercu und alle Radprofis zusammen.
In den Hallen geht es ab
Das Showprogramm kann sich sehen lassen: Die Unterhaltung für bierseliges Publikum in übervollen Gängen und staunende Prominenz in den Logen übernehmen Idole der seligen Achtziger. „In den Hallen wird es abgehen, dass der Hund jammert“, sagt Baumgart. Aller vollmundigen Ankündigungen zum Trotz: Auch Bremen wäre froh, den Standard zu halten - in allen Umsatzbereichen.
Andernorts waren bis zu zehnprozentige Einbußen zu beklagen. In München sank die Zuschauerzahl auf 73.000. Dennoch zog Wilfried Spronk, Leiter der Olympiapark GmbH, ein positives Fazit: „Auch wenn die Leute ihren Euro drei Mal umdrehen, haben wir wieder einen Gewinn gemacht.“
Kurzweilige Unterhaltung
Die massenhafte bremische Volksbelustigung hat immerhin ihren stabilen Preis: Bier im Becher kostet drei Euro, Eintritt allein 35.„Das ist es wert“, behauptet Minder. Denn sportlich ähneln sich die rasenden Rundenfahrten auf dem Radoval in den einzelnen Städten Deutschlands. Es ist spannend, meist bis zum Schluss der finalen Jagd, rasend schnell und niemals so langweilig wie bei einer langen Flachland-Etappe der Tour de France.
Längst mischen Jagden, Punktefahrten, Sprints oder Derny-Rennen den sportlichen Teil der Sixdays unterhaltsam auf. Als Kontrastprogramm zur Tour gewinnt auch Jahr für Jahr nicht immer derselbe. Bruno Risi und Kurt Betschart sind indes nicht nur Titelverteidiger und Topfavoriten in Bremen und seit November, als sie in Gent ihren 30. Gesamtsieg einfuhren, auch einsame Rekordhalter.
Begrenzte Expansion
Es gab Zeiten, da sahen auch Köln oder Münster solche Stars. Doch die Expansionsgedanken sind längst passé. Eishockey und Handball erobert gerade die neue Arena in Hamburg, auch in Kiel erscheint eine Installation der Sixdays schwierig. Längst hat das Spektakel Sechstagerennen seine eigenen Grenzen gespürt. Während sich die bekanntesten Radprofis auf Mallorca oder anderswo in warmen Gefilden für die lange Straßensaison in Form bringen, fällt es schwer, den Sixdays-Kalender auszudehnen.
Keine Rennen mehr in Zürich und Mailand
Rückläufige Zuschauerzahlen und wirtschaftliche Schwierigkeiten haben zu einer Ausdünnung des Terminkalenders geführt. Nur noch acht Mal können Spezialisten wie Risi/Betschart verdienen: Nach Amsterdam, Dortmund, Grenoble, München, Gent und Bremen geht es noch in Stuttgart und Berlin weiter. Eine allgemeinen Abwärtstrend sieht Spronk, der Macher in München, nicht: „Es gibt in diesem Geschäft immer ein leichtes Auf und Ab. Wir sollten nicht immer nur jammern.“
Aber früher hatten die Fahrer noch viel mehr zu tun und kamen weit herum in Europa. Doch Zürich oder Mailand tauchen nicht mehr auf der Liste auf. Das Traditionsrennen in der Schweiz zog zuletzt nur noch 31.000 Zuschauer an und fuhr einen Verlust von 250.000 Franken ein. Wenigstens in Amsterdam gelang im Vorjahr die Wiederbelebung.
Dach in Kopenhagen eingestürzt
Eigentlich wären die Sixdays-Spezialisten 2003 zum Jahresabschluss nach Kopenhagen gekommen. Doch das Dach des neuen Radstadions in Kopenhagen brach am Morgen des 3. Januar ein. Aus noch ungeklärter Ursache stürzten zwei Hauptpfeiler der „Siemens Arena“ auf die Holzbahn. Das Sechstagerennen, das vom 31.Januar an in der dänischen Hauptstadt stattfinden sollte, musste abgesagt werden.
Im letzten Jahr fanden dort noch die Bahn-Weltmeisterschaften statt. Der Chef des Kopenhagener Sechstagerennens Henrik Elmgreen war bei der Begutachtung des Schadens entsetzt: „Das ist eine Katastrophe für den Radsport, nicht nur für die Sixdays.“ Aber irgendwie auch bezeichnend.