29.09.2004 · Deutschlands Vorzeige-Schwimmerin sagt, sie habe während ihrer Karriere jahrelang unter schweren Eßstörungen gelitten. Ursache sei der ständige Erfolgsdruck gewesen.
Schwimm-Weltrekordlerin Franziska van Almsick hat in langen Jahren ihrer sportlichen Laufbahn unter schweren Eßstörungen gelitten. Das bekannte die 26jährige Berlinerin in einem Interview.
Die Probleme hätten Ende 1995 vor den Olympischen Spielen in Atlanta eingesetzt. Der enorme Druck zu siegen, straffe Schul- und Trainingspläne und das Gefühl, nur noch fremdbestimmt zu sein, hätten sie „wahnsinnig überfordert. Alles, was ich wollte, war: mich frei machen, selbst bestimmen können. Und das Essen war mein Mittel, um über mich selbst zu bestimmen“.
„Traurig, daß ich so viele Leute enttäuscht habe“
Daß sie zum Abschluß ihrer Karriere bei den Olympischen Spielen in Athen kein Gold geholt hat, daran werde sie „bestimmt noch eine Zeit lang knabbern. Ich bin eben die Unvollendete. Ich war traurig, daß ich so viele Leute enttäuscht habe.“ Jetzt sei es an der Zeit, etwas zurückzugeben. Sie werde ihr Wissen und ihre Erfahrung an andere weitergeben. Zum Jahresende will sie eine Schwimmakademie gründen.
Im Rückblick auf ihre Ernährungsprobleme sagte Franziska van Almsick, sie habe sich erst im Winter 1998 entschlossen, professionelle Hilfe in einer Therapie zu suchen. „Das war meine Rettung.“ Latent sei sie zwar nach wie vor gefährdet, könne aber damit umgehen. Davor habe sie sich von Salzstangen „und mal einem Äpfelchen, mal auch nur ein halbes“, ernährt. „Und zum Frühstück ein Bonbon.“ Es sei von niemandem thematisiert worden, dass sie bei einer Körpergröße von 1,80 Meter nur 60 Kilogramm gewogen habe.
„Ich bin okay. Ich finde mich nett“
„Im Leistungssport gilt es ja, im Gegenteil, als toll, wenn du nichts wiegst - weniger Wasserverdrängung“, sagte sie. Und erklärte sich im nachhinein für glücklich, „durch die Therapie die Chance gehabt zu haben, sich selbst zu begegnen. Ich habe erkannt: Ich bin okay. Ich finde mich nett. Ich bin kein schlechter Mensch.“ Die Eßstörungen sind ein zentrales Thema ihrer Autobiografie „Aufgetaucht“, die an diesem Donnerstag erscheint.
Zu Beginn ihrer Karriere habe sie auch darunter gelitten, was mit ihrer Familie durch ihre Erfolge passiert sei. Ihre Mutter habe sich eine Zeit lang am Telefon nur noch mit ihrem Mädchennamen gemeldet, ihr Bruder habe sich ein Pseudonym zugelegt, „weil die Leute durchgedreht sind. Überlegen Sie doch mal, in jungen Jahren, mit 14, 15, überhole ich meinen Bruder, überhole ich meine Eltern, ich verdiene mehr Geld als sie. Und sehe doch, daß sie von früh bis spät arbeiten. Allein die Werbeverträge, mit denen ich kurz nach der Wende nach Hause kam. Das war mir peinlich.“