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Schwimmen Die Faszination des Scheiterns

18.08.2004 ·  Das Rennen, das zum größten ihrer Karriere werden sollte, wurde zur großen Niederlage für Franziska van Almsick. Eine Kapitulation - vor sich selbst und vor Millionen Deutschen.

Von Gerd Schneider, Athen
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Franziska van Almsick wird in ihrem Leben noch oft an diesen lauen Sommerabend von Athen denken: den Tag, an dem ihr letzter Anlauf scheiterte, über 200 Meter Freistil die Goldmedaille zu gewinnen. Vielleicht wird sie sich wünschen, den 17. August 2004 aus ihrem Leben zu streichen, einfach wegzuradieren wie einen überflüssigen Strich auf einer Zeichnung. Und sie wird sich noch oft fragen, warum sie nicht zwei Jahre und vierzehn Tage früher zurückgetreten ist, am 3. August 2002, dem größten Tag ihrer Karriere. Damals gab sie bei der Europameisterschaft in ihrer Heimatstadt Berlin ein elektrisierendes Comeback und verbesserte ihren Weltrekord - wäre das nicht ein würdiger Abschluß gewesen?

Hätte sie sich nicht zwei Jahre Trainingsfron sparen können? Sie hätte. Aber das hätte, so merkwürdig es klingt, nicht zu ihr und ihrer Geschichte gepaßt. Bezog die Laufbahn des einstigen Wunderkindes nicht ihre eigentliche Faszination aus dem Scheitern? Wurde die Berlinerin, nach ihrem kometenhaften Aufstieg bei den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona, nicht vor allem wegen ihrer tragischen Auftritte geliebt?

Symbolische Geste der Auflehnung

So wie der am Dienstag. Im Grunde genommen war ihre Niederlage ja längst besiegelt, als sie um zwanzig vor acht Athener Zeit das Olympische Schwimmstadion betrat. Sie stand ihr ins Gesicht geschrieben. Franziska van Almsick wußte, daß sie nicht die Kraft hatte und die Form, um ihr letztes großes Ziel zu erreichen. Schon in den Vor- und Zwischenläufen war sie merkwürdig schwerfällig durch das Wasser gezogen, kein Vergleich zu 2002, da war sie geflogen. Je näher der Tag X rückte, um so mehr verkrampfte sie. Als es am Dienstag abend an den Start ging, erschien sie mit einem großen Kopfhörer über den Ohren und einem tragbaren CD-Spieler.

Wie der Amerikaner Michael Phelps, der sich mit Rap-Musik in Stimmung bringt. Vielleicht war das eine symbolische Geste der Auflehnung gegen das drohende Scheitern, eine kleine Verzweiflungstat. 100 Meter lang schwamm sie an gegen die inneren Widerstände, sie lag sogar in Führung. Doch dann ging ihre Energie zu Ende. Sie fiel zurück und schlug als Fünfte an mit einer Zeit von 1:58,88 Minuten. Die Goldmedaille gewann die Rumänin Camelia Potec in 1:58,03. Eine Zeit, über die sie lache, sagte Franziska van Almsick. Ihr Weltrekord steht bei 1:56,64.

"Ich merke keine Anspannung, ich merke gar nichts"

Das Rennen, das zum größten ihrer Karriere werden sollte, wurde zu ihrer letzten großen Niederlage. In Wirklichkeit war es eine Kapitulation - vor sich selbst und vor Millionen Deutschen, die "zu Hause vor der Glotze saßen und mir die Daumen drückten", wie sie später sagte. 1996, bei den Spielen von Atlanta, war sie auch am Druck gescheitert. Den Weg zu Gold versperrte ihr Claudia Poll aus Costa Rica, die später des Dopings überführt wurde. Auch diese Geschichte gehört zu den merkwürdigen Wendungen in der Biographie der Berlinerin. Damals reagierte sie erschüttert auf die Niederlage, mit trotziger Wut. Vier Jahre später in Sydney, bei ihrem nächsten Anlauf, hatte sie nur noch eine Gegnerin, sich selbst. Sie schied im Halbfinale aus, nicht fit und nicht in Form. Sie floh aus der Halle und mußte von Funktionären überredet werden, in den anderen Disziplinen überhaupt noch an den Start zu gehen. Später sagte sie, Sydney sei ein Albtraum für sie gewesen.

Am Dienstag reagierte sie überhaupt nicht. Sie stieg aus dem Wasser und erklärte mit maskenhafter Gleichgültigkeit, daß sie nichts fühle und daß sie wieder einmal am Druck gescheitert sei. Selbst am Tag danach war diese Betäubung noch nicht gewichen. "Ich merke keine Anspannung, ich merke gar nichts", sagte die Sechsundzwanzigjährige am Mittwoch nach den Vorläufen, "immerhin ist es das erste Mal in meiner Karriere, daß ich mir nichts vorzuwerfen habe."

Schwimmen vom Chlorgeruch befreit

Die Tragik in Franziska van Almsicks Fall liegt darin, daß sie ihre ganze Karriere lang davon geträumt hat, sich von den Fesseln der öffentlichen Erwartungshaltung zu befreien. In den vergangenen zwei Jahren behauptete sie bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit: "Ich habe gelernt, daß ich im Falle einer Niederlage auch kein schlechterer Mensch bin." Sie behauptete das verdächtig oft.

Franziska van Almsick, in Schwimmerkreisen nur Franz genannt, hat auch in Athen mehrmals ihren Rücktritt angedeutet. Ob sie für das Leben ohne Schwimmen und ohne durchgeplanten Alltag reif ist, weiß sie nicht. Sie weiß auch noch nicht, was sie künftig tun wird. Für ihren Sport ist ihr Rücktritt ein großer Verlust. Die Berlinerin, der erste gesamtdeutsche Star des vereinten Landes, hat das Schwimmen vom Chlorgeruch befreit und auf der großen Bühne salonfähig gemacht. Sie war viel mehr als eine großartige Schwimmerin. In Jana Hensels Erfolgsbuch "Zonenkinder" heißt es über sie: "So brachte uns Franz bei zu siegen. Die zweite Lektion, die sie uns erteilte, sollte ein wenig später das Verlieren sein. Auch das haben wir von Franz gelernt."

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.08.2004, Nr. 192
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