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Schwimm-WM Die Frau, die die Australier fürchten

 ·  Weil sie im vergangenen Sommer aus dem Hintergrund in die Weltspitze schwamm, schlägt ihr in Australien Misstrauen entgegen. Wie die Schwimmerin Britta Steffen mit ihrer Rolle als WM-Favoritin umgeht, berichtet Gerd Schneider aus Melbourne.

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Nein, Britta Steffen sieht nicht aus, als würde sie gerade ein Flow-Erlebnis haben. Im Trainingsanzug sitzt sie im engen Presseraum der Rod-Laver-Arena, den sie wegen seiner halbrunden Form „Theaterchen“ nennen. Dutzende Fernsehkameras und Fotoobjektive sind auf sie gerichtet, etwa 50 Journalisten schauen sie an, die meisten von ihnen sind wegen ihr gekommen. Sie schnauft ein paarmal durch. Sie reibt die Hände unter dem Tisch aneinander. Sie fühlt sich unbehaglich, sie mag diese Auftritte nicht. Seit Wochen meidet die 23 Jahre alte Schwimmerin die Öffentlichkeit. Aber dieses Mal hat sie keine Wahl. Es sind Weltmeisterschaften in Melbourne. Sie ist die Weltrekordhalterin über 100 Meter Freistil. Sie ist die Frau, die die Australier fürchten.

Es ist die erste Begegnung der australischen Journalisten mit ihr. Für die Medienleute muss das eine verstörende Erfahrung sein. Denn Britta Steffen spricht nicht so, wie Schwimmerinnen sprechen. Sie redet nicht über ihre Stärken. Sie sagt auch nicht, dass sie sich auf die WM in der berühmten Tennisarena freue.

„Druck als Bewusstseinsfrage“

Stattdessen spricht sie darüber, wie sie versucht, den Druck und das Misstrauen auszuhalten, die ihre unerwarteten Erfolge im vergangenen Jahr erzeugt haben. Und über ihr „Kopf-Training“ mit einer Berliner Psychologin. Und über ihr „Motivationsbuch“, in dem sie täglich lese. Das Buch hat ein amerikanischer Glücksforscher namens Mihaly Csikszentmihalyi geschrieben. Es trägt den Titel „Das Flow-Erlebnis“. Es geht darin um Selbstbestimmung, um Balance und um ein Tun, das sich selbst genügt. Sie sagt: „Druck ist in gewisser Weise eine Bewusstseinsfrage. Ich habe einen Weg gefunden, damit umzugehen.“

Am 2. August 2006 verbesserte sie in Budapest den Weltrekord über 100 Meter auf 53,30 Sekunden. Glaubt man ihr, hat sich ihr Leben seitdem kaum verändert. Sie wohnt noch immer in ihrem Zimmerchen im Berliner Sportforum Höhenschönhausen, und sie arbeitet sich weiter an dem Spagat von Sport und Studium ab. Aber sie tritt jetzt bei Gottschalk in „Wetten, dass . . . “ auf, sie wirbt für ein Telekommunikationsunternehmen, und sie muss, wie sie am Freitag in Melbourne sagt, „oft für die Presse zu sprechen sein“. Sie wird, wenn nichts dazwischen kommt, eine der wichtigsten deutschen Figuren bei den Olympischen Spielen im nächsten Jahr in Peking sein.

„Es könnte sein, dass die Zuschauer pfeifen“

Aber Britta Steffen sieht an diesem glühend heißen Morgen nicht so aus, als habe sie das alles gewollt. „Ich stehe unter ziemlichem Druck“, sagte sie vor kurzem in einem Interview mit der „Berliner Zeitung“, „ich denke oft genug: Warum mache ich noch den dämlichen Sport?“ Die häufigste Frage, die Britta Steffen seit der Europameisterschaft beantworten muss, ist die nach Doping. Das ist in Melbourne nicht anders. Also betet sie wieder herunter, dass sie nicht mehr tun könne, als sich immer wieder testen zu lassen: „Man muss proaktiv mit dem Thema umgehen“, sagt sie und sieht Annika Lurz an, die neben ihr sitzt.

Auch die 27 Jahre alte Würzburgerin gehörte in Budapest zu den beiden Freistilstaffeln (4×100 und 4×200 Meter), die bei der EM den Weltrekord verbesserten. Sie hat einen ähnlich steilen Aufstieg hinter sich. In Melbourne wird sie über 200 Meter Freistil den magischen Rekord von Franziska van Almsick (1:56,64 Minuten) angreifen. Australische Zeitungen brachten die beiden in den letzten Tagen mehr oder minder unverhohlen mit Doping in Verbindung. Manche sprechen schon von einem Psycho-Krieg. Britta Steffen sagt, dass sie die Berichterstattung nicht verfolge. Sie und die anderen aus dem Team scheinen vorbereitet zu sein auf das, was kommt. „Es könnte sogar so sein, dass die Zuschauer pfeifen, wenn wir am Sonntag bei der 4×100-Meter-Staffel auf den Startblock steigen“, sagt Örjan Madsen, der besonnene Sportdirektor des Deutschen Schwimm-Verbandes.

„Da schlackern mir die Füße“

Annika Lurz ist aus härterem Holz geschnitzt als Britta Steffen. Sie sagt, sie spüre keinen Druck. Ihr Ziel ist, die persönliche Bestzeit zu verbessern. Die liegt seit dem Rennen bei den deutschen Wintermeisterschaften im November nur noch neun Hundertstelsekunden über van Almsicks Weltrekord. Auch die Frage nach ihrem für Schwimmer-Verhältnisse hohen Alter bringt sie nicht aus der Ruhe. Sie sagt: „Als ich 18 war, habe ich wegen einer Schulterverletzung vier Jahre mit dem Schwimmen ausgesetzt. Erst 2002 habe ich wieder mit dem Training begonnen und mich Schritt für Schritt gesteigert.“

Britta Steffen hat eine andere Geschichte. Sie galt schon im Teenager-Alter als „neue Franzi“. Doch dann bekam sie psychische Probleme. Die hat sie, wie sie sagt, inzwischen im Griff. Doch noch heute wirkt sie sensibel und verletzbar. Wie stark sie ist bei der WM in Melbourne, „dem wichtigsten Wettkampf“ ihres Lebens, das ist die große Frage. Sie hat seit der EM im Sommer einen einzigen Wettbewerb bestritten, bei den Winter-Meisterschaften in Hannover; und auch dort nur eingeschränkt. Beim ersten Vorbereitungs-Trainingslager in der Höhenluft der Sierra Nevada zog sie sich eine Fingerverletzung zu und musste pausieren. Beim zweiten Lehrgang im Februar entschied sie sich für das Flachlandtraining auf Gran Canaria. Von dort reiste sie eine Woche früher zurück, weil ihr das Wasser nicht warm genug war. Auch ihren Start bei einem letzten Testwettkampf kurz vor der Abreise nach Australien sagte sie ab – wegen einer Schulterverletzung. Inzwischen sollen alle Probleme behoben sein.

In der mit 14.000 Zuschauern gefüllten Rod-Laver-Arena erwartet sie beim Staffelrennen (Sonntag, ca. 12.30 Uhr MESZ) an diesem Sonntag einen „Hexenkessel“. Sie hofft, dass sie, wie in Budapest, eines dieser Flow-Erlebnisse hat: das Gefühl, dass etwas ganz Besonderes mit einem geschieht. Den Blicken der Gegnerinnen wird sie ausweichen. „Da schlackern mir die Füße“, hat sie vor kurzem gesagt. Doch man sollte sich nicht täuschen lassen. Wer so offen über seine Schwächen sprechen kann, muss stark sein.

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23.03.2007, 15:27 Uhr

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