21.07.2011 · Schön für Cesar Cielo, schlecht für den Schwimmsport: Der Freispruch für den brasilianischen Olympiasieger erweckt den Eindruck, dass die Bestrafung von Dopingvergehen Auslegungssache sei.
Von Bernd SteinleEs war einer der bewegenden Momente der olympischen Schwimm-Wettbewerbe 2008 in Peking, als der Brasilianer Cesar Cielo, nach Gold über 50 Meter Freistil, bei der Siegerehrung von seinen Gefühlen übermannt wurde. In diesen Tagen bewegt Cielo nun die Schwimmwelt wieder – im negativen Sinn. Der Nationalheld im Land der Olympischen Sommerspiele 2016, inzwischen Weltmeister und Weltrekordhalter über 50 und 100 Meter Freistil, wurde wie drei Teamkollegen positiv auf das verbotene Diuretikum Furosemid getestet, mit dem die Einnahme von Dopingpräparaten verschleiert werden kann.
Dem brasilianischen Verband (CBDA) versicherte Cielo seine Unschuld, ein verunreinigtes Nahrungsergänzungsmittel sei die Ursache. Die Herstellerfirma wies diese Möglichkeit zurück, der CBDA zeigte sich dennoch gnädig – und beließ es bei Verwarnungen. Mit anderen Worten: Ein klarer Fall von ein bisschen schuldig.
Das wollte der Schwimm-Weltverband (Fina) nicht hinnehmen. Die Fina hatte zuletzt viel Kritik einstecken müssen, weil sie im vergangenen Jahr den Spanier Rafael Munoz trotz dreier verpasster Dopingtests mittels eines fragwürdigen ärztlichen Attests davonkommen ließ, woraufhin er in Budapest prompt Europameister wurde.
Nun prüfte die Fina die Causa Cielo genau – und entschied sich, Einspruch vor dem Cas zu erheben, um eine Sperre zu erwirken. So zog Cielo samt amerikanischem Top-Anwalt vor das Panel des Internationalen Sportgerichtshofes (Cas) – und bekam Recht: Der Cas bestätigte die Verwarnungen und sprach nur gegen den Teamkollegen Vinicius Waked eine Einjahressperre aus, weil es sein zweites Dopingvergehen war.
Merkwürdigkeiten bleiben
Die Gründe für die Entscheidung will das Panel in einigen Wochen nachliefern – weit nach der WM. Das ist schade, denn so bleiben viele Fragen offen. Zum Beispiel, ob die vier weiteren Doping-Fälle brasilianischer Schwimmer in den vergangenen 18 Monaten nur eine zufällige Häufung waren. Oder warum in der Vergangenheit bei anderen positiven Proben auf Furosemid monate- oder gar jahrelange Sperren ausgesprochen wurden – erst 2010 musste die Brasilianerin Daynara nach einer Furosemid-Probe ein halbes Jahr pausieren.
Oder wie sich der venezolanische Kurzbahn-Weltmeister Albert Subirats fühlen muss, der wegen dreier verpasster Dopingtests ein Jahr Sperre erhielt, offenbar weil sein Verband die von ihm gemeldeten Aufenthaltsorte der Fina nicht übermittelt hatte – und nun zusehen muss, wie ein positiv getesteter Cielo um WM-Gold kämpft. Oder was ein Athlet wie Steffen Deibler denken soll, der genau weiß: „Ich würde gesperrt werden in Deutschland, definitiv, dürfte nicht die WM schwimmen, egal aus was für einem Grund das Zeug in meinem Körper ist.“
Schlecht für den Sport
Im Schwimmsport hatte in Sachen Anti-Doping-Kampf zuletzt lange eine Art gespenstische Ruhe geherrscht. Es waren zwar immer wieder Athleten wegen Verstößen bestraft worden, kaum je aber solche aus der ersten Reihe. Nun scheint zumindest die Fina ihre Berührungsängste verloren zu haben – und dennoch bietet das Regelwerk offenbar Schlupflöcher genug, um fälligen Sperren zu entgehen.
So entsteht der Eindruck, der Anti-Doping-Kampf sei Auslegungssache, mit der rechten Ausrede ließe sich jede Strafe umgehen. Mit Transparenz, gerade auch für die Athleten, hat das, unabhängig von der Frage nach Gerechtigkeit, wenig zu tun. Der ein bisschen schuldige Cielo darf nun in Schanghai Weltmeister werden. Schön für ihn. Schlecht für den Schwimmsport.